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Unbeholfen versuchte Malik sich selbst Bandagen anzulegen. Sie rutschten über seinen Rücken und rieben an den frischen Wunden. Malik biss die Zähne zusammen. Er hob die Verbände auf und versuchte es erneut. Er hatte viel zu viel getrunken und dumme Entscheidungen getroffen. Eine dumme Entscheidung um genau zu sein. Es war jedoch am besten, wenn er sich wieder daran gewöhnte. Es würde keinen Mariku mehr geben. Nie wieder. Noch hatte niemand gemerkt, dass die Gefangen verschwunden waren, doch es würde nicht mehr lange dauern.
Frustriert warf Malik die Bandagen in eine Ecke. Doch zumindest musste er sich um ihn keine Gedanken mehr machen. Mariku war weg. In Sicherheit.
Malik strich sich die Haare zurück. Alles war wieder beim Alten: er war dort, wo er hingehörte; bei seinem Volk. Er würde helfen diesen Krieg vorbereiten und versuchen ihre Verluste so gering wie möglich zu halten. Er würde sich von Kura ficken lassen und seinen Selbsthass an den Schwächeren auslassen. Malik ballte die Hände zu Fäusten, sodass sich seine Krallen in die Handfläche gruben. Blut rann zwischen seinen Fingern hindurch, doch er spürte den Schmerz gar nicht.
„Sag nichts“, fauchte er Rishid an, als dieser eintrat. Er saß zwar mit dem Rücken zur Tür, doch es konnte nur Rishid sein. Kura war jetzt für eine Weile befriedigt und würde ihn in Ruhe lassen, ansonsten gab es niemanden, der ohne anzuklopfen seine Räumlichkeiten betreten würde.
Rishid ging an Malik vorbei und hob die Verbände auf. Maliks Augen folgten jeder seiner Bewegungen. Schweigend bandagierte er ihm den Rücken.
„Ich hatte keine andere Wahl“, sagte Malik leise. „Ich muss das tun. Alles muss wieder wie früher werden.“ Malik streckte den Rücken durch. „Ich darf keine Schwäche zeigen.“
„Was ist mit dem Menschen?“
„Er ist weg“, fauchte Malik. „Es ist egal, was mit ihm ist.“
„Du hättest mit ihm gehen sollen.“
„Sei still!“ Malik stand auf und drehte sich zu Rishid um. Er sah auf ihn hinunter, da Rishid immer noch auf dem Boden kniete. „Für mich ist er tot.“
„Er wollte nicht ohne dich fliegen.“
„Raus!“ Malik deutete zur Tür und Rishid erhob sich.
„Er liebt dich.“
„RAUS!“ Rishid kam der Aufforderung nach und ließ Malik allein. Malik sank auf den Boden. „Als ob ich das nicht weiß“, flüsterte er.


„Fass mich nicht an.“ Ryou stieß Bakura von sich, als dieser sich um seine Wunde kümmern wollte. „Fass mich einfach nicht an.“
„Ryou, bitte...“
„Nein, du hast Jou umgebracht.“
„Ich...“
„ER WAR MEIN FREUND!“
Bakura presste die Lippen aufeinander. Er wusste, dass es nutzlos war im Moment mit Ryou zu reden, doch er war nicht bereit zu schweigen. „Ich hatte keine Wahl.“
„Oh, willst du dich jetzt rechtfertigen?“
Bakura knirschte mit den Zähnen. „Nein, aber...“
„Kein Aber! Ich hätte weder dich, noch ihn“, er deutete auf den immer noch bewusstlosen Mariku, „mitnehmen sollen. Das war die dümmste Entscheidung meines ganzen Lebens.“
„Ich wär gestorben.“
„Und wenn ich in der Zelle gewesen wär, hättest du dann mich ausgesaugt?“
Bakura starrte Ryou an und antwortete lange nicht.
„Ja.“ Er hatte keine Kontrolle über sich, wenn er durstig war. Er hätte selbst vor Ryou keinen Halt gemacht.
„Sprich mich nie wieder an.“ Ryou wandte seine Aufmerksamkeit auf Anzu, die das Schiff steuerte. „Wie sieht’s aus?“
„Der Notechis hat nicht gelogen. Wir sind wieder zurück und sollten in zwei Stunden in Aequo landen können.“ Sie lehnte sich zurück. „Wir haben’s geschafft.“
„Ja, wir schon.“ Er warf einen Blick über die Schulter zu Bakura, der auf dem Boden hockte und auf seine Füße starrte. Er hatte Honda und Jonouchi verloren und obwohl er und Bakura sich näher gekommen waren, hätte er lieber ihn und Mariku zurückgelassen.

Mariku rührte sich und setzte sich stöhnend auf. „Wo bin ich?“ Er hatte das Gefühl, sein Kopf würde explodieren. Es gab nicht einen Teil seines Körpers, der nicht wehtat.
„In Sicherheit.“
Langsam kehrten die Erinnerungen zurück. Sie waren gerettet, aber Malik war nicht bei ihnen. „Malik. Wir müssen umdrehen! Wir müssen Malik holen.“
„Halt’s Maul, Mariku“, fuhr Ryou ihn an. „Malik hier, Malik da, ich kann’s nicht mehr hören. Ich hätte ihn umbringen sollen, als ich die Gelegenheit dazu hatte. Sei froh, dass du lebend aus der Sache rausgekommen bist.“
„Ich lass ihn nicht zurück!“
„Wenn du nicht still bist, dann schlag ich dich nochmal nieder.“
Mariku sah zu Bakura, als würde er von ihm Hilfe erwarten, doch Bakura mied seinen Blick. „Ich geh zurück, sobald wir landen.“
„Tu was du nicht lassen kannst. Ich bin froh, wenn ich keinen von euch je wiedersehen muss.“


Als Malik seinem Vater gegenübertrat, wusste er bereits, warum er ihn hatte rufen lassen. Er wartete ab bis sein Vater sprach, so wie immer. Lord Ishtars Gesicht zeigte keine Wut, doch sie war deutlich in seiner Stimme zu hören als er schließlich sprach: „Die Gefangen sind weg.“
„Weg?“ Malik hob eine Augenbraue.
„Verschwunden! Ausgebrochen!“
„Das ist unmöglich.“
Lord Ishtar schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch. „Die Zellen sind leer!“
„Das ist unmöglich“, wiederholte Malik etwas lauter. „Wie sollen sie entkommen sein?“
„Sag DU es mir!“
„Soll ich sie befreit haben?“ Diesmal ließ Malik deutliche Wut in seiner Stimme mitschwingen.
„Wer sonst?“
Malik machte es seinem Vater nach und schlug seine Fäuste auf den Tisch. Er beugte sich vor. „Willst du mich beleidigen, Vater?“, zischte er. Sie starrten sich an und keiner schien den Blick abwenden zu wollen.
Es war Malik, der schließlich den Blick senkte. „Aber vielleicht solltest du Kura fragen.“
„Kura?“ Sein Vater verzog das Gesicht, als wär ihm ein unangenehmer Geruch in die Nase gestiegen. Er redete nicht gerne über Kura und schien in seinem Leben nichts mehr zu bereuen, als ihn gezeugt zu haben.
„Er hat den Menschen mehrmals verletzt, genauso wie den Cygni. Es würde mich nicht überraschen, wenn er sie umgebracht hätte, weil er sich nicht kontrollieren kann. Du kennst sein Temperament.“ Er ging ein Risiko ein, alles auf Kura zu schieben, doch wenn er es schaffte, wäre er Kura los.
Sein Vater ging jedoch nicht sofort darauf ein, auch wenn ihm der Gedanke nicht abwegig erschien. „Rishid ist in der Nähe der Zellen gesehen worden.“
„Rishid? Er war auf der Hochzeit.“
„Niemand hat ihn später gesehen.“
„Jeder war so betrunken, General Zone hat später nicht mal seine eigene Frau erkannt. Der einzige, der regelrecht besessen von den Gefangenen war, war Kura.“
Die Körperhaltung seines Vaters lockerte sich etwas. „Ich hatte nicht erwartet, dass mein eigener Sohn mit diesem Verrat im Zusammenhang steht. Du kannst gehen. Ich werde Kura befragen lassen.“


Niemand sprach, außer Anzu, die in Verbindung mit dem Hafen auf Aequo stand und dafür sorgte, dass sie landen konnten. Ansonsten hatte niemand mehr etwas gesagt, seit Ryou gedroht hatte, Mariku nochmal niederzuschlagen. Bakura starrte auf den Boden, Ryou nach draußen und Mariku kaute auf seiner Unterlippe, die längst blutete. Inzwischen wusste er, dass sein Plan Malik zu holen, dumm war. Er wusste noch nicht einmal in welcher Galaxie Malik sich befand. Er hatte keine Ahnung, wie der Planet der Notechis hieß, und selbst wenn er je wieder einen Fuß darauf setzen würde, wäre er wohl schon im nächsten Moment tot. Malik hatte viel riskiert sie rauszuholen, trotzdem war Mariku wütend, dass er zurückgeblieben war.
Mariku schlug gegen die Wand, doch bereute es gleich darauf. Schmerz zog sich durch seinen ganzen Körper. Er legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen, wartete, dass der Schmerz wieder abebbte. Was sollte er tun, sobald sie landeten? Außer medizinischer Hilfe suchen. Er hatte kein Geld und konnte somit noch nicht einmal nach Hause zurück. Im Moment hatte er gar nichts, außer den Fetzen, die er trug.
Von Ryou und Anzu konnte er keine Hilfe erwarten, doch vielleicht konnte ihm Bakura etwas aushelfen. Er sah ihn an, doch Bakura starrte immer noch auf den Boden, den Kiefer angespannt. Er wollte nicht seine Familie bitten. Sie würden ihm helfen, doch er wollte sie nicht noch weiter belasten. Trotzdem musste er sich bei ihnen melden. Sie machten sich inzwischen sicher Sorgen um ihn. Wie viel Zeit war eigentlich vergangen? Er hatte sein Zeitgefühl verloren.
Mariku stand auf, weil er es leid war rumzusitzen. Er musste sich jedoch an der Wand abstützen. Er richtete seinen Blick nach draußen und sah Aequo zum ersten Mal. Sie waren immer noch im All, doch sie kamen den Planeten stetig näher, sodass er inzwischen schon fast ihr gesamtes Blickfeld einnahm.
Malik trat nach vorne und legte seine Hände auf Ryous Rückenlehne. Er hatte noch nie den Landeanflug auf einen Planeten gesehen und war überwältigt von dem Anblick. Mit offenem Mund beobachtete er, wie er mehr und mehr erkennen konnte. Sie brachen durch die Wolkendecke und vor ihnen erstreckte sich ein Ozean. Eine lilafarbene Sonne tauchte alles in ein sanftes Licht.
„Wow“, flüsterte Mariku.
Valor, die Hauptstadt Aequos und Sitz der Führer der Sternenallianz, schwebte über dem Wasser. Die Gebäude erstreckten sich hoch in den Himmel und je näher sie kamen, desto mehr Details zeichneten sich für Mariku ab. Schiffe tummelten sich auf dem Wasser und die hellen Fassaden der Gebäude spiegelten die Sonnenstrahlen, was ihnen ebenfalls einen lilafarbenen Farbstich gab.
„Wunderschön.“ Für einen Moment vergaß Mariku alles. Er genoss einfach nur den Anblick Valors, der einen beruhigenden Einfluss auf ihn hatte. Er konnte es kaum erwarten durch die Straßen zu schlendern und einmal keine Angst um sein Leben haben zu müssen.


„Ich hab keine Zeit für sowas!“, maulte Ryou Anzu an, kaum waren sie aus dem Schiff. „Ich muss zum Senatorenrat!“
„Du brauchst medizinische Versorgung.“ Anzu klang unerbittlich.
„Anzu!“ Ryou sah sie an, als hätte sie den Verstand verloren. „Die Notechis planen einen Krieg! Ich darf keine Zeit verschwenden.“
Anzu packte sein Handgelenk und obwohl sie geschwächt war, war ihr Griff immer noch fest. „Du lässt deine Wunden versorgen.“ Ihr Blick richtete sich auf Bakura und wanderte schließlich zu Mariku. „Das schadet uns allen nicht.“ Ihr Blick wanderte wieder zu Ryou. „Die Notechis werden nicht in der nächsten Stunde angreifen.“
Ryou stieß hörbar Luft aus. „Schon gut.“ Erst jetzt ließ Anzu seinen Arm los.
Mariku folgte ihnen und versuchte sie nicht aus den Augen zu verlieren, während er gar nicht wusste, wo er zuerst hinsehen sollte. Es war das erste Mal, dass er eine Stadt auf einen fremden Planeten sah (zumindest die erste, auf der er nicht um sein Leben fürchten musste). Auf Jupiter hatte er den Raumhafen nicht verlassen und nicht viel vom Planeten gesehen.
Lange genießen konnte Mariku den Anblick von Valors Straßen jedoch nicht. Seine Sicht wechselte von scharf zu verschwommen, als würde er eine Brille auf- und wieder absetzen. Der ständige Wechsel sorgte für Kopfschmerzen.
Auch Bakura schien Schwierigkeiten zu haben. Sein Atem ging schwer und er blinzelte schnell. Er murmelte etwas zu sich selbst, doch Mariku konnte nur sehen, wie sich seine Lippen bewegten.
„Was ist los?“, fragte Mariku ihn leise.
Bakura deutete in den Himmel und Mariku hob den Blick. Erst jetzt konnte er sehen, dass es nicht eine Sonne war, sondern zwei. Eine kleinere Sonne stand neben der großen am Himmel und pulsierte in einem dunkleren Violett. „Wenn man die Strahlung nicht gewohnt ist, dann ist es ziemlich anstrengend hier zu sein.“ Bakuras Stimme klang heiser. Anzu und Ryou schienen nicht betroffen zu sein.

Mariku war froh, als sie die Klinik betraten. Seine Sicht verbesserte sich sofort und die Kopfschmerzen ließen nach. Jeder von ihnen musste ein Formular ausfüllen, anschließend wurden sie in getrennten Räumen untergebracht. Mariku sah sich um. Der Raum erinnerte ihn stark an die Untersuchungsräume, die sie auch auf der Erde hatten. Er setzte sich auf die Liege und wartete. Der Raum hatte keine Fenster, dafür aber einen Bildschirm, der jedoch nicht eingeschaltet war.
Mariku berührte seine verletzte Gesichtshälfte. Sie war verkrustet und Mariku musste dem Drang widerstehen, sie aufzukratzen. Er konnte nicht fassen, dass er das wirklich überlebt hatte. Glück im Unglück nannte man das wohl.
Die Tür öffnete sich und ein Alien mit langer Schnauze und grüner Haut trat ein. Die gelben Augen musterten Mariku kurz, dann richteten sie ihren Blick auf das Klemmbrett, dass der Arzt in der Hand hielt.
„Mariku Nijad?“
„Ja.“
„Mensch?“
„Ja.“
Die Stimme des Arztes klang monoton und roboterhaft, Mariku gefiel das nicht. Er trug kein Namensschild und stellte sich auch nicht vor. Stattdessen legte er sein Klemmbrett auf die Seite und nahm Marikus Gesicht in seine Hände. Sie waren kalt, trotzdem tat die Berührung weh und Mariku zog scharf Luft ein.
„Irreparable Beschädigung des Gesichtsgewebes. Kannst du dein Auge ganz öffnen?“
„Momentan nicht.“
Er ließ Marikus Gesicht los und zog eine Lampe aus der Kitteltasche. Er leuchtete Mariku in die Augen. „Normale Reaktion der Augen. Keine Beschädigung bisher. Du hast Glück gehabt.“ Er machte einige Notizen. Mariku versuchte sie zu lesen, konnte aber nicht sagen, ob es eine fremde Sprache oder die Handschrift einfach nur grausig war. „Zieh dein Oberteil aus.“
Mariku versuchte es, doch scheiterte. Er konnte die Arme nicht hoch genug heben um sein Shirt auszuziehen. Dadurch, dass er so lange gefesselt gewesen war, war sein Körper steifer als er zuvor angenommen hatte. Er folgte den Anweisungen sich auf den Bauch zu legen und der Doktor schnitt sein Shirt auf. Diesmal fühlten sich die kalten Hände angenehm auf seiner Haut an. „Brandwunden auf dem Rücken. Fast verheilt. Sehr überraschend.“ Er tastete seinen Rücken von unten nach oben ab. An der Schulter angekommen, schob er den Ärmel beiseite. „Bisswunde. Selber Heilstatus wie Brandwunden, jedoch älter. Welche Behandlung hast du zuvor bekommen?“
„Ein Mittel, das mein Freund entwickelt hat.“
Die Hände verschwanden von seinem Körper. „Außergewöhnlich.“ Zum ersten Mal veränderte sich der Tonfall des Arztes; er klang wirklich interessiert, doch stellte keine weiteren Fragen mehr, sondern tastete nur Marikus Körper ab, auf der Suche nach versteckten Verletzungen.
Als er nichts fand, setzte sich Mariku wieder auf. Das getrocknete Blut sorgte dafür, dass sein Shirt an seinem Platz blieb. Es klebte an ihm schon fast wie eine zweite Haut und das war kein angenehmes Gefühl. Er zupfte am Stoff, doch der Arzt hob sein Kinn an und Mariku konzentrierte sich wieder auf ihn.
Die zuvor starre Miene betrachtete seine Wunden jetzt kritisch und er schien zu überlegen, was die beste Behandlung für ihn wäre. Es verstrichen einige Minuten bis der Arzt Marikus Kinn los ließ und zum Bildschirm an der Wand ging. Er legte seine Hand auf den Tisch davor und der Bildschirm schaltete sich ein. Sein Arzt wischte mit der Hand durch die Luft und das Bild änderte sich mit jeder Bewegung. Die Schrift war fremd für Mariku, doch es gab jedes Mal ein Bild dazu. Die Bewegungen stoppten bei etwas, das aussah wie Bandagen und noch einmal bei einer Tube. Der Arzt streckte die Hand aus, zögerte und wischte dann weiter durch die Luft. Diesmal stoppte er bei einer Augenklappe. Er bestätigte die Eingaben und neben dem Bildschirm bildete sich ein Loch in der Wand. Was Mariku zuvor noch auf dem Bildschirm gesehen hatte, war jetzt in den Händen des Doktors.
Er legte Mariku die Augenklappe an und Mariku zuckte zusammen, als das Band die Wunden berührte.
„Zwar zeigt dein Auge momentan keine Anzeichen von Beschädigung, doch das ist keine Garantie, dass das so bleibt. Die Wunden sind tief und du kannst froh sein, dass du dein Gesicht noch hast.“ Er zupfte die Augenklappe zurecht, während er sprach. „Was hat diese Verletzung verursacht?“
Mariku wusste nicht, ob es eine gute Idee war, die Notechis zu erwähnen. Alle glaubten sie wären ausgestorben und er wollte keine unnötige Panik verursachen. Vielleicht würde man ihm auch nicht glauben, deshalb log er: „Irgendwas mit einem verdammt kräftigen Schwanz.“ Er zuckte mit den Schultern. „Kenn die Spezies nicht, aber wir werden keine Freunde werden.“
Der Doktor nickte nur kurz und fragte nicht weiter nach. Die Paste, die er auf Marikus Gesicht auftrug, war kühl, dock sie stank bestialisch und Mariku würgte einige Male. „Es ist wichtig, dass du jeden zweiten Tag vorbeikommst.“ Er öffnete die Bandagenpackung und sehr zu Marikus Überraschung legten sie sich von selbst um seinen Kopf. Sie passten sich perfekt Marikus Verletzungen an. „Dein Rücken und die Schulter brauchen keine Behandlung mehr“, erklärte sein Arzt, während er Marikus Namen auf die Tube schrieb und sie zurück in die Wandöffnung steckte. „Sie bestehen bereits hauptsächlich aus Narbengewebe, da kann ich nichts mehr tun.“
Mariku zog sich sein Shirt komplett vom Körper und knüllte es zusammen. „Eine Frage hab ich noch.“ Der Doktor richtete seinen Blick auf Mariku. „Was hat es mit der Sonne hier auf sich? Ich fühl mich krank, wenn ich draußen bin.“
„Nicht jeder kommt sofort mit der Strahlung klar. In ein paar Tagen wirst du jedoch nichts mehr merken.“ Zum ersten Mal legte sich ein Lächeln auf die Lippen des Arztes.

Vor dem Behandlungszimmer wartete Bakura auf ihn. „Hat man dich wieder zusammengeflickt?“
„Einigermaßen. Der Arzt schien sehr interessiert an deinem Mittel zu sein, zumindest klang er so, als ich ihm davon erzählt hab.“
Bakuras Miene hellte sich auf. „Wirklich?“, fragte er begeistert. „Hat er noch mehr gesagt?“ Als Mariku den Kopf schüttelte, senkten sich Bakuras Mundwinkel wieder.
„Wo ist Ryou?“
„Zum Senatorenrat. Hat so getan als würden wir uns gar nicht kennen. Dachte ich wart auf dich, weil du mindestens genauso viel Ahnung hast was du jetzt machst wie ich.“


Ryou stand den Senatoren gegenüber, die auf ihren erhöhten Stühlen regelrecht über ihm thronten. Er hatte einigen Radau machen müssen, bis man die Senatoren für ihn zusammenrufen hatte lassen. Er hatte sich auch nicht von den schwer bewaffneten Wachen einschüchtern lassen. Sein Anliegen war wichtig und er hatte keine Zeit den bürokratischen Weg zu nehmen. Bis dahin hätten die Notechis sie längst überrannt.
Ryou starrte die Senatoren an. Es waren fünf; je ein Vertreter der größten Rassen in der Sternenallianz. Ein Cygni war nicht unter ihnen. Cygni waren nicht geschaffen für die Rolle eines Anführers, zumindest glaubte sein Volk das. Ryou hatte die Lippen aufeinander gepresst und wartete auf eine Reaktion. Er hatte soeben alles erzählt, was sie erlebt hatten, doch die Senatoren ließen sich Zeit mit ihrer Reaktion.
„Das ist unmöglich“, sagte schließlich einer von ihnen. Es war eine Seire, dieselbe Spezies wie auch Anzu. Ihre tiefblaue Färbung schimmerte bei jeder Bewegung, als würden sich Sonnenstrahlen auf Wasser reflektieren.
„Sie sind alle tot!“ Der Rakas schlug mit der Faust auf den Tisch vor ihm. Seine pelzigen Ohren waren aufgestellt und zuckten nervös. Rakas waren eine Kriegerrasse wie die Notechis, nur besaßen sie Ehre und Mitgefühl.
„Ich hab sie gesehen!“, fauchte Ryou bevor noch jemand etwas sagen konnte. „Sie bereiten sich auf den Krieg vor und wenn wir nichts unternehmen, überrennen sie uns.“ Die Senatoren tauschten Blicke untereinander aus.
„Der Verlust einer Feder kann schlimme Folgen haben.“ Es war ein Ejderha, der sprach. Der kalte Tonfall jagte einen Schauer über Ryous Rücken. Die blauen Augen bohrten sich in seine braunen, doch Ryou hielt dem Blick stand.
„Ich bin nicht verrückt“, presste er hervor. „Ich habe drei Zeugen und im Hafen steht eins ihrer Schiffe!“ Ryou konnte einfach nicht fassen, dass die Senatoren so stur waren.
„Wie seid ihr entkommen?“, fragte ein Basani.
Ryou hatte die Details ihrer Flucht ausgespart, da er es selbst nicht glauben würde, wenn ihm jemand erzählen würde, er wäre von einem Notechis gerettet worden. Er zögerte, doch hatte diesmal keine Wahl: „Der Notechis, der mit uns reiste, hat uns geholfen.“ Bevor Ryou den Satz überhaupt zu Ende hatte sprechen können, erfüllte das Lachen der Senatoren den Raum. Er presste die Lippen aufeinander.
„Das ist lächerlich“, sagte die Seire schließlich und erhob sich von ihrem Stuhl.
„Ryou sagt die Wahrheit.“
Sie hielt in der Bewegung inne und drehte sich wieder um. Auch Ryou drehte sich um. Er hatte nicht einmal gemerkt, wie noch jemand eingetreten war. Zu seiner großen Überraschung war es Seto, der zu seiner Unterstützung gekommen war.
„Ich habe den Notechis gesehen. Er hat einen Teil meiner Crew ausgelöscht.“ Seto stellte sich neben Ryou und hielt einen Mikrochip in die Luft. „Hierauf befindet sich der Beweis.“
Die Senatorin setzte sich wieder. Diesmal lag tiefe Sorge in ihrem Gesicht. Ryou war wütend. Ihm glaubten sie nicht, aber Seto, dem Piraten, schon? Was lief nur falsch in dieser Welt?
Der Ejderha sprach als erstes: „Wie soll das möglich sein?“
„Unmöglich! Das ist es!“, fuhr der Rakas dazwischen. Er zeigte seine spitzen Zähne, während er sprach.
„Wir sollten es akzeptieren.“ Die leise Stimme ließ sogar den Rakas zusammenzucken. Die Sylech hatte sich die ganze Zeit ruhig gehalten. Die tiefen Falten in ihrem blassgrünen Gesicht zeigten, dass sie deutlich älter war, als die anderen Senatoren. Ihre Handbewegungen waren langsam und ruhig. „Die Notechis sind zurückgekehrt, es wird Zeit, dass wir uns vorbereiten.“ Sie sah Ryou an und lächelte leicht. Ryou spürte, wie der Ärger in ihm sich legte. „Es ist jedoch wichtig, nicht in Panik zu verfallen.“ Sie wandte ihren Blick zu den anderen Senatoren. „Die Völker dürfen nicht in Panik geraten. Wir müssen Schweigen; fürs erste.“ Sie sah Ryou wieder an. „Wir alle.“
Ryou nickte kurz. Er war erleichtert, dass sie ihm endlich glaubten.

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