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Durst.
Er hatte solchen Durst.
Seine Augen waren rot. Er hatte keine Iris mehr und keine Pupille. Seine Welt war in Rot getaucht.
Bakura öffnete den Mund.
Er hörte das Blut.
Roch es.
Konnte es schon fast schmecken.
Blut.
Er brauchte es.
Bakura erhob sich langsam. Schwerfällig. Er stützte sich an der Wand ab. Der Durst machte ihn wahnsinnig.
Jonouchi und Anzu lagen auf dem Boden auf der anderen Seite der Zelle. Sie schliefen.
Bakura konnte nicht schlafen. Nicht, solange der Durst an ihm nagte.
Anzu interessierte ihn nicht. Ihr blaues Blut war zu dünn und hatte nicht die richtigen Nährstoffe für ihn.
Jonouchi dagegen... Bakura leckte sich über seine trockenen Lippen.
Jonouchi schlief ruhig. Sein Herz schlug gleichmäßig und pumpte Blut durch seinen Körper.
Blut.
Bakura fiel auf die Knie. Er kroch weiter, weil seine Beine ihn nicht mehr trugen. Der Blutdurst machte ihn wahnsinnig und gleichzeitig auch schwach. Er hielt es nicht länger aus. Er konnte an nichts anderes mehr denken als zu trinken.
Bakuras Atem beschleunigte sich. Nur noch wenige Zentimeter trennten seine Zähne von Jonouchis Hals. Jonouchis Herzschlag widerhallte Laut in seinen Ohren.
„Es geht ganz schnell“, flüsterte Bakura und riss den Mund auf. Er bog Jonouchis Kopf leicht zurück. Später würde er es bereuen, aber momentan war sein Gewissen abgeschaltet. Jonouchi war nicht mehr ein Freund, er war nur noch Nahrung. Seine Instinkte hatten übernommen.
Die Haut brach unter dem Druck von Bakuras Zähnen. Blut füllte seinen Mund und er schloss genüsslich die Augen.
Jonouchi dagegen riss seine Augen auf und begann um sich zu schlagen. Er konnte nicht schreien. Er erwischte Anzu mit seinem Fuß, was diese aus dem Schlaf riss. Sie setzte sich auf und rieb sich die Augen. Ihre Nachtsicht war nicht sonderlich gut ausgeprägt, weshalb sie eine Weile brauchte um zu erkennen was vor sich ging.
„Bakura!“ Sie versuchte Bakura von Jonouchi zu ziehen, doch es war erfolglos. Sie zerrte an seinen langen Haaren, doch Bakura schubst sie zur Seite ohne von Jonouchi abzulassen. Er knurrte leise.
„Hör auf! Hör auf!“ Sie schlug auf ihn ein, versuchte ihn mit heißem Wasser davon abzubringen Jonouchi auszusagen, doch sie war zu geschwächt um genug Wasser zu produzieren. Es war noch nicht mal heiß.
Keine ihrer Bemühungen brachte Bakura dazu von Jonouchi abzulassen. Jonouchis Körper zuckte nur noch.
Bakura richtete sich auf und leckte sich über die Lippen. Er atmete tief durch und grinste, während das fremde Blut in seinen Kreislauf aufgenommen wurde und seinen Körper stärkte. Trotzdem schwankte sein Oberkörper. Er hatte schon lange keinen blindwütigen Blutrausch mehr gehabt.
„Du Monster“, flüsterte Anzu schluchzend.
Bakura richtete seinen Blick auf sie. Seine Augen waren immer noch rot. Er grinste, dann lachte er leise. Es widerhallte in der kleinen Zelle.


Schwach waren Anzus Schreie in Ryous Zelle zu hören, doch er nahm es gar nicht wahr. Er war zu sehr gefangen in seinem Schmerz. Es war nur eine Feder gewesen, aber Ryou fühlte sich, als hätte man ihm den Bauch aufgeschlitzt und seine Gedärme auf dem Boden verteilt, während er wieder und wieder durchlebte, wie er den toten Körper seiner Schwester fand. Der Verlust einer Feder war verbunden mit den schlimmsten körperlichen und geistigen Schmerzen, die jede Skala sprengten. Es war nicht verwunderlich, dass sie davon verrückt wurden.
Ryou versuchte krampfhaft seinen Verstand beisammen zu halten. Er durfte den Schmerzen nicht nachgeben. Er musste... er musste... Ryou wimmerte und zog seine Knie bis an sein Kinn.
Er hasste sich selbst für seine Schwäche; fühlte sich zurückversetzt in die Zeit vor dem Krieg.

Flashback
Ryou stolperte durch das Flüchtlingscamp. Das Schluchzen und die verzweifelten Schreie gingen ihm selbst nach der langen Zeit in Sklaverei noch unter die Haut. Seine Kleidung und sein Gesicht waren blutverschmiert, doch es war nicht sein Blut. Er hatte aber auch keine Ahnung wessen Blut es war.
Jemand sprach ihn an, doch Ryou schüttelte nur den Kopf. Er hatte keine Zeit zu reden und er wollte nicht, dass ihn jemand durchcheckte. Er musste weitergehen. Weiter seine Eltern suchen.
Tränen stiegen Ryou in die Augen. Der Gedanke an seine Eltern brachte Amane zurück in seine Erinnerungen. Sie war tot. Er hatte sie nicht beschützen können.
Ryou ballte die Hände zu Fäusten. Das Bild seiner toten Schwester würde ihn niemals loslassen. Die Feder ausgerissen, das Gesicht blutig gekratzt mit den eigenen Klauen. Und dann die leeren Augenhöhlen. Ryou schauderte. Das grausame Lachen der Notechis widerhallte immer noch in seinem Kopf. Auch etwas, das er nie wieder vergessen würde.
Ryou schüttelte den Kopf und biss sich auf die Unterlippe. Er musste sich konzentrieren. Seine Eltern waren noch hier irgendwo. Er hatte sie zwar seit Wochen nicht mehr gesehen, aber er war sich sicher, dass sie hier waren.
Tränen stiegen Ryou in die Augen. Sie mussten hier sein. Was sollte er denn ohne sie machen? Er war doch kaum mehr als ein Kind. Ryous Blick wanderte rastlos von einem Cygni zum nächsten auf der Suche nach einem bekannten Gesicht. Wieso waren ihm alle nur so fremd?
Er erreichte das improvisierte Krankenlager und eilte durch die Reihen der Verletzten. Ryou hatte viel Leid und Schrecken in den letzten Jahren gesehen und trotzdem hätte er am liebsten die Augen zugemacht und seine Hände auf die Ohren gedrückt.
Jemand packte ihn am Arm und Ryou wäre fast nach vorne gefallen. Mit großen Augen drehte er sich zur Seite und starrte denjenigen an, der ihn festhielt. Ein älterer Cygni. Er murmelte wirres Zeug, sein Gesicht war blutig und ihm fehlte ein Bein. Der größte Schrecken für Ryou war aber, dass er nur noch eine Feder hatte.
Panisch versuchte Ryou sich loszureißen. „Lass mich los!“ Seine Stimme war schrill. Er wusste nicht, was er tun sollte. Er versuchte den Griff mit seiner anderen Hand zu lösen, was nur dazu führte, dass er dort auch gepackt wurde. Ryou wimmerte und stemmte sich mit seinem gesamten Gewicht von dem Cygni weg.
Ryou stolperte zurück, als er plötzlich wieder losgelassen wurde. Er prallte mit den Rücken gegen jemanden, was ihn vor einem Sturz bewahrte.
„Ryou!“
Der Klang seines Namens ließ ihn erleichtert ausatmen. Er drehte sich um und lächelte.
„Mana.“ Er fiel dem Mädchen um den Hals. Endlich ein bekanntes Gesicht. „Ich bin so froh dich zu sehen.“
„Ich freu mich auch.“ Sie erwiderte die Umarmung und drückte Ryou leicht an sich. „Ich hab gehört, was mit Amane passiert ist.“ Ryou ließ von ihr ab und senkte den Blick. „Es tut mir so leid.“
Ryou nickte nur. Er war nicht in der Lage darüber zu reden. „Hast du meine Eltern gesehen?“, fragte er leise und sah Mana hoffnungsvoll an.
Sie zögerte mit der Antwort und wich seinem Blick aus. „Deinen Vater nicht“, begann sie vorsichtig.
„Aber Mama?“, fragte Ryou sofort.
Mana presste die Lippen aufeinander. „Ja, ich hab sie gesehen.“
Ryous Miene hellte sich auf. Ihm entging völlig die Traurigkeit in Manas Mimik. Er ergriff ihre Hand. „Wo ist sie?“
„Komm mit.“
Sie führte ihn aus dem Krankenlager und durch das Camp. Sie kamen nur langsam durch die Flüchtlingsmassen. Soldaten dirigierten die Flüchtlinge durch das Camp. Dadurch, dass Ryou und Mana noch Kinder waren, konnten sie sich ungesehen zwischen den Erwachsenen bewegen.
Doch je näher sie dem Rand des Camps kamen, desto langsamer wurden Ryous Schritte. Schließlich ließ er Manas Hand los und blieb stehen. „Wo gehen wir hin?“
Mana drehte sich um, vermied aber Ryous Blick. „Lass uns weitergehen.“
„Wo bringst du mich hin?“ Ryous Stimme war schrill geworden.
Mana schabte unruhig mit dem Fuß über den matschigen Boden. „Deine Mutter ist...“ Sie konnte es nicht aussprechen. Ryou tat ihr so leid. Sie hatte selbst ihre Eltern verloren, doch das war schon ganz am Anfang des Krieges gewesen. Zumindest hatte sie ihren Bruder noch.

„Aus dem Weg, Kinder!“, schnauzte ein Soldat sie an. Er und ein zweiter Soldat trugen eine Trage an ihnen vorbei. Ryou starrte den Cygni an, der darauf lag. Es war der, der ihn zuvor gepackt hatte. Seine Augen standen weit offen und starrten leer in den Himmel. Unbewusst berührte Ryou die Stelle, die der Cygni gepackt hatte. Er sah den Soldaten hinterher. Sie brachten den Toten in die Richtung, in die selbst unterwegs waren. Dorthin, wo all die Toten waren.
Ryou richtete seinen Blick auf Mana.
„Ryou“, sagte sie leise und streckte die Hand nach ihm aus.
„Nein“, flüsterte Ryou. „Nein!“ Seine Stimme wurde lauter. Er schrie seinen Schmerz hinaus, während Mana die Arme um ihn schlang und ihn an sich drückte.


Ruckartig setzte Ryou sich auf und unterdrückte einen Aufschrei. Die Zelle um ihn herum drehte sich und er musste sich mit einer Hand an der Wand abstützen. Ryou schüttelte kurz den Kopf um das benebelte Gefühl loszuwerden. Sein Körper befand sich immer noch im Schock über den Verlust der Feder, doch langsam erlangte er wieder Kontrolle darüber.
Vorsichtig berührte die Wunde und zuckte zusammen. Schmerz schoss durch seinen Kopf. Ryou ließ sich zurückfallen und lehnte sich gegen die Wand. Er atmete tief durch.
Was hatten die Notechis mit ihnen vor? Ryou war überrascht, dass sie überhaupt noch lebten. Hatte Malik damit zu tun? Ryou wusste immer noch nicht, wie er zu ihm stehen sollte. Er war ein Notechis und stolz darauf, doch er hatte ihnen auch mehrmals den Hals gerettet. Andererseits hatte er Honda getötet. Ryou hob den Blick und starrte an die Zellendecke. Diesmal saß er nicht in Dunkelheit, wie im Raumschiff, sondern eine kleine Lampe tauchte die Zelle in ein dämmriges Licht.
Ryou kroch auf das Glas zu, er traute seinen Beinen nicht, und legte seine Hand auf die glatte Oberfläche. Er drückte sein Gesicht schon fast gegen die Scheibe, doch der Gang draußen war, trotz des Lichts der anderen Zellen, zu dunkel um etwas zu erkennen. Es sah jedoch nicht so aus, als gäbe es Wachen.
Ryou sah nach oben und streckte die Hand aus um den Riss in der Scheibe zu berühren. Es war selbst überrascht, dass seine Stimme dazu in der Lage war Glas zum Springen zu bringen. Wenn er die Tonlage nochmal schaffen würde, dann käme er vielleicht hier raus.
Und was dann? Durch eine Armee von Notechis schleichen? Das wäre nur eine erneute Selbstmordmission.
Ryou legte sich auf den Boden und streckte die Arme von sich. Wäre er nur nie Pilot geworden.


Malik beobachtete die jüngeren Notechis bei ihrem Training. Es kam ihm vor wie gestern, als er selbst noch auf dem Trainingsplatz stand und rücksichtslos jeden zerrissen hatte, der ihm zwischen die Finger gekommen war. Es war wichtig, das Töten früh zu lernen um jegliche Hemmungen zu verlieren und wer die eigenen Leute ohne mit der Wimper zu zucken töten konnte, der würde auch vor anderen Rassen keinen Halt machen.
Maliks Blick wanderte von den Kindern zu ihrem Ausbilder. Malik kannte ihn nicht, aber er sah, dass er jünger war als er selbst. Malik schüttelte den Kopf. Er konnte einfach nicht fassen, dass sein Vater wirklich Krieg führen wollte. Diese Grünschnäbel brauchten noch weitere hundert Jahre bis sie endlich so weit waren. Malik selbst war auch noch jung, es würde noch ein paar Jahre dauern bis sein Schwanz wuchs, aber er hatte immerhin die Erfahrung, die diesen Neulingen noch fehlte und es gab zu wenige Veteranen um diese Unerfahrenheit auszugleichen. Malik hatte damals einen rasanten Aufstieg hinter sich gelegt. Dass er Commander war, hing nicht damit zusammen, dass sein Vater jetzt Lord war. Er hatte es aus eigener Kraft geschafft und hätten sie den Krieg nicht verloren, dann hätte er wohl selbst seinen Vater im Rang überholt.
„Meister Malik.“ Malik wandte den Blick nicht von den kämpfenden Kindern ab. „Deine Schwester wünscht dich zusehen.“
Malik nickte und stand auf. Die Hochzeitsvorbereitungen waren im vollen Gange. Normalerweise waren Hochzeiten keine große Sache, doch Isis war nun mal die Tochter des Herrschers und da wurde eine große Sache daraus gemacht. Malik war überrascht, dass sein Vater das mitmachte. War ihm Isis doch nicht so egal, wie er immer tat? Oder wollte er vor dem Volk nur gut dastehen?
Wohl eher Letzteres.
Malik war die Ablenkung ganz recht. So konnte er wenigstens Kura aus dem Weg gehen.

„Das ist doch alles dämlich!“
Malik fing verdutzt das Bündel weißen Stoffes auf, das ihm entgegen kam, kaum als er das Zimmer seiner Schwester betrat.
„Was denk er, was ich bin? Sein Anziehpüppchen?“
„Lady Isis...“
„Nenn mich nicht Lady oder ich stech dir die Augen aus!“, fauchte Isis das Mädchen an, das ihr scheinbar beim Ankleiden hätte helfen sollen. Das Mädchen machte sich klein und trat einige Schritte von Isis weg.
Malik faltete den Stoff auseinander und betrachtete das Kleid. Edelsteine waren in den feinen Stoff gewebt worden und glänzten in den verschiedensten Farben.
„Hat bestimmt ein Vermögen gekostet.“ Malik legte das Kleid beiseite.
„Das interessiert mich einen Scheiß!“ Malik überlegte, wann er seine Schwester das letzte Mal so aufgebracht erlebt hatte. „Ich zieh das nicht an!“
„Das wird deinen Zukünftigen aber nicht freuen.“
„Dann soll er’s selber anziehen!“ Sie warf dem Mädchen einen bösen Blick zu. „Was machst du hier noch? Raus!“
Das Mädchen raste regelrecht aus dem Zimmer.
Isis ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Ich bin eine Kriegerin und ich werde mich auch entsprechend kleiden. Mein Rang ist höher als seiner und wenn er auch nur im Traum daran denkt, dass ich sein kleines Weibchen werde, dann reiß ich ihm den Schwanz ab.“ Sie ballte die Hände zu Fäusten. „Beide!“
Malik schmunzelte. Isis‘ Mann würde keine leichte Zeit mit ihr haben. Ob er wirklich wusste, worauf er sich da einließ? Malik setzte sich neben sie. „Warum bist du wirklich wütend?“
Isis‘ Körper entspannte sich etwas. „Krieg steht bevor und Vater erwartet, dass ich zuhause bleibe und Kinder bekomme.“
Malik wusste nicht, was er dazu sagen sollte ohne seine Schwester zu verärgern. Auch wenn sie eine ausgezeichnete Kämpferin war, war er froh, dass sie wahrscheinlich nicht mit in den Krieg ziehen würde.
Isis erwartete jedoch gar keine Reaktion von Malik. Sie ließ sich weiter lauthals über ihren Vater, ihren Zukünftigen und auch sonst über alles Mögliche aus, doch plötzlich brach sie mitten im Satz ab und wurde ungewöhnlich still.
Malik sah sie an. Ein trauriges Lächeln lag auf den Lippen seiner Schwester. „Manchmal wünsch ich mir nur eine einfache Soldatin zu sein, dann könnte ich heiraten, wen ich will, oder gar nicht heiraten und einfach nur meinen Spaß haben.“ Sie legte den Kopf in den Nacken. „Er ist kein schlechter Kerl, aber nicht das, was ich mir vorgestellt hatte.“
„Warum hast du dann zugestimmt?“
Seufzend stand Isis auf. „Weil es meine Pflicht ist.“ Sie nahm das Kleid zur Hand und ließ den Stoff durch ihre Finger gleiten. „Versprich mir was, Malik.“ Sie drehte sich lächelnd um. „Heirate wenigstens du jemanden, den du wirklich liebst.“
Wieso musste er ausgerechnet jetzt an Mariku denken? Und wieso schlug sein Herz nur so schnell? Malik nickte langsam.
Isis hielt das Kleid vor sich. „Und, wie seh ich aus?“
„Wunderschön.“


Mariku schlug blinzelnd die Augen auf, doch selbst diese einfache Aufgabe erwies sich als Anstrengung. Seine Augenlider klebten zusammen und er hatte nicht die Kraft die Hand zu heben um sich die Augen zu reiben. Zumindest konnte er auch sein linkes Auge wieder öffnen, auch wenn seine Sicht nur verschwommen war. Nicht, dass es viel zu sehen gab, dafür war das Licht zu schwach. Der Boden war außerdem eiskalt.
„Scheiße“, murmelte er und drehte sich auf den Rücken. So fühlte es sich bestimmt an, wenn man von einem LKW überfahren wurde. Jeder Muskel schmerzte, selbst Muskeln von denen er nicht mal gewusst hatte, dass er sie hatte. Seine Schultern fühlten sich steinhart an.
Mariku brauchte einen Moment um sich zu orientieren. Er war immer noch in der Zelle, aber er hatte keine Ahnung wie viel Zeit vergangen war. Wo waren die anderen? Lebten sie überhaupt noch? Seine Gedanken waren vernebelt, als wäre er noch gar nicht richtig wach.
Mariku seufzte und versuchte sich aufzusetzen. Überrascht bemerkte er, dass er gar keine Fesseln mehr trug, oder zumindest, dass sie nicht aktiviert waren. Er hatte zwar immer noch die Metallreifen um die Handgelenke.
Er sank jedoch stöhnend wieder zurück auf den Boden. Jetzt war ihm nicht nur schlecht, jetzt war ihm auch noch schwindelig. Vorsichtig betastete er seine linke Gesichtshälfte. Die Wunde war verkrustet und er spürte nur ein leichtes Ziehen, wenn er sie berührte. Dieser Bastard hatte ihn voll erwischt. Er hatte ihm hauptsächlich die Seite und die Wange aufgerissen, doch sein Auge war größtenteils verschont geblieben. Wenigstens etwas. Er hatte schon befürchtet, dass er sich von seinem Auge verabschieden musste. Er hoffte nur, das verschwommene Sehen würde wieder vergehen.
Mariku schaffte es schließlich doch sich aufzusetzen und beugte sich nach vorne. Er würgte, aber sein Magen war leer.
„Scheiße“, sagte Mariku noch einmal.
Er sollte sich wohl mehr Sorgen um sich selbst machen, doch seine Gedanken wanderten ganz automatisch zu Malik. Hoffentlich ließ dieser Bastard seine Finger von ihm. Er konnte nicht fassen, dass das Maliks Bruder war. Mariku knirschte mit den Zähnen.

Die Tür zu Marikus Zelle öffnete sich und er sah auf. Zwei Notechis traten wortlos ein. Mariku beobachtete sie näher kommen und wehrte sich nicht, als sie ihm einen Sack über den Kopf zogen. Er hörte das Surren der Energiefesseln, als sie aktiviert wurden. Mariku wurde auf die Beine gerissen und würgte erneut. Der raue Stoff rieb an seiner Wunde. Mariku stolperte nach vorne und das einzige, das ihn auf den Beinen hielt, war der starke Griff an seinem Oberarm, der sich anfühlte, als würde er ihm gleich die Knochen brechen.
Mariku fiel auf dem Weg mehr als einmal über seine eigenen Füße und wurde jedes Mal wieder unbarmherzig zurückgerissen. Wo führten sie ihn hin? Was hatten sie mit ihm vor? War es jetzt an der Zeit zu sterben? Mariku hatte sich inzwischen an diesen Gedanken gewöhnt. In der letzten Zeit war er schon sooft davor gestanden draufzugehen, dass es nichts Unheimliches mehr an sich hatte. Inzwischen hatte er so die Schnauze voll davon, dass es ihm sogar ganz recht wäre. Mariku unterdrückte das Lachen. Leid tat ihm nur seine Familie; sie würden nie erfahren, was mit ihm passiert war.


Malik fuhr sich durch die Haare, als er die Tür hinter sich schloss. Er hatte ja unbedingt noch Kura über den Weg laufen müssen. Malik ballte die Hände zu Fäusten. Bevor er jedoch weiter über sein kurzes, aber ärgerliches Gespräch mit Kura nachdenken konnte, klopfte es an der Tür. Malik zuckte zusammen. Für einen Moment dachte er, es wäre Kura, doch Kura klopfte nicht.
„Commander Malik, wir bringen den Gefangenen.“
Malik straffte die Schultern. „Bringt ihn rein.“ Malik verzog keine Miene, als Mariku durch die Tür geführt wurde. Sein Gesicht war verhüllt, doch Malik sah an seiner Körperhaltung, dass er in keiner guten Verfassung war. Er deutete den beiden Notechis zu gehen und Mariku sank sofort auf die Knie, als sich der Griff an seinem Oberarm löste.
Malik wartete noch einige Augenblicke, nachdem sich die Tür wieder geschlossen hatte, dann löste er erst Marikus Fessel, bevor er vor ihm auf die Knie sank und ihm den Sack vom Kopf zog.
„Nein“, flüsterte er und berührte vorsichtig Marikus linke Gesichtshälfte.
Mariku sah Malik an und ein schiefes Lächeln legte sich auf seine Lippen. Es tat gut Malik zu sehen.
„Dein Bruder ist kein Fan von mir.“
Malik verzog das Gesicht. „Er ist nur mein Halbbruder.“
„Deshalb war er so sauer, als ich ihn einen Bastard genannt hab.“
Malik presste die Lippen aufeinander. Wieso hatte Mariku nur so ein Talent dafür sich in Schwierigkeiten zu bringen? Er konnte froh sein, dass Kura ihm „nur“ das Gesicht aufgerissen hatte.
Mariku schloss die Augen, als ihm Malik mit seinen kühlen Fingern über das Gesicht strich. „Schön dich zu sehen“, flüsterte er, „auch wenn ich grad echt scheiße aussehe.“
„Nein.“
„Lügner.“ Mariku öffnete die Augen und grinste. Malik konnte nicht anders als das Grinsen zu erwidern.
„Wir haben nicht viel Zeit zu reden. Kura darf nicht erfahren, dass du hier bist, aber ich wollte dich unbedingt sehen.“ Er half Mariku auf die Beine und stützte ihn. Mariku seufzte, als Malik ihn auf die weiche Couch setzte.
„Was ist sein verdammtes Problem?“, murrte Mariku. Mit dem Daumen streichelte er über Maliks Handrücken. Malik wusste nicht, was er antworten sollte. Er hatte sich nie wirklich für das geschämt, was zwischen ihm und Kura passiert war, aber jetzt vor Mariku tat er es plötzlich. „Er benimmt sich, als wärst du sein Eigentum.“
Malik hob überrascht die Augenbrauen. „Was hat er dir erzählt?“
„Das deine Narben von ihm sind, dieses kranke Schwein.“
Malik konnte mit dem Begriff „Schwein“ nichts anfangen, aber Marikus Tonfall implizierte, dass es eine Beleidigung war. „Oh“, war seine einzige Reaktion.
„Oh?“, wiederholte Mariku. „Mich wundert’s, dass du ihm nicht den Kopf abgerissen hast, als er dich das erste Mal angefasst hat.“ Malik hielt den Blick gesenkt und entzog seine Hand aus Marikus Griff. Mariku brauchte einen Moment um Maliks Verhalten zu deuten. „Oh“, sagte er schließlich. „Es hat dir gefallen.“ Das war das Letzte, mit dem er gerechnet hätte, besonders nachdem er Maliks Reaktion auf seinen Bruder erlebt hatte.
Malik nickte langsam. Wieso nur schämte er sich so? Zuvor hatte er sich nur für seine Schwäche geschämt, weil Kura ihn dominierte, aber jetzt schämte er sich für den ganzen Akt. Er wollte nicht, das Mariku schlecht von ihm dachte. Er wollte nicht, dass er ihn für „ein krankes Schwein“ hielt. Was, wenn er ihn abstoßend fand? Warum war dieser Gedanke plötzlich so erschreckend? Es war nicht so, dass er es jetzt noch genoss, aber früher hatte er regelrecht danach gelechzt.
Mariku merkte, dass er etwas Falsches gesagt hatte. Er berührte Malik an der Wange und drehte seinen Kopf in seine Richtung. „Es ist okay. Das ist ja nichts Schlimmes.“
„Lügner“, widersprach Malik, der sich von Marikus Worten nicht täuschen ließ.
Statt sich zu rechtfertigen, lehnte Mariku sich vor und küsste Malik. Im ersten Moment schreckte Malik zurück, doch dann schloss er die Augen und genoss den Kuss. Da war wieder das Herzrasen und Kribbeln. Für einen Moment konnte er alles um ihn herum ausblenden. Marikus Zunge schlüpfte in seinen Mund und rieb sich gegen Maliks Zunge. Malik schlang diesmal seine Zunge nicht um Marikus, sondern überließ diesem die gesamte Kontrolle. Die Anspannung fiel von ihm ab und er entspannte zum ersten Mal, seit er wieder zuhause angekommen war.
Leider war der Moment nur von kurzer Dauer.
„Ich weiß nicht, wie ich euch diesmal rausholen soll.“ Er strich Mariku über die gesunde Wange.
Mariku zuckte mit den Schultern. „Ist okay.“ Er nahm Maliks Hand und küsste seine Fingerrücken. „Ich bin nur froh, dass ich dich noch mal sehen konnte.“
„Hör auf so was zu sagen.“
„Du kannst echt richtig süß sein“, sagte Mariku mit einem Schmunzeln.
Malik verdrehte die Augen und stand auf. „Die Situation ist wirklich ernst! Du wirst sterben und es wird langsam und schmerzvoll werden.“
„Warum hast du eigentlich keinen Schwanz?“
Malik war zu verblüfft um zu antworten. Er brauchte auch eine Weile um die Frage zu verstehen. „Das ist doch jetzt überhaupt nicht wichtig!“
„Ich kann nicht sterben, bevor ich das nicht weiß.“
„Ist das alles nur ein Witz für dich?“
Mariku hatte Malik noch nie so besorgt gesehen. Er hatte wirklich Angst um ihn.
„Tut mir leid.“ Mariku ergriff Maliks Hand und stand auf. Seine Knie fühlten sich weich an, doch er schaffte es stehen zu bleiben. „So ist es nur leichter, alles zu ertragen.“ Mit dem Zeigefinger strich er die Konturen von Maliks Gesicht nach. „Außerdem tut mir alles weh, ich bin schon fast froh, wenn’s endlich vorbei ist.“
Malik lehnte sich nach vorne und legte seine Stirn auf Marikus Schulter. „Du ahnst gar nicht, was dir noch bevorsteht“, murmelte er.
„Dann bring‘s du zu Ende.“ Malik sah überrascht auf. „Ein Biss oder ein Kratzer, das würd doch ganz schnell gehen, und bei dem was mir dein Bruder angedroht hat, wär’s wohl besser so.“
Malik trat einen Schritt zurück und sah auf seine Hände. Mariku hatte recht. Wenn er ihn umbrachte, dann wäre es schnell vorbei. Ein bisschen Gift und Mariku würde ersticken. Niemand würde in Frage stellen, warum er es getan hatte. Malik legte eine Hand auf Maliks Brust. Sein Gift tränkte den Stoff seines Shirts. Er sah Mariku an.
„Komm schon“, flüsterte dieser. „Wär nicht das erste Mal.“ Marikus Herz raste. Er musste zugeben, dass er trotz der coolen Fassade mehr als nervös war. Er wäre innerhalb von einer Minute tot; er hatte schon einmal erlebt, wie Maliks Gift wirkte und diesmal war er bei Kräften.
Malik ließ die Hand sinken und lehnte stattdessen seine Stirn gegen Marikus Brust. „Ich kann nicht.“
„Schon gut. Also, warum hast du keinen Schwanz?“
Malik seufzte. „Ich bin noch nicht alt genug.“
„Dir wächst also noch einer?“
„Ja.“
„Heiß.“ Malik sah Mariku mit gehobenen Augenbrauen an. Mariku zuckte nur grinsend mit den Schultern. „Wenn man nicht versucht mich damit zu erwürgen, dann...“ Sein Grinsen wurde etwas breiter, doch nur für kurz, denn die Anspannung ließ die Schmerzen wieder aufflammen.
Malik schüttelte nur den Kopf und sah dann zur Tür. „Es wird Zeit.“
Mariku beugte sich vor und küsste Malik noch einmal. „Okay.“
„Das tut mir jetzt gleich leid.“
„Wa-aaaaaaaah!“ Malik hatte vier lange Kratzer auf Marikus Brust hinterlassen. Mariku presste den Stoff seines Shirts gegen seine Brust.
„Es muss echt aussehen.“
„Es fühlt sich auch sehr echt an“, murrte Mariku.
Sie gingen zurück zur Tür und Malik aktivierte die Fesseln. Er gab Mariku einen letzten Kuss, bevor er ihm den Sack über den Kopf zog. Die Kratzer waren nicht tief, doch sie tränkten trotzdem Marikus Oberteil mit Blut.
Malik öffnete die Tür und winkte die Wachen wieder zu sich. Sie hatten nicht direkt vor seiner Tür gewartet, sondern weiter den Flur hinunter. Ohne Fragen zu stellen oder den Kratzern auf Marikus Brust auch nur einen Blick zu würdigen, führten sie ihn wieder zurück in seine Zelle.

Malik seufzte, als sich die Tür schloss. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn er Mariku nicht gesehen hätte.
„Meister Malik.“
Malik sprang fast aus seiner Haut. Rishid! Er war die ganze Zeit hier gewesen, hatte alles gesehen. Malik war so an seine Anwesenheit in seinem Zimmer gewöhnt, dass er ihn gar nicht bemerkt hatte. Malik konnte sich nicht erinnern, jemals eine solche Panik verspürt zu haben. Aus dieser Situation konnte er sich nicht herausreden. Er starrte Rishid an, die Augen weit und der Körper angespannt. Er musste ihn töten, bevor er irgendjemanden von dem erzählen konnte, was er gerade gesehen hatte.
„Es gäbe eventuell eine Möglichkeit ihn zu retten.“
„Was?“

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