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Malik hatte seine Hand in seinen Haaren vergraben und versuchte sich krampfhaft an die Daten großer Schlachten der Vergangenheit zu erinnern. Er wusste noch nicht einmal in welchem Jahrhundert er sie einordnen musste.
Malik lehnte sich zurück und ließ seinen Blick schweifen. Jeder saß über seine Klausur gebeugt. Sein Blick wanderte zu Mariku. Selbst Mariku schrieb ohne den Stift einmal abzusetzen sein Blatt voll, dabei hatte Malik ihn nicht einmal lernen sehen. Malik seufzte leise und beugte sich wieder über seine Klausur. Er hasste Geschichte.

Malik ließ seinen Kopf auf den Tisch sinken und gab gequälte Geräusche von sich.
„Was los?“, fragte Mariku und schob sich eine Krokette in den Mund.
„Ich bin so froh, dass die Klausur vorbei ist.“ Malik war nicht sonderlich hungrig, der Test lag ihm noch schwer im Magen. „Meine Schwester bringt mich um.“
„Wieso sollte sie? Selbst wenn du’s vergeigst, sind deine Noten doch echt gut.“
Malik setzte sich auf und zog seinen Teller näher, schob das Essen jedoch nur hin und her. „Aber sie wird mich mit diesem ‚Ich bin so enttäuscht von dir, wie konntest du ausgerechnet in Geschichte versagen‘-Blick ansehen.“ Er stach die Gabel in eine der Kroketten.
„Warum?“
„Sie leitet ein Museum und Geschichte ist ihr regelrecht heilig.“
„Oh!“ Ryou wurde hellhörig. „Wirklich? Was für eins?“
„Hauptsächlich ägyptischer Kram.“
„Echt? Cool!“
Ryous Interesse überraschte Malik. Es kam nur selten vor, dass jemand über diese Information so begeistert war wie Ryou im Moment. „Ist nichts Besonderes.“ Was eine Untertreibung war. Das Museum war riesig und deckte einen großen Teil ägyptischer Geschichte ab.
„Ich würd gern mal hin.“ Ryou bemerkte, dass seine Freunde ihn anstarrten und schrumpfte etwas auf seinem Platz zusammen. „Naja, Papa arbeitet als Archäologe und ist hauptsächlich in Ägypten unterwegs, deshalb interessiert mich das auch etwas“, sagte er etwas kleinlaut.
„Willst du auch mal Archäologe werden?“, fragte Bakura.
Ryou zuckte mit den Schultern. „Ich glaub nicht. Ständig unterwegs sein liegt mir nicht so.“
„Hast du dir schon überlegt, was du nach der Schule machen willst?“
Wieder zuckte Ryou mit den Schultern. Er hatte sich schon öfters den Kopf darüber zerbrochen, aber war zu keinem Ergebnis gekommen. „Nicht wirklich. Habt ihr euch schon Gedanken gemacht?“
Malik und Bakura schüttelten den Kopf.
„Nie wieder eine Schule betreten“, war Marikus Antwort. „Isst du deine Kroketten noch?“
Malik schob ihm seinen Teller hin. „Du kannst ja zu mir kommen, wenn du möchtest“, sagte er zu Ryou. „Dann kannst du dir das Museum ansehen.“
„Wirklich?“
„Sicher, Isis freut sich, wenn sich mal jemand dafür interessiert.“
„Oh, das wär so toll!“ Ryou strahlte richtig. „In den Sommerferien vielleicht?“
„Klar.“
„Super, ich freu mich.“ Mit plötzlichem Heißhunger stürzte sich Ryou auf sein Mittagessen.
Mariku dagegen war dazu übergangen in seinem Essen zu stochern. Er starrte die Kroketten an und hatte die Lippen aufeinander gepresst. Mariku verspürte eine leichte Eifersucht, die wie ein Knoten in seinem Bauch saß. Er wollte Malik auch besuchen. Er warf Malik einen kurzen Seitenblick zu. Ob er auch zu ihm kommen konnte? Doch er traute sich nicht ihn zu fragen. Malik war derjenige, der das Tempo in ihrer Beziehung vorgab und er wollte ihn nicht drängen.

Malik stand auf. „Ich bin mal eben telefonieren.“ Über Isis zu reden hatte ihn daran erinnert, dass er schon letzte Woche vorgehabt hatte sie anzurufen, es dann aber vergessen hatte. Er hatte ihr auch noch gar nicht gesagt, dass er über die Ferien nach Hause kommen wollte.
„Malik!“
Malik hob die Augenbrauen. Isis klang ungewohnt fröhlich und er sprach sie auch darauf an.
„Darf ich mich nicht freuen von meinem kleinen Bruder zu hören?“
Malik verengte die Augen. „Du bist neugierig, was zwischen mir und Mariku ist, nicht wahr?“
„Ja“, gestand Isis.
„Sowas hat dich doch noch nie interessiert.“ Malik lehnte sich mit der Schulter gegen die Wand und beobachtete seine Mitschüler, die draußen die Sonne genossen. Und obwohl er Isis‘ Gesicht nicht sah, wusste er, dass sie die Lippen für einen Moment aufeinander presste.
„Du hast dir nie viel aus diesen Mädchen gemacht, also hab ich’s auch nicht getan.“ Damit hatte seine Schwester den Nagel auf den Kopf getroffen.
„Warum denkst du, dass es diesmal anders ist?“
„Weil du mit mir darüber geredet hast und ich hatte auch den Eindruck, dass es dir sehr wichtig ist.“
Ein kurzes Lächeln huschte über Maliks Lippen. „Ich will übrigens in den Ferien nach Hause.“
„Wechsel nicht das Thema.“
Malik lachte leise. „Du bist wirklich neugierig.“
„Jetzt erzähl’s mir schon.“
Malik schloss die Augen. Es war lange her seit er so locker mit seiner Schwester hatte reden können. Besonders das letzte Jahr hatten sie vor allen Dingen streitend verbracht. „Wir sind zusammen“, sagte er leise und öffnete seine Augen wieder. Er zuckte leicht zusammen, als jemand nah am Fenster vorbeilief.
„Und bist du auch glücklich mit dieser Entscheidung?“
Malik wandte seinen Blick vom Fenster ab. „Ja, ich denke schon.“
„Und du willst in den Ferien nach Hause?“
„Jo.“
„Bringst du ihn mit?“
Vor Überraschung hätte Malik fast den Hörer fallen lassen. „Was?“
„Bring ihn doch mit. Ich würd ihn gerne kennen lernen.“
Malik antwortete nicht, sondern sah nur zu Boden. Er hatte nicht einmal darüber nachgedacht, was Mariku überhaupt in den Ferien machen würde. Ryou hatte ihm erzählt, dass er die Ferien zusammen mit Bakura verbringen würde, was bedeuten würde, dass Mariku ganz alleine wäre. Malik presste die Lippen aufeinander. Er war nicht gerade ein guter Freund.
„Malik?“
„Hm?“
„Du musst ihn nicht mitbringen. Er will sicher auch Zeit mit seiner Familie verbringen.“
Seine Familie. Erst jetzt wurde Malik klar, wie wenig er wirklich über Mariku wusste. Er wusste noch nicht einmal etwas über seine Eltern oder bei wem er überhaupt lebte. Wann hatte er Geburtstag? Was aß er am liebsten?
„Malik, bist du noch dran?“
„Ja, tut mir Leid. Ich frag ihn mal.“
„Gut, dann holen wir dich oder euch am Freitagnachmittag ab.“
Sie verabschiedeten sich.

„Alles klar bei dir zuhause?“
Malik nickte. Ihm brannte die Frage, ob Mariku die Ferien bei ihm verbringen wollte, auf der Zunge, doch sie auszusprechen fiel ihm schwerer als erwartet. Sie waren zusammen, er sollte nicht solche Schwierigkeiten haben Mariku etwas zu fragen und doch kamen die Worte nicht über seine Lippen.
„Malik?“ Mariku berührte ihn sanft am Arm. „Bei dir alles klar?“
„Ja, sorry.“ Er strich sich eine Strähne zurück. „Jetzt, wo die Klausur vorbei ist, bin ich irgendwie echt müde.“ Er lächelte schwach.
„Dann ruh dich aus.“ Mariku ergriff seine Hand und zog ihn mit sich.
Malik stolperte im ersten Moment vor Überraschung, doch fing sich schnell wieder und ging neben Mariku. Sein Herz schlug merklich schneller, während er sich auf Marikus Hand konzentrierte.
Seit sie zusammen waren, hatten sie nur wenig „Pärchen-Kram“ gemacht. Hier ein Kuss, da ein Kuss und die meisten Berührungen gingen von Mariku aus. Malik hätte sich früher nie als schüchtern bezeichnet, doch er war so nervös und zurückhaltend in dieser Beziehung, dass er sich selbst nicht wiedererkannte. Nicht, dass er das als negativ empfand. Er bereute seine Entscheidung nicht, doch nervös war er trotzdem. Mit Mariku fühlte es sich anders an und er hatte Angst etwas falsch zu machen und sich zu blamieren. Mariku hatte so viel mehr Erfahrung als er. Was, wenn er etwas von ihm erwartete, dass er ihm nicht geben konnte? Der Gedanke verunsicherte ihn nur noch mehr.
Sie blieben vor der Zimmertür stehen und Mariku ließ seine Hand los. Malik vermisste die Wärme sofort.
„Wenn du willst, kannst du später noch rüberkommen.“
Er küsste Malik und dieser merkte, wie seine trüben Gedanken verflogen. Er brauchte sich keine Sorgen machen. Es war alles gut. Ihr Kuss währte nicht lange und Malik hing das „mehr“ förmlich auf den Lippen, doch er sprach es nicht aus. Mariku hatte erst vor kurzem sein Medikament wieder abgesetzt und Malik wollte nichts riskieren.
„Außer sie treiben’s wieder miteinander, dann bin ich geflohen.“ Mariku grinste. „Und sie sagen, ich sei schlimm.“
Malik grinste jetzt ebenfalls. „Bist du auch!“
„Hey, ich arbeite an mir.“
„Ach ja? Etwa für mich?“
„Vielleicht.“
Sie lachten und es war Malik, der diesmal Mariku küsste. Wieder nur kurz, auch wenn es ihm schwer fiel seine Lippen von Marikus zu lösen.
„Ruh dich aus“, sagte Mariku leise und Malik nickte.

Malik vergrub sein Gesicht im Kissen. Gerade eben hatte er die perfekte Gelegenheit gehabt Mariku zu fragen, aber er hatte wieder andere Dinge im Kopf gehabt und einfach nicht mehr daran gedacht. Er ärgerte sich über sich selbst.
Der Gedanke zwei Wochen mit Mariku allein zu sein sorgte für Herzklopfen. Im Internat schien ständig jemand um sie zu sein und selbst wenn sie einmal allein waren, hatte er immer das Gefühl, dass sie im nächsten Augenblick von jemandem gestört werden könnten. Zuhause wäre er auch in vertrauter Umgebung, vielleicht würde das auch dafür sorgen, dass er etwas auflockerte.
Malik drehte sich auf den Rücken, das Kissen immer noch in den Armen. Sofern Mariku überhaupt zu ihm kommen wollte. Vielleicht hatte er auch andere Pläne. Obwohl er die Winterferien auch an der Schule verbracht hatte. Malik umarmte das Kissen fester. Er sollte ihn einfach fragen und sich nicht so anstellen.
Aber was sollte er dann mit ihm unternehmen? Er war noch nie sonderlich gut darin eine Beschäftigung zu finden, sonst hatte er einfach immer Party gemacht.
Und was, wenn er seinen alten Freunden begegnete? Sie würden ihn bestimmt sehen wollen. Wie sollte er ihnen Mariku vorstellen? Er wollte nicht, das Mariku dachte, dass er sich für ihn schämte, aber er hatte auch Angst vor der Reaktion der anderen.
Malik drehte sich auf die Seite. Er wusste nicht, ob er sich dem schon stellen konnte.

Mit einem Ruck setzte Malik sich auf, machte einen frustrierten Laut und warf das Kissen von sich.
Bakura fing es auf. „Was ist denn mit dir los?“
Malik sah ihn kurz an, dann wandte er seinen Blick wieder ab. „Weißt du, was Mariku in den Ferien macht?“ Das Kissen traf ihn am Kopf und fiel dann auf den Boden.
„Er ist dein Freund, also solltest du ihn fragen“, erwiderte Bakura mit einem leichten Grinsen auf den Lippen.
Malik streckte sich um das Kissen aufzuheben. „Ja“, sagte er leise. Er legte das Kissen auf seinen Platz zurück und streckte sich auf der Matratze aus.
„Willst du ihn einladen?“
„Wie kommst du drauf?“, fragte Malik zögerlich.
„Sonst hättest du mich das kaum gefragt.“
Malik seufzte. „Ja, ich will ihn fragen. Denkst du es ist eine gute Idee?“ Als Bakura nicht antwortete, drehte Malik den Kopf um ihn anzusehen. Für einen Moment sah Bakura ernst aus, dann verzogen sich seine Lippen zu einem erneuten Lächeln.
„Fraaag ihn.“
Malik stieß hörbar Luft aus. „Jaja!“ Er setzte sich auf. „Du bist keine große Hilfe, weißt du das?“
„Ja“, antwortete Bakura mit einem gewissen Stolz in der Stimme.
Malik verdrehte die Augen und stand auf. „Ich mach’s gleich.“

Doch als er vor Marikus Zimmertür stand, verließ ihn der Mut erneut. Wieso machte ihn das so nervös? Und wieso stellte er sich so an? Malik nahm einen tiefen Atemzug und riss mit Schwung die Tür auf. „Mariku!“
Krachen folgte, als Mariku vor Schreck mit dem Stuhl umfiel und auch Ryou, der auf dem Bett saß, zuckte zusammen.
„Oh, sorry“, murmelte Malik.
Etwas unbeholfen kam Mariku wieder auf die Beine und rieb sich das Steißbein. „Was ist passiert?“
„Ähm“, Malik schluckte, „hast du kurz Zeit?“
„Klar.“ Mariku stellte noch den Stuhl auf und folgte anschließend Malik nach draußen.
Malik schlug das Herz bis zum Hals und er spürte die Hitze in seinen Wangen. „Tut mir leid.“
Mit einem leichten Grinsen auf den Lippen winkte Mariku ab. „Ist nicht das erste Mal, dass ich umfalle.“ Sein Grinsen wurde etwas breiter. „Zumindest ist der Stuhl diesmal heil geblieben.“ Sein Blick ruhte auf Malik und sein Gesichtsausdruck wurde wieder ernst. „Also, was ist?“
„Lass uns rausgehen, okay?“ Malik versuchte zu lächeln, doch Marikus Gesichtsausdruck nach zu schließen, gelang ihm das nicht wirklich. Schnell richtete er seinen Blick wieder nach vorne.

Mariku war angespannt. Es wusste, dass Malik noch verunsichert war von ihrer Beziehung, auch wenn er sich wirklich Mühe gab. Mariku bedeutete das viel. Trotz seiner Unsicherheit wollte Malik diese Beziehung und auch, wenn sich Mariku dessen sicher war, war ihm jetzt kotzübel vor Aufregung. Über was wollte Malik mit ihm reden?
Als Malik draußen nach seiner Hand griff, fiel etwas Anspannung von Mariku ab. Es passierte nicht oft, dass Malik die Initiative ergriff, doch jedes Mal, wenn er es tat, verstärkte dass das Kribbeln, das Mariku ständig in Maliks Nähe verspürte.
Obwohl den ganzen Tag die Sonne geschienen hatte, war es kalt, doch die beiden Jungen waren zu aufgeregt um es zu bemerken.
Malik räusperte sich und griff Marikus Hand etwas fester. Es war eine ganz einfache Frage; kein Grund nervös zu sein. Er sah kurz zu Mariku, doch wandte den Blick wieder ab, als er sah, dass dieser in ansah. Er räusperte sich noch einmal. Sein Mund fühlte sich trocken an und seine Zunge schwer. Mariku begann mit seinem Daumen über seine Haut zu streichen. Es war ein beruhigendes Gefühl.
„Ich hab ja heut mit Isis telefoniert“, fing er an. Mariku blieb still und sah Malik abwartend an. „Und ich hab ihr auch von uns erzählt.“
Mariku hob die Augenbrauen und sein Körper spannte sich wieder an.
„Sie fragt, ob du die Ferien vielleicht zu uns kommen willst?“ Maliks Stimme war gegen Ende hin immer leiser geworden.
Mariku blieb überrascht stehen und starrte Malik mit großen Augen an. Maliks Herz schlug so schnell, als wollte es ihm gleich aus der Brust springen. Das Warten auf eine Antwort glich der reinsten Qual.
Für Malik vergingen gefühlt Stunden, bis Mariku endlich etwas sagte.
„Willst du denn auch, dass ich zu dir komme?“
Malik spürte das Brennen in seinen Wangen. Er nickte schnell und sah verlegen zur Seite. „Aber wenn du lieber Zeit mit deiner Fami...“
Doch er hatte das Wort noch gar nicht richtig ausgesprochen, als Mariku ihn schon unterbrach: „Nein! Ich will lieber bei dir sein.“
Malik überkam eine plötzliche Welle der Zuneigung. Er lächelte Mariku an. „Das freut mich.“
Mariku küsste ihn kurz. „Und mich erst“, flüsterte er gegen Maliks Lippen.


„Hör auf zu lachen!“ Was hatte er sich dabei nur gedacht? „Hör auf zu lachen, hab ich gesagt!“ Doch Bakura lachte nur noch lauter. Mariku trat nach ihm, doch sein Bein war nicht lang genug. Frustriert ließ er sich in seinen Stuhl zurücksinken. Er hatte zugesagt die Ferien bei Malik zu verbringen ohne wirklich darüber nachgedacht zu haben. Er war glücklich, das Malik ihn gefragt hatte, doch jetzt war er vor allen Dingen eins: nervös. Er würde Maliks Familie kennen lernen. Seine Schwester. Seinen Bruder. Seine... Eltern?
Er hatte Malik nie von seinen Eltern sprechen hören und er hatte auch nicht gefragt, weil es für ihn selbst kein leichtes Thema war. Malik schien jedoch nur mit seinen Geschwistern zusammen zu leben.
Mariku kaute auf seiner Unterlippe.
„Ich hab dich noch nie so nervös gesehen“, sagte Bakura, nachdem er sich beruhigt hatte.
„Ich bin nicht nervös“, widersprach Mariku. Seine Stimme hatte eine deutlich höhere Tonlage als sonst.
Mariku war nervös. Mehr als das. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, wenn er daran dachte Maliks Familie zu begegnen. Bakura hatte recht: er war noch nie so nervös gewesen.
Nicht nur nervös, er hatte regelrecht Angst vor Maliks Familie zu treten. Sie hatten kein Problem mit ihrer Beziehung, das wusste er, doch was, wenn sie ein Problem mit ihm hatten? Er war krank und nicht unbedingt der Vorzeige-Boyfriend. Was, wenn sie ihn über seine Vergangenheit befragten? Über seine Familie?
Mariku spürte wie ihm die Farbe aus dem Gesicht wich. Er konnte sich diesen Fragen nicht stellen. Konnte er Malik bitten, dass sie ihn nichts darüber fragten? Aber würde das dann nicht Maliks Neugier wecken? Es wäre ihm lieber, er müsste ihm manche Sachen niemals erzählen, aber es war auch ein Teil von ihm.
„Alles in Ordnung?“ Bakura war es nicht entgangen, dass Mariku blass geworden war.
Mariku nickte schnell. „Ja“, sagte er heiser und stand auf. Er brauchte frische Luft.
Bakura sah ihm besorgt hinterher.

Mariku saugte die frische Luft gierig in seine Lungen. Ein Teil von ihm wollte zu Malik gehen und ihm sagen, dass er doch nicht mitkommen konnte. Seine Vergangenheit war nichts für das er sich hätte schämen müssen und doch wollte er nicht, dass Malik oder seine Familie davon erfuhr. Was, wenn sie dann dachten, dass er nicht gut genug für Malik war? Was, wenn sie auf ihn hinabsehen würden?
Aber er wollte Zeit allein mit Malik verbringen. Außerhalb der Schule. Er wollte ihn richtig kennenlernen.
Mariku ballte seine Hände zu Fäusten. Was sollte er tun?

Selbst Malik bemerkte, dass mit Mariku etwas nicht stimmte. Er war weniger entspannt als sonst und mit den Gedanken öfter ganz woanders.
Malik legte seine Hand auf Marikus und dieser zuckte zusammen. „Bist du okay?“, fragte er leise.
Mariku verschränkte seine Finger mit Maliks. „Ist es wirklich okay, wenn ich mitkomme?“
Malik zog die Augenbrauen zusammen. Darüber machte sich Mariku Gedanken? Das hatte er nicht erwartet. „Natürlich. Isis freut sich schon.“ Er küsste ihn als Versuch ihn zu beruhigen. „Mach dir keine Sorgen.“
„Und wenn sie mich nicht leiden können?“
Überraschung zeigte sich deutlich auf Maliks Gesicht. Er hatte nie erwartet, dass sich Mariku über so etwas Sorgen machen würde. Er hatte immer den Eindruck gehabt, Mariku war die Meinung von anderen egal, aber es schien ihm wirklich wichtig zu sein, dass seine Geschwister ihn mochten. Malik strich mit seinem Daumen über Marikus Handrücken. Ihm würde es wohl auch nicht anders ergehen, wenn er Marikus Eltern kennen lernen müsste.
„Sie werden dich schon mögen.“
Er sah den Zweifel in Marikus Blick.
„Was hast du ihnen von mir erzählt?“
„Nicht... viel“, antwortete Malik. „Ist ja nicht so als wüsste ich viel“, fügte er leise hinzu.
Marikus Zweifel wichen der Überraschung. Allein dadurch, dass Malik von seiner Krankheit wusste, hatte er das Gefühl, er würde alles über ihn wissen, aber ja, Malik hatte recht; sie kannten sich kaum.
Er berührte sanft Maliks Wange. „Du lernst mich noch besser kennen, als dir lieb ist.“ Sein Grinsen brachte Malik zum Lachen.
Er schob Marikus Hand beiseite. „Idiot.“
„Es wird schon alles gut.“
„Hallo, du warst doch der, der sich Sorgen gemacht hat!“
Mariku zuckte mit den Schultern. „Wird schon schiefgehen.“


So fühlte es sich also an, wenn einem die Knie weich wurden. Mariku hatte das Gefühl, als wären seine Beine nur noch aus Pudding. Ihm war schlecht und er bereute es gefrühstückt zu haben. Je näher das silberfarbene Auto kam, desto unerträglicher wurde seine Nervosität. Es half nichts, das Malik neben ihm auch unruhig sein Gewicht von einem Bein auf das andere verlagerte.
Das Auto hielt vor ihnen an und Isis war die erste, die ausstieg. Selbst in Jeans und dem einfachen marineblauem Shirt sah sie elegant aus. Ihr Lächeln beruhigte Mariku etwas, doch nur für einen Moment, dann fiel sein Blick auf Rishid und das Herz rutschte ihm in die Hose. Maliks Bruder hatte einen ernsten Gesichtsausdruck und die Narben, die einen Teil seines Gesichts und Kopfs bedeckten, ließen ihn nicht freundlicher aussehen. Er war groß, mindestens einen Kopf größer als Mariku, und Mariku fühlte sich mehr als nur eingeschüchtert.
Isis umarmte ihren Bruder und küsste ihn auf die Wange. Malik verzog das Gesicht.
„Lass das“, murmelte er verlegen und rieb sich über die Wange.
„Gut siehst du aus.“ Schließlich wandte sie ihre Aufmerksamkeit Mariku zu. „Und du bist also Mariku.“ Obwohl Mariku größer war, fühlte er sich winzig unter ihrem musternden Blick.
„Ja, Madam“, sagte er leise.
Isis lachte und auch Maliks Mundwinkel zuckten nach oben. „Madam?“ Ihre Augen glitzerten vergnügt und Mariku kam sich vor wie ein Idiot. Er war sich sicher, seine Wangen hatten vor Scham noch nie so gebrannt. „Jetzt fühl ich mich alt. Nenn mich doch einfach Isis.“ Und bevor Mariku sich versah, fand er sich in ihrer Umarmung wieder. Sein Körper verspannte sich kurz vor Überraschung, doch entspannte sich gleich darauf wieder. Er bemerkte Isis‘ Parfüm: blumig, aber sehr dezent. Es war ein angenehmer Geruch.
Isis ließ ihn wieder los und lächelte ihn an. „Es freut mich, dich endlich kennen zu lernen.“
„Freut mich auch.“ Er räusperte sich leicht. Fast hätte ihm die Stimme versagt.
„Kein Grund nervös zu sein.“ Sie zwinkerte ihm zu, doch Mariku fühlte sich nicht besser. Er spürte Rishids Blick auf sich und straffte unbewusst seine Schultern.
„Ich bin Rishid, freut mich.“ Rishid reichte ihm die Hand und Mariku erwartete einen fingerbrechenden Griff. Er war überrascht, als es nicht so war. Rishids Griff war fest, aber keineswegs schmerzhaft. Normales Händeschütteln. Er entspannte sich etwas.
Malik ließ sich hinter Rishid auf den Rücksitz sinken, während Mariku hinter Isis Platz nahm. Noch immer klopfte sein Herz aufgeregt, doch er fühlte sich etwas besser, jetzt da er den ersten Schritt geschafft hatte. Er bemerkte, das Malik ihn ansah und schaffte ein schwaches Lächeln. Malik erwiderte es und legte seine Hand auf den freien Sitz zwischen ihnen. Mariku zögerte kurz, dann legte er seine Hand ebenfalls in die Mitte. Seine Finger berührten Maliks und streichelten über sie.
Mariku warf einen Blick aus der Heckscheibe. Das Internat wurde immer kleiner. Er griff Maliks Hand. Es würden schon schöne Ferien werden... hoffentlich.

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