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Mariku kniff die Augen zusammen. Man sollte meinen nach all den Wunden, die er inzwischen hatte, würde ihn ein leichtes Brennen nicht mehr stören. Er sah auf seinen Arm, als die Krankenschwester die Markierungspistole zur Seite legte. Kurz pulsierte ein verschlungenes Zeichen in giftgrün auf seiner Haut, dann löste es sich langsam auf bis nichts mehr zu sehen war. Die Stelle begann zu jucken.
„Nicht anfassen!“, sagte die Krankenschwester in einem scharfen Ton und Mariku ließ die Hand wieder sinken. „Hier.“ Sie reichte ihm einen dunkelgrauen Mantel mit Kapuze. „In einer Woche zurückbringen.“ Ihr Blick war ernst und Mariku nickte nur. Der Mantel würde ihn die nächsten Tage vor der Sonnenstrahlung schützen bis er sich hoffentlich an sie gewöhnt hatte. Danach musste er ihn zurückgeben. Deshalb hatte man ihn auch mit dem Symbol des Krankenhauses markiert, so würden sie ihn überall finden, sollte er den Mantel nicht zurückgeben. Mariku fand das übertrieben, doch er beugte sich den Regeln und war erstmal froh, dass er einen Schutz hatte.
Bakura hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und den Mantel eng um sich geschlungen. Er reagierte auf die Sonnen noch empfindlicher als Mariku. „Was hast du jetzt vor?“, fragte Bakura, als sie das Krankenhaus verließen. Trotz des Mantels fühlte er sich gleich schwach und ausgelaugt, doch es war weniger schlimm, als nach ihrer Ankunft.
Mariku zuckte mit den Schultern. Er hatte keine Idee, wie es weitergehen sollte. Er hatte nichts. Keine Klamotten, kein Geld und niemanden an den er sich wenden konnte. Er brauchte Geld, aber dafür musste er arbeiten, aber erst brauchte er neue Kleidung, denn so wie er im Moment aussah, würde ihn niemand nehmen. Für Kleidung brauchte er aber wiederum Geld. Mariku seufzte. Es sah schlecht für ihn aus. „Was sind deine Pläne?“
Bakura zupfte an seiner Kapuze. „Mich erstmal von dem ganzen Scheiß erholen, dann mal sehen.“ Er senkte die Stimme bevor er weitersprach: „Wenn die Senatoren Ryou Glauben schenken, dann wird sich bald auf den Krieg vorbereitet und auch, wenn ich echt Schiss hab, jeder, der dann etwas Ahnung von Medizin hat, ist gefragt. Neben Soldaten, versteht sich.“
Mariku ließ sich Bakuras Worte durch den Kopf gehen. Krieg. Er wusste nicht, was das für ihn bedeutete. Er war kein Soldat, sondern Mechaniker und Möchtegern-Pilot. Konnte er etwas beitragen? Wollte er überhaupt? Würde er dann Malik wiedersehen? Er biss sich auf die Unterlippe. Eigentlich wollte er jetzt nur noch nach Hause. Er vermisste seine Eltern und die Beschaulichkeit. Hätte er die Erde doch nur nie verlassen.
„Soll ich dir was leihen?“
„Huh?“ Er war zu sehr in Gedanken vertieft gewesen um auf Bakuras Worte zu achten.
„Geld. Soll ich dir Geld leihen?“
Mariku fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken sich Geld zu borgen.
„Und jetzt sag bloß nicht nein, weil du siehst aus als wärst du schon mal verdaut worden. Warte hier.“ Bakura verschwand in ein gläsernes Gebäude, zumindest wirkte es auf Mariku als wäre es aus Glas, doch kaum schloss sich die Tür hinter Bakura, konnte er ihn nicht mehr durch die Scheibe sehen. Oder zumindest dachte er das. Er trat neugierig näher. Er konnte ins Innere sehen, doch nichts rührte sich. Ein Tisch stand an der gegenüberliegenden Wand, der den Eindruck einer Rezeption machte. Davor standen mehrere Gruppen von Tischen und Sesseln. Bakura oder andere Leute konnte er nirgends sehen.
Es dauerte nicht lange bis Bakura zurückkam. Er reichte Mariku einen kleinen Beutel Münzen. „Das sollte für neue Klamotten, was zu essen und ein-zwei Nächte Unterkunft reichen.“
„Danke.“ Marikus Finger schlossen sich fest um den Beutel. „Ich geb’s dir zurück, sobald ich kann.“
„Ja, kein Stress. Wer weiß, ob du dazu je die Gelegenheit bekommen wirst.“ Bakura zuckte mit den Schultern und sah nach oben in den Himmel. Mariku wusste, auf was er anspielte.
„Was hat es mit den Scheiben hier auf sich?“, wechselte er das Thema.
Bakuras Blick folgte seinem Fingerzeig. „Oh, das ist nur eine Illusion, damit man von draußen die Geschäfte drinnen nicht sieht.“
„Warum macht man es dann aus Glas?“
Mit einem leichten Grinsen zuckte Bakura wieder mit den Schultern. „Gibt komische Aliens. Hast du dir schon überlegt, was du jetzt machst?“
„Zuhause anrufen. Meine Eltern machen sich bestimmt Sorgen.“
„Ich glaub da die Straße runter sind Holo-Zellen.“
„Okay, ich schau mal.“ Mariku zögerte. Es fiel ihm schwer von Bakura Abschied zu nehmen. Er fühlte sich verloren.
„Also“, Bakura strich sich durch den Nacken, „mach’s gut und pass auf dich auf.“ Bakura wandte sich zum Gehen, doch Mariku hielt ihn auf.
„Kann ich dich irgendwie erreichen?“
„Denke nicht, aber wenn ich dich suche, dann folg ich einfach der Schneise der Verwüstung.“ Bakura grinste und klopfte Mariku auf die gesunde Schulter. „Halt dich von Ärger fern.“ Er senkte die Stimme. „Und Notechis.“
Schweigend sah Mariku dabei zu, wie Bakura in der Menge verschwand.

Mariku wandte sich schließlich in die entgegengesetzte Richtung. Es herrschte reges Treiben auf den Straßen und Mariku ließ das Gefühl nicht los, dass man einen Bogen um ihn machte. Es war keine Überraschung. So wie er aussah, würde er sich selbst auch aus dem Weg gehen. Er wollte gar nicht wissen, wie er roch. Er hielt den Mantel vorne zu und tastete mehrmals nach den Münzen in seiner Hosentasche um sicher zu gehen, dass sie immer noch da waren. Außerdem musste er darauf achten, wo er hintrat. Durch die Augenklappe war sein Sichtfeld eingeschränkt und er konnte Abstände und Entfernungen weniger gut einschätzen.
Mariku schlüpfte in eine freie Holo-Zelle, zog den Mantel aus und ließ sich auf den Sessel sinken. Er betrachtete sich in der spiegelnden Wand gegenüber.
Furchtbar war eine Untertreibung. Kein Wunder, dass man ihm aus dem Weg ging. Er hatte zwar kein Blut mehr im Gesicht, doch dafür klebte es an seiner Kleidung und das nicht zu wenig. Er trug immer noch die Fetzen, die einmal sein T-Shirt gewesen waren. Seine Haare waren fettig und ein einziges Fiasko. Bartstummeln zogen sich über die heile Wange und sein Kinn. Er sah zwanzig Jahre älter aus.
Er zog den Münzbeutel aus der Hosentasche und fingerte eine der Münzen heraus. Holografische Telefonate waren zwar kostenlos, doch man brauchte trotzdem erst einmal eine Münze um sie zu aktivieren. Nach dem Gespräch bekam man sie zurück.
Mariku hatte keine Ahnung, wie spät es auf der Erde war und er hoffte, er würde irgendjemanden erreichen. Es dauerte eine Verbindung aufzubauen und mit jeder Minute, die verstrich, sank Mariku das Herz tiefer. Er sehnte sich danach ein vertrautes Gesicht zu sehen.
Es rauschte und langsam begann sich ein Bild aufzubauen. Seine Mutter erschien, ihre kurzen, hellbraunen Haare waren zerzaust und ähnelten Marikus Frisur. Sie machte einen müden Eindruck, doch als sie Mariku erkannte, riss sie die Augen auf und schlug sich die Hand auf den Mund.
„Hi Mum“, sagte Mariku leise, dann versagte ihm die Stimme. Er vermisste seine Mutter und er würde viel dafür geben, wenn er jetzt bei ihr sein könnte.
„Mariku“, flüsterte Ayasha Nijad und Tränen traten in ihre hellblauen Augen. „Mein Junge.“
„Wein doch nicht, bitte, mir geht’s gut.“
„So siehst du nicht aus!“ Der vorwurfsvolle Ton ging in ihren Tränen unter. Mariku sah, wie ihr jemand die Hand auf die Schulter legte und sie hoch sah. Ein Hologramm seines Vaters erschien. Mariku kannte ihn als streng, aber liebevoll, so erschöpft hatte Mariku ihn noch nie gesehen. Außerdem sah er plötzlich viel älter aus.
„Wir haben uns Sorgen gemacht. Du bist nie in der Schule angekommen.“
„Ich weiß.“ Mariku senkte den Blick. Er fühlte sich schuldig, weil sich seine Eltern solche Sorgen um ihn gemacht hatten. „Es gab... Probleme, viele Probleme.“
„Was ist mit deinem Gesicht? Bist du verletzt? Ist das Blut?“ Die Fragen sprudelten aus seiner Mutter hervor, wie die Tränen, die immer noch über ihre Wangen liefen.
„Es ist eine lange Geschichte.“
„Ich habe Zeit!“, erwiderte Ayasha mit Nachdruck und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen weg. „Ich hab vier Wochen nicht gewusst, ob du lebst oder tot bist, ich habe alle Zeit dieses verdammten Universums.“
Vier Wochen? Mariku starrte seine Eltern ungläubig an. So viel Zeit war vergangen? „Tut mir Leid“, flüsterte er und bereute es nicht zuhause geblieben zu sein. Langsam erzählte er, was ihm die letzten Wochen widerfahren war, ließ dabei jedoch seine Beziehung zu Malik aus, auch den Krieg ließ er weg. Er wollte seine Eltern nicht beunruhigen.
„... und jetzt bin ich erstmal hier“, endete er seine Geschichte. Seine Eltern hatten ihn nicht einmal unterbrochen.
„Oh, Mariku.“ Seine Mutter vergrub ihr Gesicht in den Händen und schluchzte.
Sein Vater sah ihn nur an und schien nach den passenden Worten zu suchen.
„Komm nach Hause“, schluchzte seine Mutter.
„Das ist nicht so einfach.“
„Wir schicken dir Geld“, sagte schließlich sein Vater, „und dann kommst du nach Hause.“
Mariku hatte befürchtet, dass er das sagen würde. Er schüttelte den Kopf. „Ihr habt schon zu viel für mich ausgegeben.“
„Sei kein Idiot! Du kannst froh sein, dass du noch lebst.“
Doch Mariku blieb stur. „Ich such mir hier einen Job und dann verdien ich mir das Geld um nach Hause zu kommen.“
„Mariku...“ Ayasha klang weinerlich.
Ihr Mann legte einen Arm um ihre Schulter. „Er ist erwachsen und fähig seine eigenen Entscheidungen zu treffen.“
Ayasha sah ihn entgeistert an, doch sagte nichts. Sie wandte sich wieder Mariku zu. „Aber wenn du es dir anders überlegst, dann sag sofort Bescheid.“
„Mach ich.“ Mariku lächelte.
„Und ruf mich regelmäßig an.“
„Versprochen.“
„Wenn du irgendwas brauchst...“
„... dann meld ich mich sofort“, beendete Mariku den Satz. „Ich komm klar.“ Die Worte waren dazu da um seine Mutter zu beruhigen. Er selbst hatte keine Ahnung was er machen sollte, sobald er diese Holo-Zelle verließ. Es fiel ihm schwer sich zu verabschieden und auch seine Mutter wiederholte mehrmals alle guten Ratschläge, die ihr einfielen.
„Es wird Zeit“, sagte schließlich Marikus Vater.
„Ja“, stimmte Mariku zu.
„Werd schnell wieder gesund“, sagte Ayasha leise, „und pass auf dich auf.“
„Mach ich. Bis bald.“
„Bis bald, Mariku.“
Mariku blieb noch eine Weile sitzen, nachdem das Hologramm seiner Eltern verschwunden war und dachte nach, was er jetzt tun sollte. Ab jetzt war er auf sich allein gestellt. Er sah an sich hinunter. Erstmal brauchte er neue Klamotten und anschließend einen Platz zum Schlafen. Mit einem Mal fühlte er sich ausgelaugt.
Er zog den Mantel wieder über und trat nach draußen. Die Sonnen standen etwas tiefer als zuvor, doch es machte nicht den Eindruck, als würde es bald dunkler werden und Mariku fragte sich, ob es hier jemals dunkel wurde.

„Jo, Mariku.“
Überrascht sah Mariku sich um und war noch überraschter als er Bakura sah.
„Hatte gehofft, dass du noch hier bist.“ Bakura war nicht allein gekommen. Ryou und Anzu waren direkt hinter ihm und mit etwas Abstand folgte Seto. Mariku hob überrascht die Augenbrauen, als er den Piraten sah. „Lange Geschichte.“ Bakura grinste. „Aber es sieht so aus, als würden wir unser Zeug zurückbekommen.“
Mariku fühlte etwas Erleichterung. Zumindest würde er so seine Klamotten und auch etwas Geld bekommen.
„Beeilt euch“, drängte Ryou. Bakura und Mariku hatten es nur Anzu zu verdanken, dass sie ihre Sachen überhaupt zurückbekamen, und dass sie zufällig Bakura über den Weg gelaufen waren. Ryou war nicht bester Laune, denn er verhandelte immer noch mit Seto über die Rückgabe von Amane. Dass sie noch nicht in Einzelteile zerlegt worden war, glich sowieso einem Wunder.
Mariku ging neben Bakura, doch als er nach Details fragte, bekam er nur Schulterzucken zur Antwort.
Als sie den Raumhafen erreichten, betrachtete Seto interessiert das Notechis-Schiff. Ryou hatte es ihm zum Tausch gegen Amane angeboten.
„Hm, es ist in einem guten Zustand.“
„Ist es und aus hochwertigem Material.“
„Ich werde darüber nachdenken.“
Ryou knirschte mit den Zähnen, als er Setos hochmütiges Lächeln sah. Er wusste, dass der Pirat allein aus dem Grund ablehnen würde, um ihn zu verspotten.

Mariku war erleichtert, als er seine Tasche fast unbeschädigt vorfand. Das Display war verschmiert und die Träger abgerissen, doch sonst sah sie in Ordnung aus. Mariku wischte das Display sauber und aktiviert es. Es flackerte kurz, doch funktionierte ansonsten einwandfrei. Sie sollten sich beeilen, doch Mariku nahm sich trotzdem die Freiheit sich noch eben umzuziehen. Er fühlte sich gleich viel besser, nachdem er in frische Kleidung geschlüpft war. Die alten Sachen nahm er mit um Ryou nicht noch mehr zu verärgern.
Er überlegte, ob er zu den anderen noch etwas sagen sollte, bevor er ging, entschied sich dann aber dagegen. Ryou wollte sowieso nicht mit ihm reden und von Bakura hatte er sich schon verabschiedet.
Langsam stieg er die Treppe hinunter, seine Tasche an sich gedrückt. Mit nur einem Auge war es gar nicht so leicht nicht daneben zu treten.

Ziellos streifte Mariku durch die Straßen. Jetzt, da er wieder vernünftige Klamotten trug, machte niemand mehr einen Bogen um ihn und er musste aufpassen, dass er mit niemandem zusammenstieß. Es war lästig, dass er nur ein Auge benutzen konnte.
Die beiden Sonnen standen inzwischen noch tiefer und das Licht war dämmrig geworden, doch nach Nacht sah es immer noch nicht aus. Außerdem war es immer noch warm. Mariku fächelte sich Luft zu. Unter dem Mantel war es viel zu warm, aber kaum nahm er die Kapuze ab, wurde ihm sofort wieder schwindelig.
Mariku kaufte sich an einem Straßenstand ein Sandwich. Er wusste nicht genau was die Zutaten waren, doch er verschlang es mit Heißhunger und im Moment war es das Beste, dass er je gegessen hatte.
Er leckte sich die Finger ab und wischte sie an seinem Shirt sauber. Er fühlte sich immer noch hungrig, wollte aber nicht riskieren, dass er sich überaß.
Mariku sah sich um. Als nächstes brauchte er einen Schlafplatz, einen günstigen, doch wie sollte er so einen finden? Ob es irgendwo eine Touristeninformation gab? Er suchte nach einem Schild, doch auf die Schnelle fand er keins. Er ging weiter die Hauptstraße entlang und ließ seinen Blick nach links und rechts schweifen, auf der Suche nach etwas, das ihm weiterhelfen würde. Doch mit jedem Schritt, den er machte, wurden seine Beine schwerer. Er wollte schlafen und sich ausruhen. Mariku blieb seufzend stehen. Er musste jemanden fragen.
„Entschuldigung!“ Er sprach die erstbeste Person an, die an ihm vorbeiging. Es war eine alte Frau, zumindest sah sie danach aus. Ihre Haut war grünlich und ziemlich faltig. Sie trug einen Hut und bewegte sich langsam. „Entschuldigung, können Sie mir sagen, ob es hier eine Touristeninfo gibt?“
Ihre Antwort verstand Mariku nicht und als sie seinen verwirrten Gesichtsausdruck sah, zuckte sie entschuldigend mit den Schultern und ging weiter.
Auch bei den nächsten zwei hatte Mariku kein Glück. Sie sprachen zwar die Handelssprache, konnten ihm aber auch nicht weiterhelfen.
Frustriert trat er einen Schritt zurück und stieß dabei gegen jemanden. Er musste seine Kapuze festhalten, damit sie ihm nicht vom Kopf rutschte.
„Tut mir sehr leid“, entschuldigte sich Mariku sofort. Es war ein Mann, den Mariku angerempelt hatte, und trotz seiner Kapuze kam er ihm irgendwie bekannt vor. Der Mann sah ihn an und Mariku schnappte überrascht nach Luft. Es war der Alte, der ihm auf Jupiter geholfen hatte.
„Oh, was für eine Überraschung.“ Die Mundwinkel des Alten hoben sich leicht. „Wer hätte gedacht, dass wir uns wiedersehen.“ Er musterte Mariku. „Auch wenn dein Zustand das letzte Mal besser war.“
Mariku kratzte sich an seiner gesunden Wange. „Hab viel hinter mir.“
„Du siehst verloren aus.“
„Kann man so nennen, ja, war nicht geplant, dass ich hier lande und jetzt such ich ein Hotel, oder so was in der Art.“ Er zuckte mit den Schultern.
Der Alte schwieg für einen Moment und Mariku fühlte sich mehr als unwohl unter seinem Blick. Er verlagert sein Gewicht unruhig. „Komm mit, Junge“, sagte der Alte schließlich und wandte sich zum Gehen.
Mariku hob überrascht die Augenbrauen. Bevor er jedoch noch etwas sagen konnte, war der Alte längst losgegangen. Trotz seines fortgeschrittenen Alters legte er ein ziemliches Tempo vor. Mariku hatte Schwierigkeiten Schritt zu halten und musste aufpassen ihn nicht aus den Augen zu verlieren.
Sie zweigten von der Hauptstraße ab und Mariku fiel es etwas leichter ihm durch die leereren Nebenstraßen zu folgen. Der schwere Mantel jedoch machte ihm zu schaffen, genauso wie die Hitze. Mariku fächelte sich Luft zu. Es war keine drückende Hitze, nicht wie auf Abulu, es war... anders. Mariku hatte keine Worte dafür, weil er sich so noch nie gefühlt hatte. Es war unangenehm, aber angenehm zugleich.
Als sie endlich stehen blieben, atmete Mariku schwer. Dem Alten merkte man das rasche Tempo nicht an.
„Wo sind wir?“, keuchte Mariku und stützte sich an der Wand ab. Seine verletzte Gesichtshälfte pochte wegen der Anstrengung. Er konnte keinen Schritt mehr gehen.
„Bei mir.“ Der Alte trat an die Tür und ein Laser scannte seine Augen.
Mariku zog die Stirn kraus. Für einen Augenblick sah es so aus, als hätten sich seine Augen verändert. Er schüttelte den Kopf. Das musste er sich eingebildet haben.
Mariku zögerte, als der Alte ins Haus verschwand. Er sah nach drinnen und vor ihm lag ein stinknormaler Flur. Sollte er es wirklich wagen? Aber er hatte das Schlimmste schon hinter sich, was sollte noch passieren?

Eine angenehme Kühle empfing ihn, als er das Haus betrat. Die Haustür schloss sich von selbst. Eine der Türen stand offen und Mariku spähte in den Raum. Die Wohnung des Alten sah normal aus. Keine obskuren Dinge, keine übertriebene Elektronik, nur gewöhnliche Möbel. Zumindest soweit Mariku sehen konnte.
Er trat ein und wieder schloss sich die Tür hinter ihm von selbst. Er stellte seine Tasche ab, zog den Mantel aus und streifte seine Schuhe ab, doch blieb weiterhin in der Diele stehen und wartete auf eine Anweisung des Alten.
„Wie ist dein Name, Junge?“ Der Alte legte seinen Umhang ab und Mariku konnte ihn zum ersten Mal richtig betrachten. Er hatte grau-weißes Haar, das seine Schultern berührte und einen Vollbart. Er sah aus wie ein Mensch in seinen 50igern, doch sicher konnte er sich nicht sein.
„Mariku.“ Er ließ seinen Nachnamen weg. Viele Aliens fanden das Prinzip eines Nachnamens befremdlich und er wusste immer noch nicht, ob der Mann vor ihm ein Mensch war.
„Mariku also.“ Irgendetwas an seinem Ton gefiel Mariku nicht.
„Warum bin ich hier?“
Der Alte hob seine buschigen Augenbrauen. „Du hast doch einen Platz zum Schlafen gesucht und ich gebe dir einen.“
„Warum?“
„Ich habe ein paar Fragen an dich.“
Fragen? Er verengte die Augen zu Schlitzen. Das gefiel ihm nicht. In welcher Scheiße war er jetzt nur wieder gelandet?
Plötzlich lachte der Alte. „Hab keine Angst. Mein Name ist übrigens Akunadin.“
„Nur weil ich jetzt deinen Namen weiß, heißt das nicht, dass ich dir vertraue“, murrte Mariku.
„Du siehst aus, als hättest du schon mal den falschen Leuten vertraut.“
Mariku fasste sich an den Verband. „Es war nicht seine Schuld“, sagte er leise und mehr zu sich selbst.
Akunadin hob interessiert eine Augenbraue, lenkte aber auf ein anderes Thema. „Wie wär’s, wenn du dich wäschst und etwas isst?“
Mariku war nicht wohl bei dem Gedanken, aber im Moment hatte er keine andere Wahl. Akunadin war momentan der einzige auf diesem Planeten, der bereit war ihm zu helfen.

Mariku ließ das Wasser über seinen Rücken laufen und sah dabei zu, wie es im Abfluss verschwand. Der Arzt hatte ihm gesagt, der Verband könne ohne Probleme nass werden, wobei nass das falsche Wort war. Egal, wie viel Wasser auf den Stoff traf, er blieb trocken.
Die Dusche tat gut und entspannte ihn. Er wusste nicht, was es mit Akunadin auf sich hatte, doch wenn er vorhatte Fragen zu stellen, dann würde auch Mariku Fragen stellen.
Er fragte sich, wie es Malik ging. Hatte man ihn mit ihrer Flucht in Verbindung gebracht? Was war mit seinem Halbbruder? Mariku ballte seine Hände zu Fäusten, als er an ihn dachte. Er hatte noch nie jemandem den Tod gewünscht, aber dieser Bastard sollte im schlimmsten Drecksloch verrecken, das er kannte und am liebsten würde er ihn selbst dort hin befördern.

Als Mariku trocken, rasiert und angezogen war und sich im Spiegel betrachtete, fühlte er sich wieder wie ein Lebewesen. Nur Schlaf fehlte ihm.
Er verließ das Badezimmer und sofort stieg ihm der Geruch von Essen in die Nase. Sein Magen grummelte.
„Gerade richtig“, sagte Akunadin und stellte einen Topf dampfender Suppe auf den Tisch, dazu einige Scheiben Brot. „Ich habe nicht vor, dich zu vergiften“, fügte Akunadin hinzu, als er Marikus misstrauischen Blick sah. „Setz dich und iss etwas.“
Mariku setzte sich und füllte sich den Teller selbst mit Suppe. Er aß erst zaghaft, doch der Hunger überkam ihn und er interessierte sich nicht mehr dafür, ob Akunadin etwas hineingemischt haben konnte. Das Brot war süßlich und schien in seinem Mund förmlich zu schmelzen.
„Also Mariku...“
Mariku stoppte in seinen Bewegungen und sah Akunadin an.
„...du scheinst ein ziemliches Abenteuer hinter dir zu haben.“
„Nicht nur eins.“ Mehr sagte Mariku nicht. Ihn ließ das Gefühl nicht los, dass Akunadin bereits mehr über seine Erlebnisse wusste, als er zugeben wollte. War vielleicht ihre erste Begegnung auf Jupiter schon kein Zufall gewesen? Wer war Akunadin? Er sah aus wie ein Mensch, doch war er wirklich einer?
„Was ist mit deinem Gesicht passiert?“
„Hatte eine Begegnung mit einem Bastard.“
Akunadin merkte, dass er mit dieser Taktik bei Mariku nicht wirklich weiterkam. „Es gibt Gerüchte“, Akunadin machte eine Pause, sein Blick war auf Mariku fixiert, „über Notechis.“
Klirrend fiel Marikus Löffel in den fast leeren Teller. Mit einer Mischung aus Panik und Misstrauen sah Mariku Akunadin hat. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. „Woher...?“ Sein Mund fühlte sich trocken an.
„Gut, die Gerüchte waren gelogen“, gab Akunadin zu, „aber ich erkenne ein Notechis-Schiff, wenn ich es sehe und ich muss zugeben, ich war wirklich überrascht, als ich gesehen hab, dass du ausgestiegen bist. Was macht dieser junge Mensch auf einem Notechis-Schiff? hab ich mich gefragt und bin neugierig geworden. Also, Mariku, warum warst du auf einem Notechis-Schiff und wer ist für deine Wunde verantwortlich?“
Mariku sah ihn mit offenem Mund an. Er war zu überrascht um etwas zu sagen, obwohl ihm zig Fragen durch den Kopf schossen.
Akunadin räumte den Tisch ab, während Mariku noch nach Worten suchte.
„Malik.“
Die Teller fielen Akunadin aus der Hand, doch er fing sie, bevor sie auf den Boden trafen. Mariku starrte die Tischplatte an, weshalb er es nicht mitbekam und auch Akunadins überraschten Blick nicht sah.
„Wir sind ihm begegnet, nachdem wir vom Kurs abgekommen sind.“ Und erneut erzählte Mariku seine Erlebnisse, anders als er sie seinen Eltern erzählt hatte, und doch ließ er erneut seine Beziehung zu Malik weg.

Schweigen kehrte ein, nachdem Mariku verstummt war. Mariku hörte das Stimmengewirr von draußen durch das offene Fenster. Selbst das Starten der Raumschiffe nahm er schwach in der Ferne wahr. Akunadins Blick ruhte auf ihm, seine Mimik war starr.
„Malik, huh?“, sagte er schließlich überraschend leise. Wehmut klang in seiner Stimme mit. „Ich kenne ihn und seinen Vater.“
Mariku hob überrascht die Augenbrauen. „Du bist kein Mensch“, sprach er seine Vermutung laut aus.
Akunadin lachte. „Nein, doch man kann sich unbehelligt bewegen, wenn man aussieht wie einer.“ Er stand auf. „Was du siehst ist nur eine Illusion, eine Lüge, die für mich jedoch überlebenswichtig ist. Wenn du die Wahrheit kennst, dann wirst du verstehen.“
Mariku sprang auf, als sich Akunadin vor ihm zu verändern begann. Er trat einige Schritte zurück und stolperte dabei fast zweimal über den Stuhl. Er wich zurück bis er die Wand im Rücken spürte.

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