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Maliks Beine fühlten sich schwer wie Blei an, jeder Muskel schmerzte und seine Lunge brannte, doch er zwang sich weiterzulaufen. Er hatte keine andere Wahl, denn er durfte einfach nicht stehen bleiben. Um ihn herum herrschte Dunkelheit und nur schemenhaft konnte er seine Umgebung erkennen. Er war in einem Gebäude, das ihm seltsam vertraut vorkam, doch so sehr er sich auch anstrengte, ihm fiel nicht ein woher er es kannte. Er hatte auch nie viel Zeit sich ausgiebig Gedanken darüber zu machen.
Malik warf einen Blick über die Schulter. Die schattenhafte Gestalt verfolgte ihn immer noch. Sie war riesig und bewegte sich merkwürdig. Mit aller Kraft versuchte Malik den Abstand zwischen sich und dem Schatten zu vergrößern, doch so schnell er auch lief, er konnte ihn nicht abschütteln. Das Geräusch von Hufen widerhallte in der Stille, die ihn umgab. Er konnte noch nicht mal seine eigenen Schritte hören. Es klang wie Donnerschläge in Maliks Ohren.
Doch plötzlich war das Gebäude verschwunden und sein Weg fand ein jähes Ende. Vor Maliks Füßen tat sich ein Abgrund auf und er kam erst im letzten Moment zum Stehen. Schweratmend sank Malik auf die Knie und blickte zurück, doch er konnte weder das Gebäude, noch den Schatten sehen.
Malik beugte sich leicht über die Kante und blickte in die undurchdringliche Dunkelheit.
Die Schreie, die aus dem Abgrund drangen, gingen ihm regelrecht unter die Haut. Er versuchte zu verstehen, ob sie irgendetwas sagten, doch es klang nur als würden Fingernägel über eine Tafel kratzen. Ihm standen die Haare zu Berge und er schauderte. Beschützend legte er die Arme um sich selbst. Seine Kehle war wie zugeschnürt und er wollte weglaufen, doch sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Malik schloss die Augen. „Nein, nein“, kam es heiser über seine Lippen.


Schweißgebadet schreckte Malik aus dem Schlaf hoch. Er fasste sich an die Brust, sein Herz raste und sein Körper pumpte immer noch Adrenalin durch seine Adern. Er sah auf die Uhr, obwohl er schon ahnte wie spät es war. 3:03 Uhr, so wie immer, wenn er aus diesem Albtraum aufwachte.
Der Traum verfolgte ihn seit Wochen und er lief immer nach demselben Schema ab. Er rannte vor einem Schatten davon, bis er an den Abgrund gelangte. Er hörte die Schreie, dann wachte er auf.

Malik ließ sich zurück auf die Matratze fallen und legte einen Arm über seine Augen. Seit immer wieder Menschen in der Stadt auf mysteriöse Weise ums Leben kamen, verfolgte ihn auch dieser Albtraum. Malik weigerte sich eine Verbindung zwischen diesen zwei Dingen zu sehen. Im Gegensatz zu seiner Schwester. Nachdem er ihr von den Albträumen erzählt hatte, war sie ganz aus dem Häuschen gewesen. Sie hatte irgendwas von Geistern gelabert, dunklen Visionen und lauter solchen Scheiß. Seitdem hatte er die Albträume nicht mehr erwähnt und stritt auch ab, welche zu haben.

Aber merkwürdig waren die Tode trotzdem:
Menschen, die sich selbst im Schlaf erdrosselten, die sich die Augen auskratzten und sich den eigenen Körper aufschlitzten. Laut Angehörigen sprachen sie dabei in einer fremden Sprache, doch niemand konnte sich anschließend an die Worte erinnern.
Außerdem konnte es jeden treffen: Kinder, alte Menschen, Frauen, Männer. Viele hatten deswegen Angst einzuschlafen und niemand wusste, was es war, dass diese Menschen dazu trieb, sich auf so grausame Weise selbst umzubringen.
Malik schauderte. Es war schon ziemlich unheimlich und er bevorzugte es, nicht darüber nachzudenken.

Das alles zog nicht nur Reporter an, sondern auch viele Verrückte: Geisterjäger, Ufo-Jäger, Exorzisten, spirituelle Medien. Manche sprachen auch vom Ende der Welt. Malik konnte darüber nur den Kopf schütteln. Es mochten zwar seltsame Tode sein, aber es gab ganz sicher eine banale Erklärung dafür.

Malik wollte sich auf die Seite drehen um weiterzuschlafen, als er plötzlich hörte, wie etwas über seine Fensterscheibe kratzte. Oder zumindest glaubte er, das zu hören. Malik setzte sich wieder auf und sah zum Fenster, doch er konnte nichts Ungewöhnliches erkennen. Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken aufzustehen und nachzusehen, doch dann besann er sich eines Besseres. Das war doch lächerlich.
Er legte sich hin und zog die Decke hoch. Malik schloss die Augen. Das war nicht mehr als seine Einbildung gewesen.


Isis saß am Tisch und las Zeitung, als er morgens die Küche betrat. Malik gähnte. Jedes Mal, wenn er wieder diesen Albtraum gehabt hatte, fühlte er sich am nächsten Tag wie ausgelaugt. Als wäre er wirklich vor diesem Schatten weggelaufen.
Er schüttete Müsli in eine Schüssel und nahm die Milch aus dem Kühlschrank.
„Die Polizei hat immer noch keine Spur“, sagte seine Schwester plötzlich. Sie war so sehr in die Zeitung vertieft, dass sie ihm noch nicht einmal einen guten Morgen gewünscht hatte. Malik setzte sich zu ihr an den Tisch. Er massierte sich kurz den Nacken und gähnte.
Isis sah ihn an. „Hattest du wieder diesen Albtraum?“
„Ich hab geschlafen wie ein Stein“, erwiderte Malik.
Isis zögerte kurz bevor sie weitersprach: „Ich kenne da dieses Medium...“ Malik verdrehte die Augen. Nicht schon wieder dieses Thema. „...du solltest vielleicht mal zu ihr gehen. Was, wenn dieser Traum mit den Toden zusammenhängt?“
Malik hatte die Schnauze voll von Isis‘ Geschwafel über das Übernatürliche. Sie war eine erwachsene Frau, wie konnte sie nur an so etwas wie Geister glauben? „Mach dich nicht lächerlich“, murrte er. „Es war nur ein Albtraum, nichts weiter.“ Er schlang den Rest seines Frühstücks hinunter, während Isis‘ Blick auf ihm ruhte.
„Schling nicht so.“
Malik überging die Bemerkung. Er stellte die leere Schüssel ins Waschbecken und ließ Wasser hineinlaufen.
„Ich werde heute Abend später kommen. Rishid und ich müssen die neue Ausstellung vorbereiten.“
„Wo ist Rishid überhaupt?“
„Er war so lieb und ist vorgefahren. Die Lieferanten sind heute schon sehr früh gekommen, aber ich hab gestern schon so lange gearbeitet. Ich bin einfach nicht aus dem Bett gekommen.“ Sie seufzte.
„Du solltest es mal mit Urlaub versuchen“, schlug Malik vor und warf einen Blick auf die Uhr. Er musste sich beeilen, wenn er nicht zu spät kommen wollte. „Ich muss los.“ Er küsste Isis kurz auf die Wange und ging dann in sein Zimmer. Hastig zog er sich die Schuluniform an.
Als er das Haus verließ, rief Isis ihm irgendwas hinterher, doch Malik kümmerte sich nicht darum.


In der Schule jedoch war er vor Geistern nicht sicher. „Guten Morgen“, rief Ryou ihm schon von Weitem zu und winkte ihm. Malik hob nur kurz die Hand. Wenn Ryou schon jetzt so aufgeregt war, dann konnte das nichts Gutes heißen.
„Hast du’s schon gehört?“ Malik wollte gar nicht nachfragen, aber Ryou erzählte es ihm trotzdem: „Aus einer der unteren Klassen fehlt ein Mädchen.“ Er hatte die Stimme gesenkt.
„Und?“ Malik zuckte mit den Schultern. „Die Schule hat noch gar nicht angefangen, vielleicht verspätet sie sich? Oder sie ist krank?“
„Nicht heute!“ Ryou verdrehte die Augen. „Ihre Freundinnen sagen, sie haben schon seit gestern nichts mehr von ihr gehört. Was, wenn es mit diesen Todesfällen zusammenhängt? Wenn sie ein Opfer der Geister geworden ist, vielleicht sind es auch Dämonen, dann wär das der erste Todesfall von unserer Schule.“
„Wieso scheint dich das zu freuen?“
„Es freut mich nicht!“, widersprach Ryou aufgebracht, „aber es wär doch voll aufregend.“
Malik schüttelte leicht den Kopf. Manchmal war es schwierig für ihn zu verstehen, was in Ryous Kopf vor sich ging. Er wirkte wie ein normaler Junge, aber er war einer der skurrilsten Menschen, die er kannte. Mit einer, für Malik unverständlichen, Faszination für den Tod. Aber das war nun mal Ryou und auch wenn sie doch recht unterschiedliche Interessen hatten, waren sie die besten Freunde.

Trotzdem war Malik schon fast froh, als er das Klassenzimmer betrat und gleich einen Grund hatte Mariku anzuschnauzen. So kam er wenigstens von dem Geisterthema weg. „Runter von meinem Tisch.“
„Guten Morgen, Süßer.“ Mariku grinste ihn an.
„Ich hau dir gleich in die Fresse, wenn du deinen Arsch nicht von meinem Tisch schiebst.“
„Soll ich ihn lieber in dein Bett schieben?“
„Ich schieb dir gleich meinen Fuß in den Arsch.“
„Nichts dagegen.“
„Mariku“, fauchte Malik und ballte die Hände zu Fäusten.
Lachend rutschte Mariku von Maliks Tisch. „Du bist so scharf, wenn du dich aufregst.“
„Verpiss dich.“
Mariku setzte sich auf einen anderen Tisch und setzte seine Unterhaltung mit Bakura fort.
Malik legte seine Schultasche auf den Tisch und legte seinen Kopf darauf. Er gähnte. Er wollte nach Hause und schlafen. Wie sollte er nur diesen Tag überstehen? Wenigstens würde er Zuhause dann seine Ruhe haben, wenn Isis und Rishid nicht da waren. Er sollte sich eine Pizza auf dem Weg nach Hause mitnehmen. Das klang nach einem guten Plan. Jetzt musste nur noch die Schule wieder vorbei sein.

„Malik.“ Ryou trat an seinen Tisch und Malik setzte sich wieder aufrecht hin. Er stellte seine Tasche auf den Boden und sah kritisch auf die Karten in Ryous Hand. Nicht schon wieder das...
„Die Karten sagen für heute wirklich nichts Gutes.“ Er legte eine der Karten auf den Tisch und deutete energisch drauf. „Der Turm ist jetzt nicht unbedingt die beste Karte. Sie steht für ein plötzliches Unglück und Zerstörung.“
Malik seufzte. „Du solltest dein Leben nicht von diesem Hokuspokus abhängig machen.“ Er schob die Karte von sich weg bis an die Tischkante. „Das ist doch nur Aberglauben.“
Ryou presste die Lippen aufeinander. Sie hatten schon oft über dieses Thema diskutiert, aber ihre Ansichten waren einfach zu verschieden, als dass sie sich einigen konnten. Trotzdem teilte Ryou Malik gerne mit, was die Karten angeblich für den Tag bereithielten. „Ich denke nur, wir sollten heute wirklich aufpassen.“
Malik nahm die Karte zur Hand und drehte sie zwischen seinen Fingern. Er sah zu Ryou hoch, der wirklich besorgt aussah. Malik seufzte. „Schon gut, lass uns vorsichtig sein.“ Er lächelte Ryou schwach an und dieser schien wirklich erleichtert über seine Worte. Malik mochte nicht an Geister und Tarot glauben, aber das war kein Grund, warum er Ryou sich deswegen schlecht fühlen lassen sollte.


Malik hatte seinen Kopf auf seiner Hand abgestützt und ernsthafte Probleme wach zu bleiben. Der Lehrer stand vorne und hielt einen Vortrag über... ja, über was eigentlich? Malik hörte nicht zu und er war nicht der einzige. Sein Klassenkamerad, der schräg vor ihm saß, war bereits eingeschlafen. Malik gähnte und schloss ebenfalls die Augen. Ein kleines Nickerchen wäre bestimmt nicht falsch. Dafür würde er auch den Ärger in Kauf nehmen, wenn man ihn erwischen sollte.

Es war das Geräusch von leisen Hufschlägen, das Malik erschrocken die Augen aufreißen ließ. Hektisch sah er sich um und atmete schließlich erleichtert aus, als er merkte, dass er immer noch in seinem Klassenzimmer war und der Lehrer immer noch denselben langweiligen Vortrag hielt. Malik ließ seinen Blick durch die Klasse schweifen. Niemand schien wirklich aufzupassen.
Ryou hielt seine Tarotkarten in der Hand und biss sich auf die Unterlippe. Mariku machte einen Kussmund, als Malik sich zu ihm umdrehte. Malik zeigte ihm den Mittelfinger. Bakura hatte den Kopf auf den Tisch gelegt und schien ebenfalls zu schlafen.
„Hey, setz dich wieder hin.“
Malik drehte den Kopf. Anzu hatte sich zur Seite gebeugt und zog an... wie war sein Name? Malik erinnerte sich nicht, jedenfalls war es der Mitschüler, der schräg vor ihm saß und geschlafen hatte. Er war aufgestanden und Anzu zog an seiner Jacke, als könnte sie ihn damit dazu bringen sich wieder hinzusetzen. „Hey, hörst du mich?“
Der Junge drehte sich um und obwohl seine Augen geschlossen waren, hatte Malik das Gefühl als würde er ihn anstarren.

„Ahi quanto a dir qual era è cosa dura esta selva selvaggia e aspra e forte che nel pensier rinova la paura!”, sprach er langsam. Jeder starrte ihn entgeistert an. Ihr Lehrer kam näher und versuchte ihn an der Schulter zu berühren, doch er wurde weggestoßen.
Der Junge fasste sich mit beiden Händen in den Mund und begann seine Kiefer auseinander zu reißen. Seine Mitschüler begannen zu schreien, doch niemand wagte es sich ihm zu nähern.
Malik konnte sich nicht rühren oder den Blick abwenden. Mit kranker Faszination beobachtete er wie die Haut riss und Blut über die Hände und den Hals seines Klassenkameraden rannen. Jemand packte Malik am Arm und Fingernägel bohrten sich durch den dünnen Stoff der Schuluniform. Malik wandte den Blick trotzdem nicht ab.
Der Junge riss sich den Unterkiefer ab und hielt ihn für einen Moment in der Hand, dann sackte sein Körper leblos zusammen. Malik sah zu, wie das Blut über den weißen Boden floss. Der Griff an seinem Arm wurde stärker.


„Ich wusste gar nicht, dass du so viel Kraft hast.“ Malik hatte seine Jacke ausgezogen und den Ärmel hochgerollt. Ryous Finger hatten ihre Spuren hinterlassen.
„Tut mir Leid“, murmelte Ryou.
Sie saßen draußen im Schulhof und Polizei war um sie herum. Malik rieb sich den Arm und versuchte zu verarbeiten, was er vor einer halben Stunde gesehen hatte. Die Pizza war gestrichen. Er konnte immer noch nicht fassen, dass einer seiner Mitschüler sich vor ihren Augen den Unterkiefer abgerissen hatte. Wie war das überhaupt möglich? Malik strich an seinem eigenen Kiefer entlang. Allein der Gedanke ließ ihn schaudern.
„Es war Dante“, flüsterte Ryou plötzlich. Malik sah seinen Freund verwirrt an. „Er hat Dante zitiert.“
„Wer ist Dante?“
„Kennst du nicht die göttliche Komödie?“
„Zum Lachen fand ich das nicht.“ Bakura schwang sich über die Rückenlehne der Bank und setzte sich neben Ryou.
„Ich fand’s echt cool.“ Mariku hatte es sich auf der Lehne bequem gemacht.
„Du bist auch krank.“
Mariku hauchte Malik einen Kuss zu und dieser stieß ihn von der Bank. Mariku ruderte mit den Armen und landete rückwärts im Gras.
„Au, fuck, das tat weh.“
„Sollte es auch.“
Mariku rappelte sich hoch und setzte sich richtig neben Malik, der die Augen verdrehte.
„Also, was hat er gesagt?“, wollte Bakura wissen.
„Ähm, es müsste eine Stelle vom Anfang gewesen sein.“ Ryou zog die Stirn kraus und versuchte sich an die Worte zu erinnern. Es fiel ihm unerwartet schwer. Es war als würden die Worte vor ihm weglaufen. Schließlich zog er sein Handy heraus und googelte es einfach. „Hier, das: Wie schwer ist's doch, von diesem Wald zu sagen, wie wild, rau, dicht er war, voll Angst und Not; schon der Gedank' erneuert noch mein Zagen.“
„Was für’n Scheiß“, murmelte Mariku. „Wer redet denn bitte so?“
„Es ist halt alt“, erwiderte Ryou.
„Welche Sprache war das?“, fragte Bakura weiter.
„Italienisch.“
„Woher kannst du denn italienisch?“
„Ich hab als Kind für ein paar Jahre in Rom gelebt.“ Alle Drei sahen Ryou überrascht an. Niemand hatte das gewusst. Ryou zuckte mit den Schultern. „Mein Vater ist Archäologe, er hatte dort zu tun und konnte mich mit fünf schlecht allein lassen.“ Er lehnte sich zurück. „Irgendwann hatte ich aber die Schnauze voll davon alle paar Jahre umzuziehen.“
„Okay gut“, Mariku wedelte mit der Hand durch die Luft, „und was heißt das jetzt, dass er den Typen aus Devil May Cry zitiert hat?“
Ryou zuckte nur mit den Schultern.


Malik war hundemüde als er nach Hause kam und überrascht, als er dort auf Isis traf.
„Oh Malik.“ Sie nahm ihn in die Arme und drückte ihn an sich. „Ich hab gehört was passiert ist und hab mir solche Sorgen gemacht. Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist.“
Malik schob seine Schwester von sich. „Es ist alles in Ordnung.“
„Wirklich? Willst du darüber reden, was passiert ist?“
„Nein, mir geht’s gut.“ Er schob sich an Isis vorbei. „Ich will meine Ruhe und schlafen.“
„Kann ich irgendwas für dich tun?“
„Hör auf dir Sorgen zu machen und fahr zurück ins Museum. Ich komm schon klar.“ Er schloss die Zimmertür hinter sich und seufzte.
Malik ließ sich auf’s Bett fallen und dachte noch einmal darüber nach, was passiert war. Das war so verrückt, hätte er es nicht mit eigenen Augen gesehen, er würde es nicht glauben. Die Polizei hatte sie alle natürlich befragt, doch Malik hatte ihnen auch nicht mehr sagen können als seine Mitschüler. Außerdem hatte er jetzt einen Termin beim Schulpsychologen und darauf hatte er wirklich keine Lust. Es war nicht das erste Mal, dass er einen Menschen sterben gesehen hatte. Auch sein Vater war vor seinen Augen erstochen worden und das hatte er auch ohne die Hilfe von Psychologen überwunden.
Ein abgerissener Unterkiefer war zwar noch mal eine Nummer krasser, aber er würde schon kein Trauma davon tragen.

Malik setzte sich wieder auf um sich umzuziehen. Als er die Jacke seiner Schuluniform auszog, fiel ihm Ryous Tarotkarte aus der Tasche. Verwundert hob Malik sie auf und ließ sich zurück aufs Bett sinken. Wo kam die denn her? Er konnte sich nicht daran erinnern, sie eingeschoben zu haben. Wieso sollte er auch?
Malik betrachtete die Abbildung auf der Karte: ein Turm, in den der Blitz einschlug. Für einen Moment fragte er sich, ob an Tarot vielleicht doch etwas dran war.
Was für ein Quatsch. Malik gähnte. Plötzlich fiel es ihm schwer die Augen offenzuhalten. Er legte sich hin und die Tarotkarte rutschte ihm aus den Fingern.


Als Malik die Augen aufschlug, war es dunkel um ihn herum. Er lag auch nicht mehr in seinem Bett, sondern auf dem Boden. Malik nutzte einen Tisch als Hilfe um sich hochzuziehen. Er sah sich um. Es fühlte sich an, wie sein wiederkehrender Albtraum, doch diesmal war er sich bewusst, dass es nur ein Traum war. Er erkannte auch endlich das Gebäude: er war in der Schule.
Malik versuchte die Fenster zu öffnen, doch sie waren fest verschlossen. Er trat aus dem Klassenzimmer. Der Flur erschien ihm ungewöhnlich lang, doch das war keine Überraschung.
Als er die Hufschläge hörte, begann er ganz von selbst zu laufen. Lieber hätte er sich dem Schatten gestellt, doch er konnte sich nicht zum Stehenbleiben zwingen.
Malik rannte bis seine Muskeln schmerzten und wie immer nahm der Flur kein Ende, doch etwas war anders; die Hufschläge wurden lauter und die schattenhafte Gestalt hatte ihn fast eingeholt. Malik geriet in Panik und versuchte noch schneller zu laufen, doch er kam nicht mehr vom Fleck.
Jemand packte ihn am Arm und zog ihn in eins der Klassenzimmer. Malik wollte schreien, doch Mariku drückte ihm die Hand auf den Mund.
Die Hufschläge verklangen und Stille kehrte wieder ein.
Mariku nahm die Hand von Maliks Mund und dieser trat einen Schritt zurück.
„Was machst du hier?“ Mariku zuckte mit den Schultern. „Das ist mein Traum!“
„Meiner ist’s bestimmt nicht, denn sonst hättest du weniger an.“
Malik murrte. Es war noch nie jemand anderes in diesem Traum gewesen und dann musste es auch noch ausgerechnet Mariku sein.

„Wie kommst du hierher?“
Wieder zuckte Mariku mit den Schultern. „Ich saß grad noch Zuhause und hab gezockt und auf einmal wach ich hier auf dem Boden auf. Wenn das ein Traum ist, dann ist er echt scheiße.“
„Wir müssen hier irgendwie raus.“
„Nichts leichter als das.“ Mariku griff nach einem nahen Stuhl und wollte damit das Fenster einschlagen, doch das Fenster vibrierte nur leicht, während der Stuhl kaputt ging. Mariku ließ sich davon aber nicht aufhalten. Er versuchte es weiter, doch immer wieder mit demselben Ergebnis.
„Wir könnten auch einfach zum Ausgang gehen.“ Malik hatte das Spektakel kopfschüttelnd verfolgt.
„Wie langweilig.“

Ein Schrei zerriss die Stille.
Malik und Mariku sahen sich kurz an, dann riss Malik die Tür auf und stürzte hinaus in den Flur. Mariku war ihm dicht auf den Fersen. Diesmal lag der Flur friedlich vor ihm und Hufschläge waren keine zu hören.
Maliks gesamter Körper war angespannt. Erst dachte er noch, er wäre in seinem gewöhnlichen Albtraum, doch diesmal war so vieles anders. Er war sich noch nicht mal sicher, ob er wirklich schlief. Es fühlte sich zu real an.
Aber er war ganz sicher Zuhause eingeschlafen. Es konnte nur ein Traum sein. Er warf einen Blick zur Seite. Mariku hatte die Hände in die Hosentaschen geschoben und starrte geradeaus. Was machte er hier?
„Sieh mal einer an“, sagte Mariku plötzlich und ein Grinsen legte sich auf seine Lippen.
Malik richtete seinen Blick wieder nach vorne. Ryou und Bakura kamen ihnen entgegen. Ryou trug immer noch seine Schuluniform, während Bakura nur Boxershorts und ein T-Shirt anhatte. Bakura machte ein missmutiges Gesicht, während Ryou so aussah, als würde er sich ein Lachen verkneifen.
„Malik!“ Ryou beschleunigte seine Schritte und fiel Malik regelrecht um den Hals. „Ich bin so froh, dich zu sehen.“
„Ist alles in Ordnung? Wer hat geschrien?“
„Ich.“ Ryou lachte verlegen. „Bakura hat mich voll erschreck.“
„Sagt mir lieber was hier vor sich geht“, murrte Bakura und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich war grad dabei mich umzuziehen und plötzlich wach ich in nem leeren Klassenzimmer auf. In meiner Unterwäsche.“
Ryou presste sich die Hand auf den Mund und drehte den Kopf zur Seite. Seine Schultern bebten, weil er das Lachen zu unterdrücken versuchte.
Mariku machte sich deswegen keine Mühe, sondern lachte seinen Freund unverhohlen aus. Bakura packte ihn und nahm ihn in den Schwitzkasten, was Mariku aber nicht vom Lachen abhielt.

„Ich würd aber auch gern wissen, was hier vor sich geht“, sagte Ryou.
Malik zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, das wär nur ein Traum.“
„Dann hätten wir alle denselben.“ Ryou hob skeptisch die Augenbrauen. Das war scheinbar selbst für ihn zu abgedreht. „Ich meine, ich bin eigentlich grad erst Zuhause durch die Tür und plötzlich bin ich wieder in der Schule. Das ist schon merkwürdig.“
„Also, was ist es?“ Mariku strich sich über den Hals. „Hat Freddy Krueger uns zu sich geholt?“ Mariku streckte die Hände nach Malik aus und dieser schlug sie zur Seite.
„Mach dich nicht lächerlich. Es ist...“ Doch Malik kam nicht dazu seinen Satz zu Ende zu sprechen. Hinter Ryou und Bakura tauchte die schattenhafte Gestalt an, doch diesmal war sie viel mehr als nur ein Schatten.
Die Hufe standen in Flammen, welche an den gekrümmten Beinen hochleckten. Der Oberkörper eines Mannes mit Klauen statt Fingern. Das Gesicht war eine groteske Maske und Hörner wuchsen aus seinem Kopf.
Malik riss die Augen auf. „Lauft“, flüsterte er und wirbelte herum. „LAUFT!“

Die vier Jungen rannten durch das Schulgebäude, das mit einem Mal nur noch schemenhaft wahrzunehmen war. Der Flur war endlos geworden und Malik war gänzlich zurück in der Umgebung seines Albtraums.
„Was zum Teufel ist das?“, brüllte Mariku.
„Ich glaube, es ist genau das“, erwiderte Ryou, „der Teufel.“
Mariku wäre vor Überraschung fast stehen geblieben, doch Malik packte ihn am Ärmel und zog ihn weiter.
Malik biss die Zähne zusammen und versuchte nicht an den Schmerz in seinen Beinen zu denken. Die Hufschläge ließen den Boden erzittern. Malik wagte es nicht zurückzublicken. Wann war es endlich vorbei?
Und wie auf Kommando verschwand das Gebäude um sie herum und die Hufschläge verstummten.
Malik kam vor dem Abgrund zum Stehen und drehte sich um, damit die anderen ebenfalls anhielten, doch Mariku prallte gegen ihn und er verlor das Gleichgewicht. Hilflos ruderte er mit dem Armen und Mariku wollte ihn festhalten, doch Bakura und Ryou liefen ebenfalls gegen ihn und gemeinsam fielen sie in den Abgrund.

Malik wollte schreien, doch kein Laut verließ seine Kehle. Etwas zerrte an ihm und als er den Kopf drehte, sah er das hässlichste Wesen, das ihm je unter die Augen gekommen war. Es war gerade einmal so groß wie seine Hand mit riesigen, schwarzen Augen. Es hatte verschrumpelte Haut und kleine, lederartige Flügel. Kleine, spitze Zähnchen waren in seinem Mund zu sehen, den er weit aufgerissen hatte.
Aus irgendeinem Grund konnte Malik nicht mehr wegsehen. Er starrte das Wesen an und fühlte sich mit einem Mal unbeschreiblich müde. Er konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Es war, als würde das kleine Monster, ihm die Lebensenergie aussaugen.
Mariku packte ihn am Handgelenk und zog ihn zu sich. „Mach die Augen zu“, flüsterte er ihm ins Ohr.
Malik hatte keine Kraft zu widersprechen, sondern tat einfach was Mariku ihm sagte. Das kräftezerrende Gefühl verschwand und sein Kopf wurde wieder klar.
Noch immer fielen sie durch die Dunkelheit und die kleinen Monster zerrten an seiner Kleidung, doch Malik hielt die Augen fest geschlossen.

Als sie auf dem Boden aufschlugen, federte Mariku Maliks Landung ab. Mariku rollte sie geistesgegenwärtig zur Seite, damit nicht auch noch Bakura und Ryou auf ihm landeten.
„Alles in Ordnung?“ Malik nickte und öffnete vorsichtig die Augen. „Gut, dann geh von mir runter, weil du bist echt schwer.“
Malik setzte sich auf. „Ich dachte, das würde dir gefallen?“
Mariku ließ seinen Blick über Maliks Körper gleiten und er verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Stimmt, ist gar nicht so schlecht.“
Malik schlug ihm mit der flachen Hand auf den Bauch und Mariku keuchte.
„Wo sind wir?“ Malik stand auf und sah sich um. Die Welt um sie herum war grau und farblos und Malik hatte das Gefühl, das selbst seine Kleidung sämtliche Farbe verloren hatte.
Abgestorbene Bäume standen um sie herum. Malik hob den Blick zum Himmel und erwartete, das schwarze Loch zu sehen, doch da war nichts.
„Irgendwie krieg ich hier ne Gänsehaut.“ Ryou rieb sich die Arme.
„Schon ein bisschen gruselig.“ Mariku trat näher an einen der Bäume heran. Er berührte einen der Äste, welcher mit Leichtigkeit abbrach und schließlich in Marikus Hand zu Staub zerfiel. „Igitt.“ Mariku rieb sich die Hand an seiner Hose sauber.

„Warum ist hier ne Tür?“
Sie drehten sich zu Bakura um. Mitten zwischen den abgestorbenen Bäumen stand eine große Flügeltür. Das dunkle Holz sah wie poliert aus und es gab keine Türklinke. Sie gehörte zu keinem Gebäude und dahinter setzte sich der Wald fort.
„Den Architekten hätt ich nicht bezahlt.“ Mariku ging ein paar Mal um die Tür herum und stemmte dann die Hände in die Hüfte. „Da ist irgendeine Inschrift.“
Die roten Buchstaben schimmerten leicht, als würde sich Feuer in ihnen widerspiegeln.
„Lasciate ogne speranza, voi ch'intrate“, las Ryou vor. „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren.“
„Klingt nach Party“, kommentierte Mariku.
Ryou wandte sich ihnen mit einem Leuchten in den Augen zu. „Das ist die Tür zu Hölle.“ Malik konnte nicht sagen, ob es Anspannung oder Freude war, die da in seiner Stimme lag.
„Sag ich doch, Party.“

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