acetonperoxid: (Default)
[personal profile] acetonperoxid
Dass Fleischessünder dies erdulden müssten,
Vernahm ich, die, verlockt vom Sinnentrug,
Einst unterwarfen die Vernunft den Lüsten.
So wie zur Winterszeit mit irrem Flug
Ein dichtgedrängter breiter Tross von Staren,
So sah ich hier im Sturm der Sünder Zug

- Dantes Inferno, Fünfter Gesang

Ryou hatte die Stirn kraus gezogen und hatte seine Mimik kaum verändert, seit sie sich auf den Weg zum zweiten Höllenkreis gemacht hatten. Als er mit Kassandras Hilfe die Karte gezeichnet hatte, schien alles ganz einfach zu sein. Die oberen Kreise waren die größten, weshalb sie allein deswegen schon länger brauchen würden sie zu durchqueren, doch die tieferen waren dafür die gefährlichsten. Zumindest ging Ryou davon aus. Kassandra hatte ihm weniger Informationen geben können als gehofft. Welche Gefahren auf sie zukommen würden, hatte sie auch nicht beantworten können.
Er seufzte und rollte zum wiederholten Male die Karte auf. Lust war der zweite Kreis der Hölle und Ryou zerbrach sich den Kopf darüber, ob er ihnen gefährlich werden konnte oder nicht. Wenn er sich richtig erinnerte, hatte Dante in seiner Geschichte nur mit einer Frau gesprochen. Doch wie weit konnte er sich auf Dante verlassen?
Sein Blick wanderte zu Mariku und er rollte nebensächlich die Karte wieder zusammen. Jedes Mal, wenn er über Lust nachdachte, kam ihm Mariku in den Sinn. Bei ihm drehte es sich fast die ganze Zeit um Sex. Er wäre für Lust am anfälligsten.
Ryou stieß genervt Luft aus. Die Unwissenheit nagte an ihm. Wieder rollte er die Karte auf, doch diesmal um sie zu falten und anschließend in die Hosentasche zu schieben.
„Warum haben wir eigentlich keine Waffen?“, meckerte plötzlich Mariku und riss Ryou damit endgültig aus seinen Gedanken. „Bei der Tussi hingen die eh nur zur Deko rum.“
„Du kannst Tote nicht nochmal töten“, erwiderte Malik.
„Schon mal was von Zombies gehört?“
Malik verdrehte die Augen. „Wir sind in der Hölle. Hier sind alle so tot, toter geht’s gar nicht mehr.“
„Den Kopf kann ich ihnen trotzdem abschlagen. Dann sind sie tot ohne Kopf und weniger gefährlich.“
Malik öffnete den Mund, doch er konnte Marikus Logik in diesem Fall nicht widersprechen. Mariku hatte Recht, aber das würde er sicher nicht laut aussprechen. Die Genugtuung würde er Mariku nicht geben.

Sie hielten abrupt, als sie eine lange Schlange an Menschen erreichten. Sie standen ordentlich hintereinander und gingen in regelmäßigen Abständen immer wieder einen Schritt vor. Ryou kniff die Augen zusammen, doch er konnte den Anfang der Schlange nicht ausmachen.
„Was ist das hier?“, wollte Bakura wissen.
„Ich bin mir nicht sicher“, antwortete Ryou langsam. Er beobachtete, wie sich die Menschen bewegten. Ihre Mienen waren stoisch und sie schienen die vier Jungen gar nicht zu bemerken. „Um ehrlich zu sein, ich hab keine Ahnung. Am besten wir machen’s denen nach.“
„Oh, komm schon“, Mariku sah Ryou an, als hätte dieser den Verstand verloren, „wir haben keine Zeit für so einen Scheiß. Schmeiß die Höflichkeit in den Müll, wir drängeln uns jetzt vor.“ Und mit diesen Worten machte sich Mariku auch schon auf den Weg.
Bakura zögerte kurz. „Er hat recht.“
„Ja, schon gut.“ Ryou hob hilflos die Hände und folgte Mariku. Malik ging neben ihm, die Hände in den Hosentaschen vergraben.
„Mir gefällt’s nicht, dass er sooft Recht hat“, murmelte er.
Ryou schmunzelte nur.

Die Schlange war kürzer als Ryou anfangs gedacht hatte, doch was an ihrem Anfang lag, ließ selbst Mariku wieder ein paar Schritte zurückgehen. Vor ihnen türmte sich eine Kreatur auf, die halb-Mensch, halb-Schlange war. Der Oberkörper war der eines jungen Mannes, doch das faltige Gesicht wollte nicht so recht dazu passen. Der schlangenartige Unterleib war mit grauen Schuppen bedeckt. In der Hand hielt die Kreatur ein goldenes Zepter, das aussah, als könnte er es mit Leichtigkeit dazu benutzen einen Menschen aufzuspießen.
„Was ist das?“, flüsterte Malik und wandte den Blick nicht von der Kreatur ab.
„Ein Wächter“, antwortete Ryou und versuchte sich an den Namen zu erinnern. Er lag ihm auf der Zunge.
Der Name der Kreatur war Minos und wie Ryou bereits vermutet hatte, war er ein Wächter. Einer der Menschen aus der Schlange trat vor und das goldene Zepter blitzte kurz auf. Der Mensch, eine junge Frau mit blutgetränkter Kleidung, schien wieder zu sich zu kommen. Sie sah sich verwirrt um, bis ihr Blick auf Minos fiel. Ihre Augen weiteten sich und ihr Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei.
„Sprich deine Sünden.“ Minos‘ Stimme donnerte über ihre Köpfe hinweg und es war, als würde sie den Boden erbeben lassen.
Schnell sprudelten Worte aus dem Mund der Frau in einer, den vier Jungen, unbekannter Sprache. Als sie verstummte, kam Bewegung in Minos. Der Schlangenschwanz wickelte sich sieben Mal um seinen Oberkörper. Flammen erfassten die Frau und sie verschwand.
„Was tut es?“ Sie hatten den Prozess stumm beobachtet.
„Ich... ich denke“, begann Ryou, während er beobachtete, wie diesmal ein Mann vortrat und sich die Prozedur wiederholte. Minos‘ Schwanz legte sich diesmal dreimal um seinen Oberkörper. „Ich denke, er teilte die Seelen den Kreisen zu“, brachte Ryou seinen Satz schließlich zu Ende. „Wir müssen ihn irgendwie dazu bringen uns in den zweiten Kreis zu lassen.“
„Jo, Anakonda-Boy!“
Ryou und Malik richteten ihre entsetzten Blicke auf Mariku, der ein paar Schritte auf Minos zugegangen war.
Nur Bakura zeigte sich unbeeindruckt. Er war Marikus Dummheiten gewohnt, dass selbst das ihn nicht mehr schockte. „Das ist der Schwanz einer Kobra“, murmelte er stattdessen.
Ryou packte Mariku am Arm und zog ihn zurück. „Bist du irre? Du bringst uns noch um Kopf und Kragen!“
Doch Ryous Reaktion war zu spät gekommen, Minos hatte seine Aufmerksamkeit längst Mariku zugewandt.
„In die Schlange“, donnerte er.
Mariku riss sich von Ryou los. „Wir sind nicht tot.“
„Sterblichen ist der Zutritt verwehrt.“
„Jaja, die Leier kennen wir schon.“ Mariku wedelte unwirsch mit der Hand. „Und jetzt lass uns durch.“
„Sterblichen ist der Zutritt verwehrt“, wiederholte Minos.
„Ich glaub, du verstehst nicht“, Mariku trat direkt vor Minos und ließ sich dabei von seiner Größe von fast vier Metern nicht beeindrucken, „wir sind hier auf einer wichtigen Mission. Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, Luzi ist am krepieren und einer von uns ersetzt ihn möglicherweise, also schick uns in den zweiten Kreis und du kannst hier weitermachen.“
Minos rammte sein Zepter direkt vor Mariku in den Boden und verfehlte ihn nur um wenige Zentimeter. Mariku verzog keine Miene, doch innerlich raste sein Herz und überschlug sich dabei fast. „Kein Zutritt!“
Mariku legte seine Hand gegen das Zepter. Eine angenehme Wärme ging davon aus. „Ich muss mich wohl deutlicher ausdrücken: einer von uns wird dein Boss und du kannst dir sicher sein, wenn das passiert, dann landest du im tiefsten Drecksloch, das diese Hölle zu bieten hat.“ Er schlug gegen das Metall um seine Worte zu unterstreichen. Von der Stelle aus, gegen die er geschlagen hatte, begann sich ein Riss über den Stab nach oben zu ziehen. Mariku hob den Blick und ließ den Arm sinken. Er ahnte, dass das kein gutes Zeichen war.
„Made in China, was?“, witzelte er, doch man merkte ihm die Nervosität an. Aller Augen waren auf das Zepter gerichtet. Selbst die Toten schienen aus ihrer Starre erwacht zu sein und hatten ihre Blicke erhoben. Momente vergingen bis Minos schließlich brüllte. Die Toten senkten ihre Blicke wieder und ihre Mienen wurden erneut stoisch. Mariku stolperte zurück und fiel dabei über seine eigenen Füße. Minos hob das Zepter und Mariku schloss die Augen in Erwartung jeden Moment damit erstochen zu werden. Doch erneut verstrichen Momente in denen nichts passierte. Vorsichtig öffnete Mariku ein Auge und schließlich auch das zweite.
Minos starrte ihn an. Die dunklen Augen schienen Mariku bis ins tiefste seiner Seele zu blicken. Es war, als würde sich Minos durch seine Gedanken und Geheimnisse wühlen. Mariku presste die Lippen aufeinander und versuchte den Blick abzuwenden, doch es war Minos, der schließlich seinen Blick von Mariku nahm.
Langsam wickelte sich sein Schwanz um seinen Oberkörper.
Einmal.
Zweimal.
Die Flammen erfassten nicht nur Mariku.
Malik stieß einen überraschten Schrei aus, bis er merkte, dass die Flammen ihn nicht verbrannten. Sie waren angenehm warm und kitzelten sogar etwas. Minos und seine Freunde verschwammen und die Welt um ihn herum löste sich auf. Es fühlte sich an, als würde er fallen; als würde ein schweres Gewicht ihn nach unten ziehen. Ganz automatisch stemmte sich Malik dagegen. Er streckte die Arme aus und versuchte Halt zu finden, doch es gab nichts an dem er sich hätte festhalten können.

„Ich hasse Nebel“, war das erste, was Malik hörte, als er wieder Boden unter seinen Füßen spürte und auch seine Umgebung wieder Gestalt annahm. Sie waren erneut in dichten Nebel gehüllt und Malik hatte Schwierigkeiten seine Freunde auszumachen. Obwohl Mariku fast direkt neben ihm stand, konnte er nur seinen Umriss erkennen. „Ich geh keinen Schritt. Keinen Bock wieder irgendwo runterzufallen“, maulte Bakura weiter.
„Danke Mariku, dass du uns in den zweiten Kreis gebracht hast.“ Mariku hatte seine Stimme leicht verstellt, während er sprach. „Das war so großartig, ich weiß gar nicht, wie wir dir danken sollen.“ Er wechselte zu seiner normalen Stimme, bevor er weitersprach: „Das wär erstmal ein guter Anfang.“
Ryou seufzte und tauchte aus dem Nebel auf. „Ich bin dankbar dafür, dass uns deine wahnsinnige Aktion nicht umgebracht hat.“
„Ich wäre dankbar, wenn er uns gleich in den neunten Kreis teleportiert hätte.“
„Ich wär dankbar, wenn der scheiß Nebel weg wär.“
„Ihr könnt mir alle mal den Schwanz lutschen, wisst ihr das?“, murrte Mariku. „Undankbares Pack.“

Der Wind kam unerwartet. Ryou stieß einen überraschten Laut aus, als der Wind nicht nur seine Jacke zum Flattern brauchte, sondern sich auch einen Weg unter sein Hemd suchte. Er spielte mit seinen langen Haaren und es kam ihm vor, als wären es Finger, die über seine Brust und durch seine Haare strichen.
So plötzlich wie der Wind gekommen war, verschwand er auch wieder. Keuchend stolperte Ryou nach vorn und hielt sich an Bakura fest. Ein rötlicher Schimmer lag auf seinen Wangen.
„Alles okay?“, fragte Bakura.
„Ich bin mir nicht sicher“, antwortete Ryou atemlos. „Was war das?“ Der Wind hatte nur ihn erfasst gehabt. Er ließ Bakura wieder los und trat einen Schritt vor. Der Nebel löste sich unerwartet auf und gab den Blick auf eine breite Straße frei. Zwei LKWs hätte bequem nebeneinander fahren können. Alles, was am Rand der Straße lag, war jedoch immer noch verhüllt.
Ryou knöpfte sich die Jacke bis obenhin zu. Er fühlte sich immer noch unwohl und die Sache war ihm nicht geheuer. Er sah Malik an, der jedoch nur ratlos mit den Achseln zuckte.
„War doch nur ein bisschen Wind.“ Mariku winkte ab. „Lasst uns endlich gehen.“
Kaum hatte er seinen Satz beendet, kehrte der Wind zurück. Diesmal war es Bakura, der von ihm erfasst wurde.
Bakura keuchte. Finger strichen ihm durch’s Gesicht, doch als er seine Wange berührte, spürte er nur den Wind. Stimmen flüsterten ihm etwas ins Ohr, doch er konnte die Worte nicht verstehen.
Bakura fasste sich an den Kopf und ging fast in die Knie, als der Wind erstarb.
„Bist du in Ordnung?“ Ryou berührte ihn sanft am Arm, doch Bakura zuckte im ersten Moment zurück. Sein Herz schlug aufgeregt.
„Ich denke schon“, murmelte er und strich sich über die schweißnasse Stirn.
„Was hast du gefühlt?“
Doch Bakura zuckte nur mit den Schultern und nutzte sein Shirt um sich das Gesicht abzuwischen. Grub fuhr er mit dem Stoff über seine Wangen um das Gefühl der Berührungen loszuwerden.
Der zweite Windstoß hatte den Nebel, der den Straßenrand verhüllte, etwas gelichtet. Sie konnten Umrisse von Gebäuden erkennen.
Malik legte seine Arme um sich und starrte missmutig in den Nebel. „Ich find das hier echt unheimlich.“
„Ich beschütz dich.“ Mariku hatte seinen Arm noch nicht ganz um Maliks Schulter gelegt, als dieser ihn schon wieder von sich stieß.
„Tatsch mich nicht an, Creep.“
Der Wind hüllte Malik ein und dieser presste die Augenlider aufeinander. Eine weibliche Stimme flüsterte ihm etwas zu, doch Malik war sich nicht sicher, ob er wirklich verstehen wollte, was sie sagte. Lippen pressten sich auf die Seinen und er riss die Augen wieder auf. Es gab niemanden, der ihn küsste. Wieder zog sich der Wind zurück und Schwindel überkam Malik. Seine Beine gaben unter ihm nach, doch Mariku fing ihn auf. Krampfhaft krallte sich Malik in Marikus Shirt und hielt sich damit auf den Beinen.
„Scheiße“, fluchte Malik und ließ Mariku los, als er sich sicher sein konnte, dass ihn seine Beine wieder trugen. „Ich will hier weg.“ Er ließ seinen Blick wandern. Inzwischen war ihre Umgebung deutlich zu erkennen. Um sie herum standen Häuser; prächtige, jedoch zerfallene Häuser. Zerbrochene Scheiben und leere Fenster schienen sie anzustarren. Manche Häuser waren zum Teil eingestürzt, wieder andere waren teilweise niedergebrannt. Malik schauderte. Das war keine einladende Gegend.
Keiner von ihnen wollte noch länger rumstehen, doch weitergehen würde auch bedeuten, dass sie erneut in den Nebel treten mussten, denn der Bereich vor ihnen war immer noch verhüllt. Jedoch hatten sie auch keine andere Wahl. Trotz der breiten Straßen hielten sie sich nach beieinander.
Sie waren allerdings erst wenige Schritte gegangen, als der Wind für den letzten von ihnen zurückkehrte.
„So viel Leidenschaft“, flüsterte eine weibliche Stimme Mariku ins Ohr, doch Mariku ließ sich davon nicht beeindrucken.
„Verpiss dich“, zischte er und machte eine Handbewegung, als wollte er den Wind zur Seite schieben. Der Wind erstarb und die anderen sahen Mariku überrascht an. „Im Gegensatz zu euch lass ich mich von so einem Lüftchen nicht beeindrucken.“
Malik schnaubte. Er hatte das Gefühl, dass der Wind auf ihn den größten Einfluss gehabt hatte und schämte sich etwas dafür. Besonders, da ihn Mariku auch noch aufgefangen hatte.
„Dich fang ich aber immer wieder gerne auf.“ Manchmal hatte Malik das Gefühl, als könnte Mariku seine Gedanken lesen. Mariku hauchte Malik einen Kuss zu und dieser zeigte ihm den Mittelfinger.
„Schaut!“ Ryou zeigte in die nicht allzu weite Ferne. Der vierte Windstoß hatte den restlichen Nebel vertrieben.

Ein Turm erhob sich vor ihnen und sie mussten den Kopf in den Nacken legen um seine Spitze zu sehen. Er war aus dunklem Stein gefertigt und selbst aus der Entfernung war ein Glänzen wie frisch polierter Marmor zu erkennen. Das auffälligste jedoch war der Sturm, der sich wie eine Schlange um den schlanken Turm wand.
„Was zum Teufel?“
„Das ist die Strafe der Seelen, die im zweiten Kreis landen. Sie werden unaufhörlich vom Wind herumgerissen“, erklärte Ryou. „Es soll irgendwie die Unruhe der Leute, die ständig von...“ Ryou suchte nach der richtigen Formulierung, „die Unruhe der Leute, die ständig rumficken, symbolisieren... oder so was ähnliches.“
„Also so wie der da.“ Malik deutete auf Mariku.
„Ich fick nicht ständig rum, ich red nur davon“, verteidigte sich Mariku.
„Also nur große Klappe, nichts dahinter.“
„Ich zeig dir gleich was Großes.“ Mariku grinste und Malik verdrehte die Augen.

„Das ist meine persönliche Hölle“, murrte Bakura, während er die Zankerei der beiden verfolgte.
Ryou schmunzelte. „Wollen wir wetten?“
Bakura sah ihn aus den Augenwinkeln heraus an. „Wetten?“
„Wann sie sich das erste Mal zumindest küssen. Ich sag, noch bevor wir den sechsten Kreis erreichen.“
„Hm“, Bakura schmunzelte jetzt ebenfalls, „reden wir von einem erzwungenen Kuss, oder einem freiwilligen?“
„Freiwillig natürlich.“
„Spätestens vierter Kreis.“
Ryou hob die Augenbrauen. „So früh schon?“
„Ich kenn zwar Malik nicht so gut wie du, aber ich kenn Mariku und ich weiß, er schafft es ihn dazu zu bringen.“
„Gut, die Wette gilt.“
„Um was wetten wir eigentlich?“
Doch anstatt ihm eine Antwort zu geben, grinste Ryou nur verschmitzt. „Lasst uns gehen. Wir müssen zum Turm.“
Bakura sah Ryou hinterher und fragte sich, auf was er sich jetzt nur schon wieder eingelassen hatte. Zumindest ging es um Ryou, da konnte es nicht so schlimm werden... hoffte er.

Die Winde wurden stärker, je näher sie dem Turm kamen, doch obwohl es diesmal nur gewöhnliche Winde zu sein schienen, fühlte Malik sich unwohl. Der Turm ragte drohend über ihnen und die dunklen Wolken ließen ihn nicht einladender wirken. Malik hatte eine Gänsehaut und immer wieder lief es ihm kalt den Rücken hinunter. Zum wiederholten Male fragte er sich, wie er nur in so eine verfluchte Situation geraten hatte können. Es klang immer noch lächerlich, doch trotzdem stand er hier im zweiten Kreis der Hölle und trotz des Gegenwinds schien er von diesem Turm angezogen zu werden. Fast war es wieder, als könnte er erneut die Stimme flüstern hören. Er verstand die Worte nicht, doch allein der Tonfall schien ihm die Erfüllung seiner Sehnsüchte zu versprechen. Verstohlen sah er zu den anderen, doch von ihnen schien niemand etwas zu bemerken. Kurz blieb sein Blick auf Mariku hängen und er presste die Lippen aufeinander. Fast schon wünschte er sich, wieder einen Streit mit Mariku anzufangen um zumindest für eine Weile von diesem unguten Gefühl abgelenkt zu sein. Als er daran dachte, begann sein Herz schneller zu schlagen. Nur schwer konnte Malik den Blick abwenden. Was war nur los?

Doch Malik war nicht der einzige, der sich unwohl fühlte. Ryou drehte nervös eine Haarsträhne zwischen den Fingern. Er musste sich einerseits zwingen einen Fuß vor den anderen zu setzen, doch andererseits konnte er es kaum erwarten den Turm zu betreten um zu sehen was sie erwartete. Das war etwas, was er sich seit langem gewünscht hatte. Nun ja, er hatte sich nicht direkt gewünscht in der Hölle zu landen, aber all die Jahre war er immer nur belächelt worden, weil er an Geister glaubte und auf Tarotkarten vertraute. Selbst sein Vater hatte ihn einmal beiseite genommen um mit ihm über die Briefe zu reden, die er an seine tote Schwester schrieb. Aber jetzt wusste er endlich, dass sie alle falsch lagen. Er lächelte leicht und versuchte seine plötzliche Freude zu verstecken.
Er sah zu Bakura, der sich gerade zum wiederholten Mal über die Wange wischte.
Bakura konnte nicht aufhören sich über die Wange zu wischen. Er hatte immer noch das Gefühl, als würde ihn jemand berühren. Es löste Unwohlsein in ihm aus. Wütend starrte er den Turm an und kämpfte dabei gegen den Wind. Er hatte davon mindestens schon genauso die Schnauze voll wie von Nebel.
Bakura bemerkte, das Ryou ihn ansah und hörte auf sich über die Wange zu wischen. Mit einem Mal bekam er Herzrasen und er keuchte überrascht auf.
„Bist du okay?“, fragte Ryou.
Bakura nickte nur. Er konnte sich das Herzrasen nicht erklären. Klar, es hatte schon immer etwas schneller geschlagen, wenn er mit Ryou zu tun gehabt hatte, aber so krass hatte er auch noch nicht erlebt. Er sah wieder zum Turm und konnte es plötzlich nicht mehr erwarten ihn zu betreten.
Das stetige Flüstern hatte er nicht bemerkt.
Mariku war der einzige, der nicht betroffen war. Neugierig beobachtete er, wie sich der Sturm um den Turm bewegte und den darin gefangenen Seelen keine Ruhe ließ.

Ohne zu zögern stieß Mariku die Turmtür auf.
„Sei vorsichtig“, zischte Ryou hinter ihm.
„Sagt der, der die Tür zur Hölle aufgemacht hat.“
Ryou presste die Lippen aufeinander.
Es empfing sie angenehme Wärme und leicht gedämpftes Licht. Nach der Kälte und dem Wind war das eine willkommene Abwechslung.
„Hallo Ladies“, sagte Mariku mit einem Grinsen und ließ seinen Blick durch den großen Raum schweifen. Er war gefüllt mit Sukkubi, die sich auf großen Kissen räkelten oder vergoldete Kelche in den Händen hielten. Es wuchsen nicht nur kleine, ledrige Flügel aus ihren Rücken, sondern sie hatten auch dünne Schwänze, die eher an Peitschen erinnerten, und geschwungene Hörner auf ihren Köpfen. Es waren die unterschiedlichen Frauen vertreten und außer den dämonischen Zügen hatten sie noch eine weitere Gemeinsamkeit: eine Tätowierung in Form von Runen zog sich über ihre linken Oberschenkel.
Die Sukkubi sahen im ersten Moment überrascht aus, doch dann wandelten sich ihre Gesichtsausdrücke in Freude. Sie schwärmten kichernd näher und betrachteten die Neuankömmlinge.
„Passt bloß auf und lasst euch nicht von ihnen verfüh...“ Ein Sukkubus hatte Ryous Gesicht zwischen ihre Hände genommen und lächelte ihn an. Ryou spürte, wie ihm die Röte in die Wangen kroch. „Verführen“, flüsterte er.
„Du bist so süß.“ Ihre Stimme war weich und angenehm. Ryou spürte, wie sich sein Körper entspannte. Der Sukkubus kam näher. Er spürte ihre Brüste an seiner Brust und beobachtete, wie die Lippen langsam näher kamen.
Ryou wurde aus der Umarmung des Sukkubus gerissen und fand sich stattdessen in Bakuras Armen wieder. „Finger weg“, murrte Bakura.
Zwei Sukkubi schmiegten sich an ihn, doch Bakura schüttelte beide ab. Er wurde von den Frauen nicht beeinflusst, einfach, weil er noch nie Interesse an Frauen gezeigt hatte. Das würden auch diese Dämonen nicht ändern. Er musste nur aufpassen, dass sie Ryou nicht bekamen.
Malik dagegen starrte auf den Boden und schirmte seine Augen noch zusätzlich mit den Händen ab. Seine Wangen waren gerötet. Er hatte schon immer Schwierigkeiten mit dem anderen Geschlecht gehabt, außer es war seine Schwester. Selbst in der Schule fiel es ihm schwer vernünftig mit seinen Klassenkameradinnen zu reden. Leider schien ihn das noch beliebter zu machen. Jedes Mal, wenn ihn einer der Sukkubi berührte, wich er zur Seite aus. Er linste zu Mariku und biss sich auf die Unterlippe.
Mariku war ganz in seinem Element. Anstatt sich von der Sukkubi verführen zu lassen, war er es, der mit den Sukkubi flirtete. Eine Traube hatte sich um ihn gebildet und alle hingen mit geröteten Wangen an Marikus Lippen. Sie kicherten, während Mariku ihnen Komplimente machte.
Um eine hatte Mariku seinen Arm gelegt. „Du bist was ganz Besonderes“, flüsterte er ihr ins Ohr, während eine Hand über ihren Hals nach unten wanderte und am Brustansatz stoppte. Federleicht strichen seine Finger über die weiche Haut. Die Augen des Sukkubus waren glasig. Mariku lächelte, auch wenn ihm mehr nach Grinsen zumute war. Es brauchte schon mehr als eine Horde dämonischer Frauen um ihn gefügig zu machen.

Bakura dagegen versuchte mit allen Mitteln die Sukkubi von ihm und Ryou fernzuhalten, doch zwei hatten sich gegen seine Arme gedrückt, während zwei weitere langsam Ryou aus seiner schützenden Umarmung zogen. Ryou reagierte kaum. Er lächelte nur entrückt und stand schon ganz unter dem Bann der Sukkubi.
„Ryou“, fauchte Bakura, während er sich gegen die Sukkubi stemmte. Trotz ihrer fragil wirkenden Körper waren sie überraschend stark. „Ryou verdammt, komm zu dir!“
Langsam drehte Ryou den Kopf und sah Bakura an. Er blinzelte ein paar Mal und für einen Moment wurde sein Blick wieder klar, doch noch mehr Sukkubi waren bereits zur Stelle und Ryou wandte seinen Blick wieder von Bakura ab.
Bakura knirschte mit den Zähnen. Er stieß zwei Sukkubi von sich und bahnte sich seinen Weg zu Ryou, der von den Sukkubi bereits durch den halben Raum geführt worden war. „Wir müssen hier endlich weg!“
„Und zwar so schnell wie möglich“, stimmte Malik zu. Er hatte es bisher ganz gut geschafft sich die Sukkubi vom Leib zu halten.
„Ihr seid solche Spielverderber“, erwiderte Mariku grinsend. Malik verdrehte die Augen. „Oder bist du etwa eifersüchtig?“
„Ganz sicher nicht!“
„Ich denk schon.“
Malik tippte sich gegen die Stirn. „Du hast sie ja nicht mehr alle.“ Malik merkte nicht mal, wie sehr sein Blut mit einem Mal in Wallung geriet.
Mariku kam näher, die Sukkubi folgten ihm auf dem Fuße. „Mach dir keine Sorgen, du bleibst immer meine Nummer eins.“
„Du auch... auf meiner Hassliste.“
„Du weißt, dass es mich anturnt, wenn du so zu mir bist?“ Die Sukkubi waren nicht mehr interessant. Mariku hatte seine ganze Aufmerksamkeit auf Malik konzentriert.
„Du bist so krank im Kopf!“ Malik verspürte unbewusst ein Gefühl der Befriedigung, als Mariku nur noch auf ihn achtete. „Du wärst hier echt gut aufgehoben.“
„Du würdest mich nur vermissen.“
„Niemals.“
„Und mit wem würdest du dann streiten?“
Eine Antwort blieb Malik ihm schuldig, denn ein Schrei zog ihre Aufmerksamkeit auf sich.

Bakura hatte genug vom Wegstoßen und zur Seite schieben, er war zu mehr brachialer Gewalt übergegangen. Zwei Sukkubi lagen auf dem Boden und fauchten wütend, doch Bakura schenkte ihnen keine Beachtung. Er hatte eine andere gepackt und ihr den Arm auf den Rücken gedreht. Er nutzte sie als Schutzschild, während die anderen Ryou als Geisel hielten.
Mariku seufzte. „Der kann einfach nicht mit Frauen umgehen. Komm, lass uns die Beiden mal retten.“ Malik folgte Mariku, genauso wie die Sukkubi, die Mariku zuvor bezirzt hatte. Malik presste wütend die Lippen aufeinander. Er kam sich dumm vor Mariku genauso hinterherzulaufen wie diese Dämonen. „Ladies, ich bin sicher, das ist nur ein Missverständnis“, versuchte Mariku die Wogen zu glätten.
„Die sollen Ryou freilassen!“
Die Sukkubi fauchten und hatten ihre Klauen erhoben. Ihre Schwänze peitschen durch die Luft. Mariku stellte sich zwischen Bakura und die Sukkubi und ging einen Schritt auf die Sukkubi zu. Diese wichen unsicher einen Schritt zurück. „Entschuldigt meinen Freund, er ist ein Idiot ohne Manieren.“
„Sagt der richtige“, murrte Bakura.
„Er weiß einfach nicht, wie er mit zwei so liebreizenden Damen umzugehen hat.“
Malik beobachtete mit gehobenen Augenbrauen, wie Mariku wieder einmal die Sukkubi um den Finger wickelte. Es war erstaunlich wie charmant er plötzlich sein konnte, während er sich ihm gegenüber immer wie ein Arschloch aufführte. Nicht, das Malik das Süßholzgeraspel lieber gewesen wäre. Er wollte gerade den Blick abwenden, als er bemerkte, das Mariku ihn ansah. Er machte eine leichte Kopfbewegung in Ryous Richtung, bevor er sich wieder den Sukkubi zuwandte.
Malik sah zu Ryou, der mit leerem Blick nach vorne starrte. Die Sukkubi, die ihn zuvor noch festgehalten hatten, hatten ihn losgelassen und hingen stattdessen an Marikus Lippen.
Malik nahm Ryou am Arm und sah zu Bakura. Dieser hatte den Sukkubus losgelassen, die sich jetzt stattdessen an Mariku schmiegte. Er nickte Malik kurz zu. Malik führte Ryou zum anderen Ende des Raumes, wo eine Treppe den Turm hinauf führte.
Bakura erreichte die Treppe kurz nach ihnen und widmete sich sofort Ryou. „Ryou, hey, Ryou“, flüsterte er eindringlich und schüttelte Ryou sanft.
Malik hatte seinen Blick dagegen auf Mariku gerichtet, der immer noch auf die Sukkubi einredete, dabei aber langsam der Treppe immer näher kam. Er machte eine kurze Winkbewegung, um ihnen zu deuten, dass sie vorgehen sollten.
Da Ryou immer noch nicht reagierte, nahm Bakura ihn bei der Hand und zog ihn hinter sich her, die Stufen nach oben. Ryou folgte. Die Treppe schlängelte sich um eine Säule in der Mitte und Malik blieb stehen, nachdem sie die Säule fast einmal umrundet hatten.
„Lass uns hier warten.“
Bakura tätschelte leicht Ryous Wange und wiederholte mehrmals seinen Namen. Ryous Blick fokussierte sich auf Bakura. „Ba...kura?“ Seine Stimme war leise.
„Schön, dass du wieder bei uns bist.“ Bakura lächelte.
„Was...?“ Doch er konnte seine Frage nicht beenden, denn schnelle Schritte waren von unten zu hören und schließlich bog Mariku um die Ecke. Er grinste selbstzufrieden.
„Was steht ihr hier rum?“
„Wir haben auf dich gewartet.“
Mariku grinste Malik an. „Das ist aber süß.“
Murrend wandte Malik ihm den Rücken zu. „Lasst uns endlich weiter. Wir verschwenden hier nur Zeit.“

Schweigend stiegen sie die scheinbar endlosen Stufen nach oben. Malik strich sich die Haare zurück. Er gähnte und seine Beine fühlten sich schwer an. Kassandra hatte gesagt, dass sie weder Essen noch Schlaf brauchten, aber im Moment wäre ihm ein Nickerchen ganz recht.
Ryou japste hörbar nach Luft, blieb stehen und vergrub sein Gesicht in den Händen. „Oh nein!“
„Was ist los?“ Bakura legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Das eben war ja so peinlich.“ Ryou linste zwischen seinen Fingern hervor. „Erzählt bitte nie jemandem davon.“
Bakura und Mariku lachten, doch Malik war nicht nach Lachen zumute. „Wir haben niemanden, dem wir irgendwas erzählen können, wenn wir uns nicht beeilen.“
„Du bist so ein Miesepeter, weißt du das?“
„Nerv mich nicht.“ Malik setzte den Weg fort, Mariku ging neben ihm.
„Du bist noch schlechter drauf als sonst, kann das sein?“ Malik zeigte ihm nur den Mittelfinger. „Entspann dich mal.“
Malik war kurz davor sich auf Mariku zu stürzen um ihm ins Gesicht zu schlagen. „Entspannen? Wir sind kurz davor zu krepieren und du kommst mir mit entspannen?“
Mariku zuckte nur mit den Schultern und ließ sich ein paar Stufen zurückfallen. Malik atmete tief durch um sich wieder zu beruhigen. Was war es nur, dass ihn ausgerechnet bei Mariku immer so ausflippen ließ? Malik warf einen Blick über die Schulter. Mariku hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben und seinen Blick auf die Stufen gerichtet. Malik knirschte mit den Zähnen. Irgendwie machte es ihn sogar noch wütender, dass Mariku einfach so dem Streit ausgewichen war.

Malik beschleunigte unbewusst seine Schritte und erreichte damit als erster den nächsten Raum, der nicht anders aussah als der erste. Es gab nur einen Unterschied: statt Sukkubi gab es hier Inkubi. Er wich zurück und rempelte dabei gegen Mariku.
„Was...?“ Doch Malik drückte ihm die Hand auf den Mund und legte sich selbst den Finger auf die Lippen. Mariku nickte kurz und Malik nahm die Hand weg.
„Inkubi“, flüsterte er und spähte um die Ecke. Am anderen Ende des Raums war die nächste Treppe.
„Was machen wir jetzt?“, flüsterte Ryou. Er hatte keine Lust, dass sich die Geschehnisse von zuvor wiederholten. Am liebsten wäre er vor Scham im Boden versunken, wenn er nur daran dachte.
„Am besten wir lassen Malik vorgehen, mit seiner schlechten Laune verdirbt er jedem die Lust.“
„Pass auf, dass ich dich nicht die Treppe runter schubse“, zischte Malik.
„Wir laufen einfach durch“, schlug Bakura vor um einen erneuten Streit der beiden zu verhindern. „Ganz nach dem Motto Augen zu und durch.“
„Ob das klappt?“ Ryou stand der Zweifel ins Gesicht geschrieben.
„Haben wir eine andere Wahl?“ Ryou war nicht überzeugt. „Bleib einfach in meiner Nähe und lass dich nicht volllabern.“
Ryou kroch die Röte ins Gesicht, doch nicht wegen Bakuras Worten, sondern weil er sich endlos dafür schämte, dass ihn die Sukkubi so einfach hatten bezirzen können. Dabei hatte er noch zuvor alle gewarnt.
„Ach, wie süß.“
Bakura ballte die Hände zu Fäusten. „Halt’s Maul, Mariku.“
„Ich freu mich doch nur für dich.“ Mariku grinste und Bakura verdrehte die Augen.
„Manchmal frag ich mich ernsthaft, warum ich mit dir befreundet bin. Eigentlich sollte ich mich mit Malik zusammentun und dir die Fresse polieren.“
„Das war fies.“
„Kommt ihr jetzt endlich?“ Malik tippte unruhig mit seinen Fingern gegen die Wand.
„Wir haben noch keinen wirklichen Plan“, warf Ryou.
„Der Plan ist, dass ihr euch verdammt nochmal zusammenreißt und nicht wegen einem Paar hübschen Augen komplett den Verstand verliert.“ Mit diesen Worten wagte Malik den ersten Schritt in den Raum. Sofort zog er die Aufmerksamkeit der Inkubi auf sich, doch die währte nicht lange. Es war, als würde ihn eine Aura umgeben, die dafür sorgte, dass die Inkubi sich von ihm abwandten.
Mit gehobenen Augenbrauen sah Mariku ihm hinterher. „Ihr könnt sagen was ihr wollte, aber der ist richtig schlecht drauf.“
Ryou nickte langsam. Er kannte Malik gut, aber so schlecht gelaunt hatte er ihn noch nie erlebt. Selbst dann nicht, wenn er wieder in eine seiner endlosen Triaden über Mariku verfiel. Malik war im Moment richtig zum fürchten.

Unbehelligt erreichte Malik die Treppe auf der anderen Seite. Er stieg weiter nach oben ohne auf die anderen zu warten.
„Dieser Idiot“, murrte Mariku. Er hatte kein gutes Gefühl dabei, wenn sie voneinander getrennt wurden. Er hastete Malik hinterher, kam jedoch nicht weit bevor die Inkubi ihn einkreisten. Mariku seufzte und ließ wieder seinen Charme spielen. Diesmal war er jedoch weniger bei der Sache. Seine Gedanken kreisten um Malik. Hatte er nicht einfach auf sie warten können? Warum hatte er vorlaufen müssen?
„Komm.“ Bakura packte Ryou am Handgelenk und zog ihm am Rand entlang durch den Raum. Seinen Blick hatte er auf den Boden gerichtet. Er war bei den Sukkubi nicht schwach geworden, also würden auch die Inkubi keine Wirkung auf ihn haben. Er musste nur Ryou gut festhalten, dann wäre das alles kein Problem. Zumindest redete sich Bakura das ein.
Sein Plan funktionierte solange bis er mit einem Inkubus zusammenstieß und das Gleichgewicht verlor. Vor Überraschung ließ er Ryou los.
„Alles in Ordnung?“ Es klang wie Ryous Stimme, doch irgendwie falsch. Bakura sah auf. Lächelnd stand ein Inkubus über ihm und streckte ihm die Hand entgegen. Er hatte lange, schwarze Haare. Bakuras Sicht verschwamm für einen Augenblick und als er wieder klar sehen konnte, war es kein Inkubus, der über ihm stand, sondern Ryou. Bakura war erleichtert. Er ergriff die Hand und ließ sich zurück auf die Beine ziehen.
„Ryou“, murmelte Bakura.
„Ich bin so froh, dass du auf mich aufpasst“, flüsterte Ryou und ließ seine Finger über Bakuras Brust wandern.
„Ich geb mir Mühe.“ Bakura grinste leicht.

Hilflos stand der richtige Ryou daneben und konnte nur dabei zusehen, wie Bakura auf die Illusion des Inkubus hereinfiel, wie es ihm selbst zuvor bei den Sukkubi ergangen war.
„Mariku!“
„Bin beschäftigt.“ Mariku kam kaum einen Schritt vorwärts, denn die Inkubi waren noch anhänglicher als ihre weiblichen Gegenstücke.
„Aber was soll ich machen?“
„Tritt ihm in die Eier.“
Mit zusammengepressten Lippen starrte Ryou Mariku an und blickte dann langsam zu Bakura. „Das kann ich nicht.“
„Tu’s!“
Bakura strich dem Inkubus über die Wange und schien kurz davor ihn zu küssen. Ryou atmete tief durch. „Okay!“ Er schubste den Inkubus zur Seite, der zu überrascht war um zu reagieren. „Tut mir leid.“ Ryou trat zu und Bakura schrie auf. Er ging in die Knie und sah mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Ryou auf.
„Warum hast du das gemacht?“
„Mariku hat gesagt, ich soll’s machen.“
Marikus leises Lachen war zu hören.
„Warum hörst du auf ihn?!“ Ryou tippte mit seinem Zeigefinger gegen seine Lippen und suchte nach einer Antwort. Bakura ließ sich auf ein nahes Kissen sinken, eine Hand lag in seinem Schritt. „Vergiss es einfach.“ Er sah zu dem Inkubus, der immer noch leicht benommen auf dem Boden hockte. Es war nicht Ryou gewesen. Bakura sah zum richtigen Ryou hoch, der ihn schuldbewusst ansah. Seufzend stand Bakura wieder auf und wuschelte Ryou durch die Haare. „Zumindest hat’s geholfen.“
Ryou lächelte erleichtert. „Lass uns lieber weiter, solange Mariku noch die ganze Aufmerksamkeit kriegt.“
Bakura warf seinem Freund einen kurzen Blick zu. Mariku hatte inzwischen mindestens 20 Inkubi am Hals und hatte nicht wie zuvor die Möglichkeit sich zur Treppe zu bewegen. „Vielleicht sollten wir ihm helfen.“ Bakura stand zwar der Sinn nach Rache, aber er konnte Mariku nicht einfach zurücklassen. Sie brauchten jeden einzelnen von ihnen, wenn sie die Sache durchstehen wollten.
„Und wie?“
„Ich lenk sie ab und du holst Mariku raus.“ Während er sprach ließ er seinen Blick durch den Raum gleiten.
„Du bist aber ziemlich anfällig für sie.“
Bakuras Blick richtete sich wieder auf Ryou. „Du solltest lieber ganz still sein.“
Verlegen senkte Ryou seinen Blick.
Bakura nahm eine der Fackeln, die den Raum erhellten, aus ihrer Halterung. „Ziemlich altmodisch.“ Er sah Ryou wieder an. „Ich mach denen jetzt etwas Feuer unterm Hintern und du schaust, dass du Mariku kriegst.“
Ryou sah zweifelnd von der Fackel zu Bakura, sagte jedoch nichts. Er hoffte, dass Bakura wusste, was er da tat.

Da alle Blicke auf Mariku ruhten, konnte sich Bakura ganz unauffällig den Dämonen nähern. Er setzte eins der Kissen in Brand und beobachtete für einen Moment, wie sich die Flammen durch den Stoff fraßen, dann ging er weiter und zündete noch zwei weitere Kissen an.
Ein quälender Schrei hallte durch den Raum, als das Feuer den ersten Inkubus erreichte und überraschend schnell in Brand steckte. Schreiend wälzte sich der Dämon auf dem Boden und zog damit jegliche Aufmerksamkeit auf sich. Auch Mariku streckte den Hals um zu sehen was los war.
Die Feuer breiteten sich rasend schnell aus und Panik kam auf. Ryou nutzte die Aufregung um sich einen Weg zu Mariku zu bahnen. Als er ihn erreicht hatte, packte er ihn am Arm. Instinktiv zog Mariku den Arm zurück, doch als er Ryou erkannte, atmete er erleichtert aus.
Bakura warf die Fackel in die Mitte der Inkubi und verstärkte damit die Panik. Die Dämonen liefen verwirrt durch den Raum und schienen mit der Situation völlig überfordert.
Bakura grinste zufrieden. Das hatte überraschend gut funktioniert. Er beobachtete das Chaos, bis Ryou seine Hand griff und zur Treppe zog. „Du genießt das viel zu sehr“, murmelte er.
„Lass mir doch meinen Spaß.“
Ryou hob die Augenbrauen, sagte jedoch nichts mehr dazu. Bakura hatte eine seltsame Definition von Spaß, aber zumindest hatte sein Plan geklappt.

Mariku hastete, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe nach oben. Jetzt da er die Inkubi los war, hatte er wieder nur Malik im Kopf.
Abrupt blieb er stehen, als er Malik an der Wand lehnen sah. Malik hatte die Arme vor der Brust verschränkt und die Augen geschlossen.
„Bist du total wahnsinnig?“, fuhr Mariku ihn an und Malik öffnete die Augen. „Wenn du nochmal alleine vorrennst, dann...“
„Dann was?“, fragte Malik mit einem spöttischen Grinsen auf den Lippen.
Mariku packte ihn am Kragen und drückte ihn gegen die Säule.
„Dann sorg ich dafür, dass du alleine nicht mehr laufen kannst.“
Ryou blieb überrascht stehen, als er seine beiden Freunde erreicht hatte. Er sah ständig, wie Malik Mariku wütend anbrüllte, Mariku jedoch völlig gelassen blieb. Diesmal war es umgedreht und es war nicht nur ein seltsamer Anblick, sondern auch einer, der Ryou beunruhigte. Er teilte inzwischen Marikus Ansicht, dass Malik ungewöhnlich wütend war. Ryou würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass Malik nicht er selbst war. Sein Verdacht erhärtete sich, wenn er Malik ansah. Etwas in seinen Augen stimmte nicht. Sie hatten ein dunkles Violett angenommen.
„Oh, wann denn? Vor den Sukkubi oder nach den Inkubi oder vielleicht dazwischen?“
„Das ist nicht witzig.“
„Ach ja? Für dich ist doch immer alles nur ein Scherz. Der große, tolle Mariku, er ist ja so cool.“ Seine Stimme triefte vor Spott.
„Malik, beruhig dich bitte.“ Ryou berührte ihn an der Schulter und zog scharf Luft ein.
Malik wandte den Kopf und seine Augen blitzten auf. „Ach Ryou.“ Seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, doch sie widerhallte seltsam, als hätte Malik mit zwei unterschiedlichen Stimmen gesprochen.
Ryous Hand ruhte immer noch auf seiner Schulter und er schaffte es nicht, sie wegzunehmen. Er spürte einen sanften Wind auf seinen Wangen.
„Hey, hier spielt die Musik“, fauchte Mariku und drückte Malik erneut gegen die Wand.
„Natürlich, du brauchst ja meine Aufmerksamkeit, nicht wahr?“ Malik drehte seinen Kopf wieder zu Mariku.
Mariku knirschte mit den Zähnen. Er spürte den Wind, der schon fast gewaltsam an ihm zerrte, doch keiner der anderen schien ihn zu bemerken. Mit zusammengebissenen Zähnen starrte er Malik an, doch es war nicht „sein“ Malik. Nicht nur Ryou war die Verfärbung von Maliks Augen aufgefallen und es war ihm auch nicht die zweite, weibliche Stimme entgangen, die jedes Mal erklang, wenn Malik sprach.
„Du bist nicht Malik“, sagte Mariku plötzlich und ließ ihn los.
Überraschung legte sich auf Maliks Gesicht und er stieß Ryou von sich, der gegen Bakura prallte. Bakura konnte das Gleichgewicht gerade noch halten, doch als er Ryou berührte zog auch er scharf Luft ein. Bakura musste sich an der Säule abstützen. Wind strich ihm durch die Haare. Er sah Ryou an. Worauf hatte er endlich die ganze Zeit gewartet? Doch bevor er etwas tun konnte, zog Ryou ihn zu sich und küsste ihn.

„Was hast du gesagt?“, fragte Malik leise.
„Du bist nicht Malik.“ Sie bekamen gar nicht mit, was Bakura und Ryou taten.
„Ach nein?“ Malik lachte. „Haben dir die Dämonen den Verstand aufgeweicht?“
„Ich kenne Malik jetzt schon seit sechs Jahren und er hätte nie zugelassen, dass ich ihn anfasse. Geschweige denn, dass er so ruhig dabei geblieben wär. Du bist nicht Malik und deshalb bist du meine Zeit nicht wert. Und hör mit diesem verdammten Wind auf, der geht mir echt auf den Sack.“
Die Selbstgefälligkeit in Maliks Gesicht wich der Wut und mit der Wut wurden seine Augen wieder heller und seine Stimme begann wieder normal zu klingen. Der Wind erstarb plötzlich. „Es sind sieben Jahre, du Arsch! Seit sieben Jahren muss ich mir deinen Scheiß anhören.“
„Ich bin ziemlich sicher, ich hab erst angefangen dich anzubaggern, als wir in die Pubertät gekommen sind.“
„Blöde Sprüche hattest du früher schon drauf und dein Gesicht musste ich auch ertragen. Es ist über die Jahre nur viel schlimmer geworden!“
Mariku unterdrückte ein Lächeln. Ja, das war der Malik, den er kannte. Von 0 auf 180 in zwei Sekunden, aber es fühlte sich anders an als zuvor. Das war Maliks ehrliche Wut.
„Wir wären ein tolles Paar.“
„In meinen schlimmsten Albträumen vielleicht.“
„Immerhin träumst du davon.“
Malik öffnete den Mund und starrte Mariku an, eine Erwiderung blieb er ihm jedoch schuldig.
„Hab ich dich sprachlos gemacht?“
„Halt’s Maul“, fauchte Malik. „Und grins nicht so dumm!“

Ryou krallte seine Finger in Bakuras Haare. Er spürte die kalte Wand in seinem Rücken gar nicht, genauso wenig wie den Wind, der sie schon die ganze Zeit umgab. Das einzige was zählte, waren Bakuras Lippen auf den seinen, seine Zunge in seinem Mund und sein Körper gegen ihn gepresst. Sein Herz war fast dabei sich zu überschlagen, während es heftig gegen seinen Brustkorb pochte. Das war so einfach. Warum hatte er früher nur nie den Mut aufbringen können?
Aber selbst wenn er mal versucht hatte, Bakura näher zu kommen, war immer alles von Malik und Marikus Streitereien überschattet worden.
Genau wie jetzt.
Ihre Stimmen nagten an seinen Ohren und er konnte die Situation nicht wirklich genießen. Konnten sie nicht einmal die Klappe halten? Warum konnten sie ihm nicht einmal eine ruhige Minute mit Bakura gönnen?
Ryou riss die Augen auf und schob Bakura von sich. Schon fast entsetzt sah er ihn an.
„Was ist?“, fragte Bakura leise und wollte Ryou wieder küssen, doch dieser hielt ihn auf Abstand, auch wenn es ihm schwer fiel.
„Was machen wir hier eigentlich?“
„Uns küssen?“ Es lag ein leichtes Grinsen auf Bakuras Lippen. Ryou nickte langsam und seine Finger krallten sich in Bakuras Shirt, als wollte er ihn näher ziehen. Sein Blick richtete sich auf Malik und Mariku, die immer noch stritten. Irgendwas war nicht richtig.
Sie waren im ersten Kreis der Hölle. Lust. Nein, nicht nur Lust allein, sondern auch...
„Leidenschaft“, flüsterte Ryou. Wind spielte mit seinen Haaren. „Nicht nur Lust.“ Er ließ Bakura los und schlug sich mit der Faust auf die Handfläche. „Das ist es! Wir sind mitten in die Falle getappt.“ Er sah Bakura mit einem zufriedenen Lächeln an. Warum war er nur noch nicht früher darauf gekommen? „Der Wind verstärkt unsere Lust aufeinander“, er deutete zwischen sich und Bakura hin und her, „aber auch Maliks Leidenschaft mit Mariku zu streiten.“
„Was?“, fauchte Malik seinen Freund an. Er hatte ihm zuvor nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt, doch bei seinem letzten Satz war er hellhörig geworden.
„Du streitest sooft mit Mariku, weil es dir gefällt.“
„Bist du jetzt total bekloppt?“
Doch Ryou ließ sich nicht beirren. „Seit wir diesen Turm betreten haben, versuchst du konsequent Streit mit Mariku anzufangen. Verstärkt wird das durch den Wind.“
„Welchen Wind?“
„Dieser Scheißwind ist schon die ganze Zeit da, wie kannst du den nicht bemerken?“, fragte Mariku mit gehobenen Augenbrauen.
Malik sah Mariku an, dann Ryou. „Ich hab keine Ahnung von was ihr redet.“
„Weil du immer noch unter dem Bann stehst, deshalb.“
„Ich stehe unter keinem Bann“, fauchte Malik.
„Also stehst du einfach so drauf mit mir zu streiten?“ Marikus Grinsen trieb Malik erneut zur Weißglut.
„Hört auf! Hört auf! Hört auf!“ Ryou schob sich zwischen die beiden Streithälse, doch als seine Finger Malik leicht streiften, spürte er erneut den aufdringlichen Wunsch Bakura gegen die Wand zu drücken. Ryou zog seine Hand zurück und drückte schützend an sich. Er starrte Malik an, der misstrauisch die Augen zusammengekniffen hatte.
„Was ist?“
„Nichts“, antwortete Ryou schnell. Er wandte den Blick von Malik ab. Sein Herz raste. Sie mussten so schnell wie möglich hier weg. Malik stand schon zu sehr unter dem Einfluss dieses Kreises, wenn sie noch mehr Zeit verschwendeten könnten sie ihn verlieren. „Weiter und nicht streiten.“ Ryou ging diesmal vor. Er hätte niemals erwartet, dass es Malik sein würde, der am heftigsten betroffen war. Er warf einen kurzen Blick über die Schulter. Mariku hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben und linste immer wieder zu Malik hinüber, der jedoch stur geradeaus starrte.
Ryou sah wieder nach vorn. Er hatte viel mehr damit gerechnet, dass es Mariku war, der ihnen Probleme machen würde, doch Mariku schien überhaupt nicht betroffen zu sein. Ryou seufzte und fasste sich an die Lippen. Wobei nicht alles schlecht war, was in den letzten Minuten passiert war. Er unterdrückte ein Grinsen.

Malik knirschte zum wiederholten Male mit den Zähnen. Ryous Worte nagten an ihm und es fiel ihm schwer seine Wut zu unterdrücken. Warum musste Mariku so nah bei ihm gehen? Warum musste er ihn überhaupt ertragen?
Außerdem fand er es alles andere als toll mit Mariku zu streiten. Ryou war wohl nicht mehr ganz dicht, so etwas zu behaupten. Er, und es genießen mit Mariku zu streiten? Malik stieß Luft aus. Von wegen! Es wäre ihm viel lieber, wenn er sich nicht ständig aufregen müsste. Malik stutzte. Aber hieß, nicht mit Mariku zu streiten, mit ihm auszukommen? Malik schüttelte leicht den Kopf und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Am einfachsten wäre es immer noch, wenn Mariku ihn schlicht und ergreifend in Ruhe ließ, dann musste er weder mit ihm streiten, noch mit ihm auskommen. Sollte er doch einen anderen belästigen und ihm ständig seine Aufmerksamkeit schenken. Malik biss sich auf die Unterlippe und ballte eine Hand zu einer Faust.

Bakura fühlte sich nutzlos. Er trottete den anderen hinterher und dachte über das nach, was Ryou gesagt hatte. Was sollte er jetzt noch von diesem Kuss halten? Zählte er überhaupt? Hatten sie sich nicht nur geküsst, weil sie unter einer Art Zauber standen? Aber Ryou hatte auch gesagt, er würde nur ihre Wünsche verstärken, also war es damit doch ein richtiger Kuss gewesen? Er musste sich zusammenreißen, sich nicht die Haare zu raufen. Er sah zu Ryou und bemerkte, wie er sich an die Lippen fasste. Ryou sah nicht so aus, als würde er bereuen was passiert war. Das Kribbeln in seinem Bauch gab ihm ein gutes Gefühl.

Ohne weitere Zwischenfälle erreichten sie schließlich die Turmspitze. Eine elegant mit Ranken verzierte Holztür versperrte ihnen den Weg. Ryou legte eine Hand auf die goldene Klinke und atmete tief durch. Dahinter konnte sie so gut wie alles erwarten. „Bereit?“
„Mach schon auf“, murrte Malik ungeduldig.
Ryou drückte die Klinke hinunter und stieß die Tür auf, trat jedoch noch nicht ein. Die vier Jungen streckten neugierig ihre Hälse.
Fast gegenüber der Tür saß eine Frau. Sie hatte die Beine übereinander geschlagen und ihre Hände ruhten auf ihrem Oberschenkel. Lächelnd betrachtete sie ihre neuen Gäste, die sie eher misstrauisch beäugten. „Willkommen.“ Sie erhob sich. Ihr weißes Kleid schimmerte und schien die Farbe zu wechseln, wenn sie sich bewegte.
Ryou warf einen unsicheren Blick zu seinen Begleitern, doch sie hatten sowieso keine andere Wahl als einzutreten.
Er bereute es in dem Moment, als er einen Fuß über die Schwelle setzte. Die Luft wurde ihm aus den Lungen gepresst und fast wäre er in die Knie gegangen. Er spürte, wie seine Wangen glühten. Sein Herzschlag beschleunigte sich und er verspürte ein Kribbeln in seinem Bauch. Es war dasselbe Gefühl wie zuvor, als er Malik berührt hatte, nur hundertfach verstärkt. Er öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch kein Laut kam über seine Lippen. Er sah zu der Frau auf, deren Blick immer noch auf ihnen ruhte. Ihre violetten Augen leuchteten in freudiger Erregung.
Ryou wandte den Blick ab und sah zu Bakura. Der brennende Wunsch ihn wieder zu küssen und zu berühren überrollte ihn wie eine Welle. Die Sehnsucht nach ihm zerriss ihn innerlich und doch konnte er sich keinen Millimeter rühren. Er sah ihn nur an und Bakura erwiderte seinen Blick.
Bakura ballte die Hände zu Fäusten, während er seinen Kiefer anspannte. Wieder überkamen ihn dieselben Gelüste wie zuvor, doch diesmal war sein Verstand klarer. Er nahm seine Gefühle bewusst wahr und doch schien er machtlos gegen die Sehnsucht zu sein. Ihre „Mission“ war auf einmal nicht mehr wichtig. Wen kümmerte das Ende der Welt, wenn er Ryou küssen konnte? Er hatte einfach zu lange gewartet.
Und doch nagte etwas an ihm. Eine kleine Stimme der Vernunft, die jedoch zu leise war um gegen die Einflüsterungen zu bestehen. Es fiel Bakura schwer die Augen von Ryou abzuwenden. Er verengte die Augen als er die Frau ansah. Es war ihre Stimme, die er schon die ganze Zeit gehört hatte.

„Wer bist du?“, murrte Mariku, der als einziger verschont wurde.
Die Tür fiel geräuschvoll ins Schloss.
„Mein Name ist Mai.“ Sie wickelte eine Strähne ihres langen blonden Haars um ihre Finger. „Und ich herrsche über die Lust.“
„Also ist es deine Schuld, dass hier alle so abdrehen?“ Der Raum war mit Rüstungen und Waffen verziert, was für Mariku eher fehl am Platz wirkte, doch sich auch als nützlich erweisen konnte. Er beäugte den Waffenständer in seiner Nähe.
„Wenn du es so ausdrücken möchtest, ja.“ Sie lächelte. Ihr Lächeln wirkte süß und ehrlich, doch Mariku sah die Falschheit dahinter. Diese Frau war nicht, was sie vorgab zu sein.
Marikus Blick fiel kurz auf Malik, der mit leeren Augen neben ihm stand und apathisch nach vorne starrte.
„Du bist etwas Besonderes.“
Mariku zuckte zurück, als Mai plötzlich direkt vor ihm stand und seine Wange berührte. Er schlug ihre Hand weg und für einen Moment verwandelten sich ihre Finger in Klauen. Mariku blinzelte und war sich nicht sicher, was er gesehen hatte.
„Du widerstehst all meinen Zaubern.“ Ihre Stimme war verheißungsvoll und ein Teil von Mariku wollte ihr nachgeben. Selbst wenn sie schwieg, schien sie ihm die Erfüllung seiner Wünsche zu versprechen. Sein Blick wanderte zu Malik. Er könnte ihn haben. Endlich. Nach all den Jahren. Er musste nur nachgeben. Wie von fern hörte er Flügel rascheln und leises Flüstern.
Mariku blinzelte erschrocken und wandte den Blick von Malik ab. Für einen Augenblick erhaschte er einen Blick auf Mais wahres Aussehen: ihr Gesicht war immer noch hübsch, doch schrecklich zugleich. Die Nase länger und gebogen wie ein Schnabel; das Kleid in Wahrheit ein Federkleid; die Arme unnatürlich lang, flügelgleich und mit Klauen statt Händen.
Doch nur einen Augenaufschlag später hatte Mai wieder ihr menschliches Aussehen angenommen und immer noch lag ein Lächeln auf ihren Lippen.
Mariku zuckte mit den Schultern; wischte die Einflüsterungen aus seinen Gedanken. „Ist nichts Besonderes.“
„Du bist so voller Leidenschaft, du solltest längst auf Knien vor mir sein.“
Ein überhebliches Grinsen legte sich auf Marikus Lippen. „Im Gegensatz zu denen“, er deutete auf seine Freunde, „unterdrück ich meine Leidenschaft aber nicht.“
Mai lachte. „Am Ende wird es dir nicht anders ergehen als deinen Freunden.“
Doch Mariku schüttelte nur den Kopf. „So lang bleiben wir gar nicht hier.“
„Ach ja?“ Mariku hörte die Erheiterung in ihrer Stimme. „Du denkst, ihr kommt hier weg?“ Sie lachte erneut und diesmal klang es weitaus bösartiger. Sie schnippte mit den Fingern und eine Sanduhr tauchte über ihnen in der Luft auf. „Euch läuft die Zeit davon.“
Mariku beobachtete wie der Sand unaufhaltsam durch das Glas rann. Es war nicht mehr viel übrig. Er richtete seinen Blick wieder auf Mai.
„Was willst du?“
„Du bist sehr faszinierend.“ Sie sah zu Malik. „Genauso wie er hier.“ Es kam Bewegung in Malik und Mai zog ihn in seine Arme. Sie strich ihm durch die Haare.
Mariku knurrte und verengte die Augen zu Schlitzen. „Lass ihn los!“
Mais Finger spielte mit seinen Haaren. „Er ist dir sehr wichtig.“ Sie sah Mariku herausfordernd an. „Es kommt nur selten vor, dass jemand so anfällig auf mich reagiert. Er ist bei mir gut aufgehoben.“
Mariku ballte seine Hände zu Fäusten. „Lass ihn los“, wiederholte er.
Mai hob Maliks Kinn an und sah ihm in die leeren Augen. „Es steckt so viel Leidenschaft in ihm.“ Sie sah kurz zu Mariku. „Mehr als in dir.“ Sie kicherte. „Soll ich dir ein Geheimnis verraten?“
„Nein“, knurrte Mariku.
„Spielverderber.“ Sie sah hoch zur Sanduhr und dann wieder zu Mariku. Nebenbei strich sie Malik wieder durch die Haare. Malik ließ den Kopf hängen wie eine Puppe. „Trotzdem hab ich an ihm weniger Interesse als an dir.“
„Dann lass ihn frei.“
„Aber ich tue nichts ohne eine Gegenleistung.“ Ihr Gesicht nahm wieder dämonische Züge an. „Opferst du dich für ihn?“
„Ja“, kam es ohne zu Zögern über Marikus Lippen.
„Bist du irre?“, fuhr Bakura ihn an.
„Das machst du nicht!“, mischte sich auch Ryou ein.
Überrascht sah Mariku sie an. An die Beiden hatte er im Moment gar nicht mehr gedacht.

Bakura und Ryou hatten ihren eigenen Kampf gefochten, während sich Mariku um Mai gekümmert hatte. Sie hatten sich nicht bewegt; nicht aufgrund des Zaubers, sondern aus eigenem Willen heraus. Beiden war bewusst, dass, wenn sie sich erst einmal berührten, der Zauber über sie zu stark werden würde um ihn wieder abschütteln zu können.
Und es schmerzte. Ryou hatte das Gefühl, dass es ihn innerlich zerriss. Ihm drehte sich nicht nur einmal der Magen um und er zitterte, während seine Vernunft und sein Verlangen gegeneinander kämpften. Er hatte wirklich nicht gedacht, dass seine Gefühle für Bakura so tief saßen. Er mochte ihn, aber er hatte dem nie viel Aufmerksamkeit geschenkt. Jetzt schienen sich all die Gefühle, die er beiseite gewischt hatte, gleichzeitig auf ihn zu stürzen und das war nicht angenehm.
„Wir müssen bei Gelegenheit dringend mal reden“, flüsterte Bakura.
Dadurch, dass sich Mai immer stärker auf Mariku konzentrierte, war ihr Einfluss auf Bakura und Ryou schwächer geworden.
Ryou merkte, wie er mehr und mehr Kontrolle über sich zurückerlangte, doch seine Gefühle und Gedanken waren immer noch aufgewühlt. Er nickte. „Sehr dringend.“ Ryou trat einen Schritt vor und griff nach Bakuras Shirt. Bakura zuckte kurz zurück, ließ die Berührung jedoch zu. Er genoss das aufgeregte Herzklopfen, als Ryou ihn anlächelte. Es war echtes Herzklopfen, nicht ausgelöst durch den Zauber unter dem sie standen. Ryous Lächeln verwandelte sich jedoch in genervtes Augenrollen, als er Marikus Worte hörte.

„Wenn ich bleibe, dürfen die anderen gehen?“
„Das ist die Abmachung.“
„Mariku, wenn du das machst“, fing Bakura an, wurde jedoch unterbrochen.
„Hör auf den Helden zu spielen.“ Maliks Stimme war nicht mehr als ein Flüstern und doch klar verständlich. Alle Blicke richteten sich auf ihn. „Das ist echt widerlich.“ Er schlug den Kopf zurück und traf Mai mitten ins Gesicht. Sie kreischte und ließ Malik los. „Idiot.“
Mariku grinste. „Willkommen zurück.“
„Fick dich.“
„Ich hab dich wirklich vermisst.“
„Ihr haltet auch keine zehn Sekunden ohne Streit aus, was?“
„Ich muss doch Maliks Sehnsüchte stillen.“
„Wenn wir das hier überleben, bring ich dich um.“
„Wir sollten uns beeilen, wenn wir das hier überleben wollen.“

Mai hatte inzwischen ihre wahre Gestalt angenommen. Wie ein Raubvogel stand sie vor ihnen. Die Schwingen ausgebreitet, zeigte sie ihre scharfen Zähne. Wie ihre Hände waren auch ihre Füße klauenbesetzt. Ihre Federn waren weiß, doch schimmerten lila bei jeder Bewegung, wie zuvor auch schon ihr Kleid.
„Eure Seelen gehören mir!“, kreischte sie jetzt mit einer weniger angenehmen Stimme.
„Abgelehnt“, erwiderte Mariku. „Greift euch ne Waffe!“ Doch bevor er seinen eigenen Worten Folge leisten konnte, griff Mai ihn an. Mariku stolperte mehr zur Seite, als das er bewusst auswich, doch dadurch verfehlten Mais Klauen ihn knapp.
„Für euch gibt es kein Entkommen.“ Sie schlug wieder nach Mariku und streifte seine Schulter. Mariku zog scharf Luft ein und griff nach der Wunde. Blut blieb an seinen Fingern kleben.
„Scheiße“, murmelte er und duckte sich weg. „Etwas Hilfe wär nicht schlecht!“
Ryou starrte auf das Schwert in seiner Hand. „Ich glaube nicht, dass ich damit umgehen kann. Außerdem ist es echt schwer.“
„Lass das mal den Profi machen.“ Bakura wog die Axt in seiner Hand und trat anschließend auf Mai zu.
Ryou und Malik sahen ihm hinterher. „Woher kann der das?“
Malik zuckte nur mit den Schultern.

Mai hatte Mariku zwischen ihre Klauen bekommen und drückte ihn gegen die Wand. Mariku stemmte sich gegen ihren Griff, doch seine Bewegungen waren durch die Klauen eingeschränkt. Eine falsche Bewegung und er würde sich selbst aufspießen.
„Ihr habt keine Zeit mehr.“ Sie lachte schrill und deutete auf die Sanduhr. Ihnen blieben nur noch wenige Minuten bis der Sand durchgelaufen war.
„Lass die anderen gehen!“, forderte Mariku.
„Dafür ist es zu spät!“ Wahnsinn glänzte in Mais Augen. „Ich werde euch dabei zusehen lassen, wie eure Welt zugrunde geht.“ Ihr Lachen widerhallte im Raum, doch wurde jäh unterbrochen.
Blut spritzte Mariku ins Gesicht und er spuckte, als er welches in den Mund bekam. Er konnte sich aus dem Klauengriff befreien, während der Körper nach hinten fiel und Bakuras Schuhe mit Blut tränkte.
„Das Gelaber war ja nicht auszuhalten.“ Bakura stützte sich auf der Axt ab und grinste Mariku an. „Gern geschehen.“
„Hättest dich ruhig etwas beeilen können.“ Mariku trat gegen Mais Kopf, der gegen die Wand flog und dabei eine Blutspur hinter sich herzog.
„Wir sollten uns allgemein etwas beeilen“, drängte Ryou und hatte seinen Blick auf die Sanduhr gerichtet. „Wir haben höchstens noch ein paar Minuten.“
„Aber wo geht’s zum nächsten Kreis?“, fragte Malik und sah sich um. Die anderen drei machten es ihm nach.
„Es muss irgendwo einen Ausgang geben. Sucht!“
Hektisch tasteten sie die Wände ab und öffneten die Tür durch die sie gekommen waren, doch auch hier zeigte sich kein Weg, der in den dritten Kreis führte.
Die Sandkörner rieselten durch das Glas und erhöhten den Druck, der auf den jungen Männern lastete.
Malik zog den Vorhang zur Seite, der das Fenster verhüllte. Zumindest hatte er gedacht, dass es ein Fenster war. „Hier!“ Hinter dem Vorhang kamen ein kurzer Gang und eine Tür zum Vorschein. Der Gang lag etwas erhöht, sodass Malik sich hochstemmen musste um hineinzukommen. Er packte den verrosteten Griff der Tür und zog daran. Nur mühsam bewegten sich die Scharniere. Malik biss die Zähne zusammen. Fast wäre er wieder aus dem Gang gefallen, als die Tür mit einem Mal aufschwang.
Dahinter lag nur Nebel, der keinen Hinweis darauf gab, was sich in ihm versteckte.
„Ich hasse Nebel“, murmelte Bakura.
„Beeilt euch, beeilt euch!“, hetzte Ryou und schob Bakura schon fast auf die Tür zu. „Schneller!“
„Geh du vor mir“, sagte Bakura, doch Ryou verdrehte die Augen. Er schubste Bakura, der gegen Malik stieß, sodass sie gemeinsam durch die Tür fielen und im Nebel verschwanden. Sie hatten keine Zeit darüber zu diskutieren, wer als erster durch die Tür gehen sollte. Ryou presste die Augenlider aufeinander, als er durch die Tür trat und vom Nebel verschluckt wurde.
Mariku sah sich im Raum um. Es wäre nützlich, wenn er die Waffen mitnehmen würde, doch ein Blick auf die Sanduhr sagte ihm, dass er nicht einmal Zeit hatte, nach der Axt zu greifen, die nur wenige Schritte von ihm entfernt lag. Er seufzte und trat durch die Tür, als das letzte Sandkorn nach unten fiel.
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