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Da sprach der Meister: "Willst du nicht erfahren,
Zu welchen Geistern du gekommen bist?
Bevor wir fortgeh‘n, will ich offenbaren,
Dass sie nicht sündigten; doch g‘nügend misst
Nicht ihr Verdienst, da sie der Tauf entbehrten,
Die Pfort' und Eingang deines Glaubens ist.
Und lebten sie vor Christo auch, so ehrten
Sie doch den Höchsten nicht, wie sich's gebührt;
Und diese Geister nenn' ich selbst Gefährten.“

- Dante’s Inferno, Vierter Gesang

Ryous Schreie widerhallten an der Felswand und wurden vielfach zurückgeworfen. „Nein, nein, nein, nein!“ Er wusste nicht, was er tun sollte. Das konnte nicht sein, nein, das war gerade nicht passiert. Er sah sich hilfesuchend um, doch Malik starrte nur selbst mit weit aufgerissenen Augen in den Abgrund und Mariku hatte die Augen geschlossen und seine Stirn gegen die Felswand gelehnt. Sein Kiefer war angespannt und sein Körper bebte leicht.
„Bakura“ flüsterte Ryou. Was sollte er tun? Es war alles seine Schuld. Hätte er sie nur nicht zum Weitergehen überredet. Tränen sammelten sich in seinen Augen. Nur weil er unbedingt die Hölle hatte sehen wollen. Vor lauter Aufregung hatte er die Gefahr nicht gesehen, die ein Besuch in der Hölle mit sich brachte. Sie war kein Spielplatz.
„Ryou!“ Marikus herrische Stimme riss ihn aus seiner Starre. Er hob den Blick und sah Mariku an. Dessen Augen waren zwar glasig, seine Stimme jedoch fest als er sprach. „Reiß dich zusammen.“
„Aber...“
„Kein Aber! Bring uns da runter, aber flott.“
Ryou presste die Lippen aufeinander. Hätte er nicht Marikus Blick gesehen, dann hätte er ihn gefragt, wie er so kalt sein konnte, doch Mariku ging es mindestens so schlecht wie ihm in dieser Sache. Ryou wischte sich über die Augen und nickte. Wenn sie den Boden erreicht hatten, dann war immer noch Zeit zu heulen, aber jetzt mussten sie erst einmal auf sicheres Gelände.
Vorsichtig setzte sich Ryou wieder in Bewegung. Erst hatte er Schwierigkeiten sich auf seine Bewegungen zu konzentrieren; seine Gedanken huschten viel zu oft zurück zu Bakura. Jetzt bereute er es, dass er die ganze Zeit so zurückhaltend ihm gegenüber gewesen war. Ryou atmete tief durch. Es war zu spät für solche Gedanken.
Der Nebel wurde wieder dichter und Ryou sah kaum die eigenen Hände. Er sah zurück, doch konnte niemanden sehen. „Malik?“
„Ja?“
„Alles in Ordnung?“
„Denk schon. Der Nebel nervt.“
„Ja, aber der Weg wird hier dafür etwas breiter.“
Wie lange würde es noch dauern, bis sie den Boden erreichten? Inzwischen kam es Ryou vor, als wären sie seit Stunden unterwegs. Seine Finger waren kalt und begannen sich taub anzufühlen, doch Ryou war nicht mehr so auf sie angewiesen, wie zuvor noch. Der Weg war inzwischen so breit, dass man normal darauf gehen konnte. Auch der Nebel begann sich zu lichten. Ryou sah über die Schulter. Malik war dicht hinter ihm, gefolgt von Mariku. Beide nutzten ihre rechte Hand um an der Felswand entlang zu tasten.

Nach wenigen Schritten hatte Ryou den Nebel plötzlich hinter sich gelassen. Er blinzelte einige Male um sich an die veränderten Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Der Weg war zu Ende und eine Wiese erstreckte sich links von ihm.
„Wir sind endlich unten!“ Erleichtert schlang Malik seine Arme um Ryou. „Ich bin so froh.“
Ryou lächelte schwach. Auch wenn er Maliks Erleichterung teilte, konnte er sich nicht wirklich freuen. „Wir müssen ihn suchen.“
„Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.“ Mariku strich sich unruhig durch den Nacken. „Es war doch ein ziemlich tiefer Fall und...“
Doch Ryou unterbrach ihn. „Ich such ihn!“, fauchte er und Mariku hob abwehrend die Hände.
„Schon gut, schon gut.“
Ryou ging wieder voraus, doch diesmal war der Weg weitaus angenehmer. Der Himmel leuchtete in seinem schönsten Blau und keine einzige Wolke war zu sehen. Malik stutzte. Obwohl es helllichter Tag war, konnte er nirgendwo eine Sonne entdecken. Er sah an der Felswand hoch, die komplett in Nebel gehüllt war und schauderte. Es war seltsam, wie sich der Nebel nur auf diese eine Stelle konzentrierte, aber alles hier fühlte sich seltsam an. Diese Wiese, der Himmel, der kleine See, der nicht weit vor ihnen lag, ja sogar der Wald in der Ferne kamen ihm irgendwie falsch vor. War das hier wirklich die Hölle? Er hatte es sich anders vorgestellt.
Malik sah leicht über die Schulter. Mariku ging fast neben ihm und schien genauso misstrauisch zu sein wie er.

„Da ist jemand!“, rief Ryou plötzlich und sowohl Maliks als auch Marikus Blick folgten seinem Fingerzeig. Am Ufer des Sees saß jemand und die weißen Haare waren unverwechselbar. „Bakura!“, rief Ryou und begann zu laufen.
Malik und Mariku sahen sich an und Mariku begann zu grinsend. „Dieses verdammte Arschloch.“
Bakura stand auf, gerade rechtzeitig um Ryou aufzufangen, der sich regelrecht in seine Arme warf. Die Umarmung währte jedoch nicht lange. „Du bist patschnass.“
„Ich bin auch in den See gefallen.“ Bakura deutete über die Schulter. „War nicht sehr angenehm, außerdem sitz ich hier schon seit Stunden und meine Klamotten sind immer noch nass. Langsam find ich das nicht mehr...“ Er unterbrach sich selbst, als Ryou ihn wieder umarmte.
„Ich dachte, du wärst tot.“ Er boxte Bakura in den Bauch und Bakura sackte leicht zusammen. „Ich dachte, du wärst tot, du Arschloch.“ Er schlug mit der flachen Hand gegen Bakuras Brust. „Ich hab mir voll die Vorwürfe gemacht und du sitzt hier gemütlich am See!“
Hilfesuchend sah Bakura zu Mariku, der nur grinste und mit den Schultern zuckte. Er fing Ryous nächsten Schlag ab. „Wie ich sehe, habt ihr sehr um mich getrauert.“
Ryou riss sich los und stapfte an Bakura vorbei ein paar Meter von der Gruppe weg. Schließlich blieb er stehen und atmete tief durch. Er hatte Bakura nicht schlagen wollen; er hatte noch nicht einmal wütend werden wollen, aber er war so erleichtert, dass Bakura noch lebte, das seine Gefühle komplett verrücktspielten. Er drehte sich wieder um und sah Bakura an. Er war nass von Kopf bis Fuß, als wäre er gerade erst aus dem See geklettert. Ryou lächelte.
Bakura dagegen wurde aus Ryous Verhalten nicht schlau. Er hatte auch immer noch nicht richtig verarbeitet, dass er die Felswand hinuntergefallen war. Er hatte fest damit gerechnet, sein Leben wäre vorbei und ihm waren zig Sachen eingefallen, die er bereute nicht getan zu haben. Er sah die Felswand nach oben und schluckte. Er hatte wahnsinniges Glück gehabt. Der Aufprall auf dem Wasser war, trotz der Höhe, ungewöhnlich sanft gewesen.

Mariku klopfte Bakura auf den Rücken. „Hast uns ja nen ganz schönen Schrecken eingejagt.“ Er zog Bakura in den Schwitzkasten. „Wenn du das nochmal machst, dann bring ich dich um.“
Bakura riss sich los. „Dann machen wir am besten nicht nochmal solchen Scheiß.“ Er zupfte an seinem Shirt. „Und langsam werden die Klamotten echt eklig. So schönes Wetter und ich bin immer noch patschnass.“
„Naja, es ist keine Sonne da und allgemein ist das hier alles nicht... naja, echt.“ Ryou war mit der Formulierung nicht zufrieden, aber er wusste nicht, wie er es sonst ausdrücken sollte.
„Das ich nass bin ist sehr echt.“
„Es gelten hier andere Gesetze.“
„Oh, nass werden kann ich, aber trocken nicht? Klasse.“
„Wo sind wir überhaupt?“, fragte Malik, damit die Situation zwischen Bakura und Ryou nicht im Streit endete. Es reichte schon, wenn Mariku und er die ganze Zeit stritten. „Das hier sieht nicht aus wie die Hölle, zumindest nicht so, wie sie immer beschrieben wird.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und ließ den Blick wandern. Der See war weniger groß, als er zuerst angenommen hatte und am anderen Ufer begann eine Straße, die neben dem Wald entlangführte. Malik konnte eine Art Turm hinter dem Wald erkennen. Es sah eher aus wie auf dem Land, anstatt wie die Hölle (wobei für manche Leute das auch dasselbe war).
„Ja“, stimmte Mariku zu, „hier ist es richtig nett. Wenn wir nicht mehr zurückkönnen, dann bleiben wir einfach hier.“
„Du kannst ja hierbleiben, aber ich will wieder nach Hause“, murrte Malik. „Das ist eigentlich eine gute Idee, du bleibst hier und ich hab den Rest meines Lebens Ruhe vor dir.“
„Ah, ich steh drauf, wenn du auf meinen Gefühlen herum trampelst.“
Malik verdrehte die Augen. „Lasst uns gehen, bevor ich ihn im See ertränke.“

Jedem war klar, was ihr Ziel war: das turmähnliche Gebäude. Sie alle hofften dort endlich Antworten zu finden.
„Und hoffentlich Klamotten“, maulte Bakura. Er hatte genug von seinem nassen Shirt und zog es aus. Ryou schmunzelte und musterte Bakuras nackten Oberkörper. Ihm wäre es auch recht, wenn Bakura nur in Shorts rumlaufen würde. Er leckte sich über die Lippen und wandte den Blick wieder ab.
„Du solltest es ihm endlich mal sagen“, flüsterte Malik, dem Ryous Blick nicht entgangen war.
Ryou zuckte mit den Schultern. „Bei Gelegenheit mach ich das.“
„Aber bitte bevor er wieder irgendwo runterfällt.“
Ryou lachte und zog damit Marikus Aufmerksamkeit auf sich. „Darf ich mitlachen?“
„Guck einfach in den Spiegel.“ Und damit wanderte Marikus Aufmerksamkeit von Ryou zu Malik.
„Du brichst mir noch das Herz.“ In Marikus Stimme schwang leichte Theatralik mit.
„Und das gefällt dir auch noch.“
„Japp.“ Mariku grinste breit und Malik schüttelte nur den Kopf. Er konnte nicht verstehen, wieso Mariku so einen Narren an ihm gefressen hatte und auch trotz der Gemeinheiten, die er ihm immer an den Kopf warf, noch nicht aufgegeben hatte. Er warf Mariku einen Seitenblick zu. Er ging so nah neben ihm, dass sich ihre Schultern hin und wieder berührten. Es war ja schon irgendwie süß, aber andererseits war Mariku auch der einzige Mensch, der es schaffte, ihn innerhalb von Sekunden zur Weißglut zu treiben.
Mariku sah Malik an und lächelte, woraufhin Malik schnell den Blick von ihm abwandte.

„Also Ryou, du bist grad unser allwissendes Lexikon“, Bakura hatte sein Shirt über seine Schulter gelegt, „wo sind wir?“
„Limbus“, war Ryous kurze Antwort.
Jeder sah ihn abwartend an, doch Ryou gab keine weitere Erklärung ab.
„Und?“, hakte Bakura nach.
Ryou seufzte. Er hatte es jetzt schon satt ständig alles erklären zu müssen. „Laut Dante ist der Limbus der erste Kreis der Hölle. Hier landen die, die nicht an Gott glauben oder nicht getauft worden sind.“
„Also wir?“ Mariku verschränkte die Hände hinter dem Kopf.
„Ja, wir.“ Ryou nickte. „Es ist nicht direkt eine Sünde, aber man kommt auch nicht in den Himmel.“
„Naja, ist ja nicht so schlimm hier. Ganz nett eigentlich.“
„Ich wär mir nicht so sicher, dass du hier landest“, erwiderte Malik leicht schnippisch.
Mariku grinste nur. Es war nicht so, dass ihn Maliks Worte kalt ließen, sie taten weh, aber gleichzeitig war Maliks spitze Zunge auch etwas, dass ihm am besten an ihm gefiel. Er war eben wirklich etwas komisch.

„Da vorne kommt wer.“ Ryous Aussage war mehr oder weniger unnötig, denn die Gruppe an Menschen, die ihnen entgegen kam, war nicht zu übersehen. Im Gegensatz zu denen, die sie am Styx gesehen hatten, waren diese Menschen in guter Verfassung. Sie unterhielten sich, wenn auch ihre Gesichter eher starr wirkten und die Augen ausdruckslos. Ihre Kleidung war eine Mischung aus altertümlich und modern. Sie schienen aus unterschiedlichen Zeitperioden zu stammen.
„Entschuldigt bitte“, sprach Ryou sie an, als sie nah genug waren. Es waren drei Frauen und zwei Männer. Sie richteten ihre Blicke auf Ryou. Ihre Gesichter zeigten keine Regung.
„Ihr gehört hier nicht her“, sagte einer der Männer, bevor Ryou eine Frage stellen konnte.
„Ihr habt hier nichts verloren“, stimmte eine Frau zu.
Ihre Stimmen klangen monoton.
„Es ist nicht so, als wären wir freiwillig hier“, maulte Malik sie an. „Wir wollen hier weg und zwar so schnell wie möglich.“
„Ihr habt hier keinen Platz.“ Sie schienen Malik gar nicht zugehört zu haben.
„Bitte“, versuchte Ryou es erneut, doch die Menschen beachteten sie gar nicht weiter und setzten ihren Weg fort. Die vier Jungs sahen ihnen hinterher.
„Unfreundliches Pack“, fauchte Malik. „Kein Wunder, dass ihr in der Hölle gelandet seid!“ Seine Stimme war laut genug, dass die toten Seelen es noch hören konnten, doch Maliks Worte berührten sie nicht. Das war ihre Strafe: der Verlust ihrer Gefühle. Sie konnten keine Freude oder Trauer empfinden, nur Gleichgültigkeit.
Mariku schauderte. Plötzlich fand er die Hölle gar nicht mehr so toll. Er wollte seine Gefühle nicht verlieren. Hatte er die ganze Sache zuvor im Grunde noch recht aufregend gefunden, so wollte er jetzt doch lieber wieder nach Hause.

Malik war sich sicher, dass die Zeit in der Hölle anders verging, falls es so etwas wie Zeit hier überhaupt gab. Er richtete den Blick nach oben und betrachtete den blauen Himmel, der schon seit Stunden keine Veränderung zeigte. Oder waren nur Minuten vergangen? Oder Tage? Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren.
„Ich hab Hunger“, maulte Mariku und Malik nickte.
Er hatte auch Hunger, irgendwie, sicher war er sich jedoch nicht. Etwas in ihm sagte ihm, dass er essen musste, doch sein Magen grummelte nicht wie gewöhnlich. Dasselbe galt für Müdigkeit. Er fühlte sich erschöpft, aber sein Körper zeigte keine Anzeichen. Es war, als wäre sein Geist und sein Körper voneinander getrennt.
„Wir sind bestimmt bald da“, sagte Ryou.
„Das sagst du schon seit Stunden!“
„Eher seit Tagen“, warf Bakura ein.
„Das waren höchstens ein paar Minuten.“ Ryou blieb stehen. „Wir sind gerade erst...“ Er machte eine ausschweifende Handbewegung nach hinten um auf die Felswand zu zeigen, doch die Felswand war nur noch ein kleiner Punkt in der Ferne. „...losgegangen.“ Er flüsterte das Wort nur. „Was?“ Er hatte das Gefühl, erst seit kurzer Zeit unterwegs zu sein, doch die Entfernung sagte ihm, dass sehr viel mehr Zeit verstrichen war. „Das versteh ich nicht.“
„Der Scheiß hier bringt uns ganz durcheinander.“ Malik stampfte mit dem Fuß auf. „Wir hätten nie durch diese Tür gehen sollen.“
„Lasst uns... einfach weitergehen“, murmelte Ryou immer noch verwirrt.


Der Turm stellte sich als einer von vielen heraus. Er gehörte zu einem Schloss, das nur aus Türmen zu bestehen schien. Malik legte den Kopf in den Nacken. Aus der Ferne hatte der Turm gar nicht so hoch ausgesehen, doch jetzt sah es aus, als würde die Spitze jeden Moment den Himmel berühren.
Sie mussten ein Dorf durchqueren, das zu Füßen des Schlosses lag. Es war gefüllt mit Menschen; jung und alt, manche hielten sogar Babies in den Armen. Niemand schenkte ihnen Beachtung; jeder ging seinen eigenen Beschäftigungen nach, doch Malik konnte nicht erkennen, was die Menschen hier eigentlich machten.
Eine Mauer und ein Tor grenzten das Schlossgelände vom Dorf ab und zwei Wachen standen davor. Sie sahen aus wie Samurai und hielten lange Speere in den Händen. Als Malik und die anderen näher kamen, überkreuzten sie die Speere.
„Kein Zutritt für die Lebenden.“ Unter der Maske konnte man das Gesicht nicht erkennen, doch die Stimme klang genauso monoton wie die der anderen.
„Wir wollen nur ein paar Antworten“, sagte Ryou. „Bitte.“
„Kein Zutritt für die Lebenden“, wiederholte der Samurai.
„Hey, jetzt hör mal zu“, fing Mariku an, doch sprang zurück, als einer der Speere auf ihn gerichtet wurde. „Woah, schon gut, schon gut. Ich sag schon nix mehr.“
„Kein Zutritt für die Lebenden.“
„Die tun alle so, als wären wir freiwillig hier und ich hab jetzt echt die Schnauze voll!“ Malik trat vor. Sofort richtete sich eine Speerspitze auf ihn, doch Malik ging nur ein Stück zur Seite und griff den Speergriff unter der Spitze. „Wir machen das hier nicht zum Spaß, also holt jetzt sofort jemanden, der uns sagt, was hier vorgeht oder ich ramm dir diesen Speer durch deinen sowieso schon toten Körper.“ Er zog an der Waffe und war überrascht, wie locker sie sich aus den Händen der Wache löste.
„Lasst sie rein“, sagte plötzlich eine weibliche Stimme. Trotz des monotonen Klangs, lag eine gewisse Kraft in ihr.
Das Tor glitt lautlos und langsam auf und Malik reichte den Speer wieder der Wache.
„Das war echt heiß“, flüsterte ihm Mariku zu, doch Malik zuckte nur mit den Schultern. Er hätte den Speer nicht wirklich eingesetzt, aber zumindest war es effektiv gewesen.
Kaum waren sie durch das Tor schloss es sich hinter ihnen. Sie sahen sich um. Die Bäume standen so dicht, dass der Weg im Halbdunkeln lag. Es war wie ein natürlicher Tunnel, der zum Schloss führte.
Vor ihnen stand eine junge Frau, ihr Gesicht war ausdruckslos, doch ihre blauen Augen glänzten. „Willkommen Lebende.“
Malik wandte leicht verlegen den Blick ab als er merkte, dass ihr Kleid mehr zeigte, als versteckte.
„Hey“, flüsterte Bakura Mariku zu, „findest du nicht auch, dass sie aussieht wie Anzu?“
„Besonders die Oberweite“, erwiderte Mariku grinsend und ließ seinen Blick schon zum wiederholten Male über den Körper der jungen Frau wandern. Das Grinsen verging ihm jedoch, als Malik ihm den Ellenbogen gegen die Brust rammte.
Mariku keuchte schmerzerfüllt und legte seine Hand auf die Stelle, die Malik erwischt hatte. Er atmete ein paar Mal tief durch, bis sich der Schmerz legte, dann griff von hinten um Malik und legte seine Hände auf seine Brust. „Nichts geht über deine.“ Diesmal erwischte Maliks Ellenbogen seine Seite.
Mariku stolperte leicht zurück und gab einen wimmernden Laut von sich.
„War’s das wirklich wert?“, fragte Bakura skeptisch.
Mariku nickte mit schmerzverzerrtem Grinsen.

„Mein Name ist Kassandra.“
„Die Seherin?“, rief Ryou überrascht. Kassandras Blick richtete sich auf Ryou und sie nickte. „Oh, das ist ja so cool!“
„Du bist so’n richtiger, kleiner Nerd, weißt du das?“ Mariku rieb sich die Brust und die Seite.
Ryou sah kurz über die Schulter. „Halt’s Maul oder ich hetz Malik auf dich!“
Mariku trat einen Schritt zurück. „Erbarmen.“
„Folgt mir“, sagte Kassandra.
„Hoffentlich krieg ich jetzt dann was anzuziehen“, murmelte Bakura. Er konnte sich nicht erklären, warum er immer noch nass war. Selbst seine Haut war noch feucht. Es war ihm aber die ganze Zeit nicht kalt gewesen.
Als sie das Schloss betraten, klatschte Kassandra in die Hände und zwei junge Mädchen erschienen. Kapuzen verdeckten ihre Gesichter, doch ihre Körper waren kaum verhüllt.
Malik merkte, wie ihm die Röte ins Gesicht kroch. Waren hier denn alle halb nackt? Und vor allen Dingen, warum?
Mariku stieß einen leisen Pfiff aus. „Vielleicht ist es doch nicht so schlecht hier.“ Diesmal wich er aus, bevor Malik ihn traf. „Neidisch? Du würdest sicher auch gut in so was aussehen.“ Malik musste sich nicht umdrehen um zu wissen, dass Mariku ihn musterte, grinste und sich ihn halb nackt vorstellte.
Stattdessen sah Malik sich um. Obwohl er sich sicher war, dass er von draußen Fenster gesehen hatte, gab es hier kein einziges. Es erinnerte ihn auch weniger an ein Schloss, sondern viel mehr an einen Tempel. Statuen ohne Gesichter zierten den Raum und warfen unheimliche Schatten im Licht der Fackeln. Trotz des eher dämmrigen Lichts konnte Malik ohne Probleme sehen. Es waren noch mehr Mädchen anwesend, die Gesichter von Kapuzen verhüllt. Sie wirkten wie die Menschen auf den Straßen beschäftigt, doch Malik konnte nicht erkennen mit was sie beschäftigt waren.
„Helft Bakura trocken zu werden und gebt ihm Kleidung.“
Bakura sah Kassandra überrascht an. „Woher kennst du meinen Namen?“
„Ich bin eine Seherin, hast du Ryou nicht zugehört?“ Trotz des monotonen Klangs konnte Malik das Schmunzeln heraushören.
„Ich bräucht auch ein bisschen Hilfe“, sagte Mariku leise, während er Bakura und den zwei Mädchen hinterher sah.
„Dir ist nicht mehr zu helfen.“
„Malik-baby, du bist meine letzte Rettung.“
„Wenn du mich noch einmal Baby nennst, dann brech ich dir jeden Knochen im Leib.“
Mariku seufzte und trat näher an Kassandra heran. „Hey, du bist doch ne Seherin, also Malik und ich, wie sieht’s aus?“
„Höllisch.“
„Höllisch gut oder höllisch schlecht?“
Kassandra sah ihn an, doch in ihrer starren Miene konnte Mariku keinen Hinweis erkennen. „Es gibt viel zu besprechen, bitte folgt mir.“
Mariku machte ein missmutiges Gesicht. Er hatte wirklich auf eine Antwort gehofft, auch wenn er trotzdem nicht aufgegeben hätte, selbst wenn sie negativ ausgefallen wäre. Er sah Malik an und ihre Blicke trafen sich für einen Moment, bevor beide den Kopf wegdrehten.

Kassandra führte sie in einen Raum, der fast stockdunkel war. Es brannten nur zwei Kerzen auf einem kleinen Tisch. Er stand in der Mitte des Raumes und soweit Malik erkennen konnte, gab es nur Kissen um sich hinzusetzen. Die Luft roch nach einem Gewürz, doch Malik konnte nicht sagen, welches es war. Es roch vertraut und Malik musste an seine Schwester denken. Ob sie sich Sorgen um ihn machte? Wie viel Zeit war auf der Erde inzwischen vergangen? Lag sein Körper einfach nur da und machte den Eindruck als würde er schlafen, oder war er verschwunden? Was auch immer mit seinem Körper war, Isis würde ausflippen.
Sie setzten sich an den Tisch und Kassandra entzündete weitere Kerzen. Es wurde leichter etwas zu erkennen, aber viel zu sehen gab es nicht. Die Wände waren mit roten Tüchern behangen, die Kissen waren ebenfalls rot. Außer dem Tisch gab es sonst kein Möbelstück in dem Raum.
Kassandra setzte sich ihnen gegenüber und faltete die Hände. Sie schien auf irgendetwas zu warten. Ihr Blick war auf Malik gerichtet und dieser rutschte unruhig auf seinem Kissen hin und her. Wieso starrte sie ausgerechnet ihn an?
Sie wandte noch nicht einmal den Blick ab, als sich die Tür öffnete und Bakura eintrat. Er trug Jeans und ein einfaches dunkelblaues T-Shirt. Selbst Schuhe hatten sie ihm gegeben. Er setzte sich im Schneidersitz neben Mariku.
„Hab ich was verpasst?“
Mariku schüttelte nur den Kopf. „Was haben die Mädels mit dir gemacht?“, fragte er grinsend.
Bakura verdrehte die Augen. „Nichts. Ich war grad mal zehn Minuten weg.“
„Das reicht bei dir doch.“
Bakura öffnete entrüstet den Mund. Er atmete tief durch. „Das ist überhaupt nicht wahr!“
„Könnt ihr mal die Klappe halten?“, fuhr Malik sie an. „Keinen Menschen interessiert das.“
„Es könnte wichtig für Ryou sein.“ Mariku ließ sich nicht beirren.
„Malik“, sagte Ryou leise, „schlag ihn.“
Malik holte mit dem Ellenbogen aus, schlug dann aber mit der Faust gegen Marikus Brustkorb.
Mariku ließ sich zurückfallen. „Au, irgendwann brichst du mir noch was.“
Es war Bakura, der etwas dazu sagte: „Hättest du auch verdient.“
Mariku rieb sich die Brust, machte jedoch keine Anstalten sich wieder aufrecht hinzusetzen.
Kassandra hatte alles nur still beobachtet, doch jetzt da die kleine Auseinandersetzung vorbei war, griff sie nach Maliks Händen. Malik zuckte erschrocken zusammen. „Ich hab dich in meinen Visionen gesehen.“
„Ah ja?“ Malik zog seine Hände zurück und versteckte sie unter dem Tisch. Die Sache gefiel ihm nicht; ganz und gar nicht.
„Du hast ihn im Traum gesehen.“
„Wen?“, fragte Malik, auch wenn er die Antwort schon kannte.
„Luzifer. Du bist empfänglich für ihn.“
Malik spürte, wie sich die Blicke der anderen auf ihn richteten. Selbst Mariku hatte sich wieder aufgesetzt. Malik wurde unruhig. „Ich... ich... ach, das ist doch Schwachsinn!“
Kassandra schüttelte den Kopf. „Es ist ungewöhnlich, dass er so viele auf einmal zu sich ruft, doch es muss mit dir zusammenhängen. Deine Träume waren klarer als die der anderen. Du bist anders.“
„Was für ein Quatsch!“ Malik stand auf. „Ich will nach Hause.“ Er drehte sich zur Tür, doch die war verschwunden. Er hob das Tuch an, klopfte gegen die Wand, doch er fand keine Tür. „Lass mich raus!“ Kassandra sah ihn nur mit unbewegter Miene an. „Lass mich verdammt noch mal hier raus!“
„Malik, beruhig dich.“
Maliks Blick richtete sich auf Ryou. „Nein, ich beruhig mich nicht. Ich hab keinen Bock auf diesen Scheiß hier und Luzifer kann mich mal kreuzweise, der soll sich wen anders suchen, den er in seinen Träumen belästigen kann!“
„Es gibt nur einen Weg, der euch zurückbringen wird.“ Die Aufmerksamkeit aller richtete sich wieder auf Kassandra und Malik setzte sich wieder hin. „Dieser Weg führt durch die neun Kreise der Hölle, direkt zu Luzifer. Nur von dort könnt ihr wieder in die Welt der Lebenden zurückkehren und auch nur, wenn er Ersatz gefunden hat.“
„Großartig“, murmelte Malik.
„Ersatz? Was bedeutet das? Was für ein Ersatz?“
„Er liegt im Sterben.“ Ryou hob überrascht die Augenbrauen. „Niemand ist unsterblich, noch nicht einmal Luzifer, oder Gott.“ Im Kerzenlicht sah es so aus, als würde ein Lächeln Kassandras Lippen umspielen. „Alle 300 Jahre ist Luzifers Lebenskraft aufgebraucht und er braucht einen neuen Körper, den er in Besitz nehmen kann um zu verhindern, dass die Hölle kollabiert.“
Alle Blicke richteten sich auf Mariku.
„Was ist?“
„Willst du dich nicht freiwillig melden?“, schlug Malik vor.
„Du bist doch der, der so dicke ist mit Luzifer“, erwiderte Mariku. „Obwohl... Fürst Mariku, König der Hölle, oder so, das gefällt mir eigentlich ganz gut.“
„Sehr schön, dann können wir ja wieder nach Hause gehen.“
„Dir ist aber schon klar, dass ich dich nachdem du draufgegangen bist zu meinem persönlichen Lustsklaven mache?“
„Du bist doch echt so krank.“
„Krank vor Liebe.“
„Es wär schon fast süß, wenn Mariku nicht so ein Creeper wär“, sagte Ryou schmunzelnd.
Diesmal unterbrach Kassandra sie: „Es ist nicht so einfach. Nicht jeder eignet sich für diese Aufgabe.“
„Was passiert, wenn es keinen Ersatz gibt, bevor Luzifer stirbt?“
„Das Ende der Welt.“
„Oh, das wird ja immer besser.“ Malik fuhr sich durch die Haare. Das war doch alles nur ein schlechter Scherz. Die Hölle, Luzifer, das Ende der Welt, das war doch alles Irrsinn! Er war doch nur ein stinknormaler Teenager mit einem durchschnittlichen, langweiligen Leben, also, warum war er hier?
„Es wird zum Krieg zwischen Himmel und Hölle kommen und die Welt der Lebenden wird das Schlachtfeld sein. Luzifer und Gott halten alles im Gleichgewicht, doch wenn einer stirbt, oder gar beide, dann wird die Erde im Chaos versinken.“
„Ist irgendjemand überrascht? Also ich nicht.“ Mariku verlagerte sein Gewicht. „Das Ende der Welt, dass sich aber auch niemand mal was Neues überlegt.“
„Ist für dich alles nur ein Witz?“, fuhr Ryou Mariku scharf an.
Marikus Miene wurde ungewohnt ernst. „Würd ich keine Witze drüber machen, würd ich wahrscheinlich deprimiert in einer Ecke sitzen bei dem Gedanken daran, dass unsere Überlebenschancen irgendwo im einstelligen Bereich sind.“ Er sah Ryou an. „Wir müssen die Hölle durchqueren, was höchstwahrscheinlich kein Strandspaziergang wird. Werden wir das überleben? Wahrscheinlich nicht! Und sollten wir’s doch überraschenderweise bis ganz nach unten schaffen, dann ist immer noch nicht sicher, ob einer von uns mit Luzi kompatibel ist. Wenn nicht, sterben wir. Wenn doch, dann heißt’s Goodbye.“ Sein Blick richtet sich auf Malik. „Ich bin nicht bereit jemanden zurückzulassen.“ Maliks Augen weiteten sich, dann senkte er den Blick. „Wir können genauso gut hier sitzen bleiben und aufs Ende der Welt warten, denn egal wie man’s dreht und wendet, es gibt kein Happy End.“
„Ihr dürft euch nicht länger als 48 Stunden in einem Kreis aufhalten, sonst werdet ihr sterben.“
„Klasse, jetzt gibt’s auch noch ein Zeitlimit, das wird ja immer besser.“

Niemand sagte etwas. Marikus Worte hatte sie entmutigt. Es stand wirklich schlecht um sie. Sie hatten nur eine einzige Überlebenschance und die bedeutete, dass sie einen von sich opferten.
„Wir sollten es versuchen“, sagte Malik leise und alle Blicke richteten sich auf ihn. „Es geht hier nicht nur um uns, sondern auch um unsere Familien und Freunde und eigentlich um die ganze Welt. Ich will hier nicht nutzlos rumsitzen und darauf warten, dass ich sterbe.“
„Malik hat recht. Rumsitzen nutzt gar nicht.“ Ryou schlug sich mit der Faust auf die Handfläche.
„Ich will während eines Abenteuers draufgehen.“ Bakura grinste.
Mariku seufzte. „So vielversprechend es klingt meine letzten Stunden mit einem Haufen halbnackter Weiber zu verbringen, Maliks Gesellschaft ist mir doch lieber.“ Ein Grinsen legte sich auf seine Lippen. „Lasst uns hier mal so richtig auf den Putz hauen.“
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