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[personal profile] acetonperoxid
Ich war sogleich gewiss, auch hört' ich sagen,
Dies sei der Schlechten jämmerliche Schar,
Die Gott und seinen Feinden missbehagen.
Dies Jammervolk, das niemals lebend war,
War nackend und von Flieg' und Wesp' umflogen,
Und ward gestachelt viel und immerdar.
Tränen und Blut aus ihren Wunden zogen
In Streifen durch das Antlitz bis zum Grund,
Wo ekle Würmer draus sich Nahrung sogen.

- Dante’s Inferno, Dritter Gesang


„Das ist doch ein Scherz!“ Malik sah seinen Freund entsetzt an. Hatte er jetzt völlig den Verstand verloren? Die Hölle? Was für ein Irrsinn. Am Ende würde Ryou ihm noch erzählen, dass es den Weihnachtsmann wirklich gab. Das war ein Traum. Er war zu Hause eingeschlafen und jetzt steckte er nur in seinem üblichen Albtraum. Sein Unterbewusstsein hatte Ryou und die anderen nur in seinen Traum gebracht wegen dem was heute passiert war. Er lag in seinem Bett und stand ganz sicher nicht vor den Toren zur Hölle. „Ich warte jetzt einfach darauf, dass ich aufwache.“
Malik gab plötzlich einen erschrockenen Laut von sich, wirbelte herum und packte Mariku wütend am Kragen. „Ich schlag dich grün und blau.“
Mariku grinste. „Ich wollte dir nur beim Aufwachen helfen.“ Er hatte Malik in den Hintern gekniffen.
„Du bist so widerlich!“ Malik stieß Mariku von sich, dieser stolperte über seine eigenen Füße und fiel zu Boden. Staub wirbelte auf. Mariku hustete.
Malik stieß hörbar Luft aus. Wenn Mariku doch nur nicht so ein Idiot wäre...

„Was meintest du mit aufwachen?“, hakte Ryou nach.
„Er denkt, das ist sein Traum“, erklärte Mariku und klopfte sich den Staub von der Kleidung. „Wobei ich nicht verstehe, warum er sich ausgerechnet Bakura in Shorts erträumen sollte. Ich würd viel besser aussehen.“
Malik verdrehte die Augen. War es okay, wenn er ihm den Mund zunähte? Mariku hatte sowieso noch nie etwas Sinnvolles in seinem Leben gesagt.
Bakura ignorierte Marikus letzte Worte. Er war die dummen Sprüche schon gewohnt und Mariku mochte es, nicht nur Malik auf die Palme zu bringen. Es war, als würde sein Lebensinhalt darin bestehen anderen Menschen auf den Sack zu gehen.
Stattdessen wandte sich Bakura an Malik: „Also ist es deine Schuld, dass wir hier sind?“ Bakura sah ihn vorwurfsvoll an. „Du träumst diesen Mist und durch irgendwelche kranke Freddy-Krueger-Scheiße landen wir ebenfalls hier?“ Er fuchtelte mit den Armen durch die Luft. „Warum bin ich in deinem Traum? Ich will nicht in deinem Traum sein. Mariku hat recht; warum hab ich nur Unterwäsche und ein Shirt an? Hättest du nicht warten können, bis ich mich wieder komplett angezogen hab? Ich hab nicht mal Schuhe an!“ Es geschah eher selten, dass Bakura sich aufregte. Für gewöhnlich blieb er gelassen egal was passiert (und das musste er auch mit Mariku als Freund), doch wenn halbnackt vor der Tür zur Hölle zu stehen kein Grund war sich aufzuregen, was dann?
„Mein Traum wär viel besser“, warf Mariku ein und verschränkte die Hände hinter dem Kopf.
„In deinem Traum will ich auch nicht sein.“
„Du dürftest eh nicht mitspielen.“
„Mit dir will niemand spielen, Mariku“, erwiderte Malik genervt.
„Das sagst du nur, weil du’s noch nicht ausprobiert hast.“
„Will ich auch gar nicht.“
„Lügner.“ Mariku grinste und Malik vergrub seine Finger in seinen Haaren. Womit hatte er die Bekanntschaft mit Mariku nur verdient?

Während sich Mariku, Bakura und Malik zankten, ließ Ryou seine Finger über das polierte Holz gleiten. Anfangs waren ihm die schwachen Linien nicht aufgefallen. Sie bildeten ein Muster auf der Tür, zumindest vermutete Ryou das. Als er ein paar Schritte zurückging, verblassten die Linien wieder und er konnte nichts erkennen. Sie waren einfach zu zart um wirklich auffällig zu sein. Ryou legte die Hände wieder aufs Holz. Es fühlte sich angenehm warm an. Ryou warf einen Blick über die Schulter. Die anderen waren immer noch mit streiten beschäftigt.
Sollte er es wagen?
Ryou zuckte mit den Schultern. Was hatten sie schon zu verlieren?
Mit aller Kraft stemmte sich Ryou gegen die große Flügeltür, die sich daraufhin knarrend öffnete. Entgeistert wirbelte Bakura herum, packte Ryou am Shirt und zog ihn zurück. „Bist du irre? Du kannst nicht einfach die Tür zur Hölle aufmachen“, fauchte Bakura ihn an.
„Wieso nicht?“ Ryou löste sein Shirt aus Bakuras Griff.
„Weil’s die Tür zu Hölle ist?“
„Hast du etwa Angst?“, feixte Ryou.
Bakura schnaubte. „Natürlich nicht!“ Er wandte sich der offen stehenden Tür zu. Das Gebiet dahinter sah aus wie das, in dem sie sich befanden und doch auch anders. Es war immer noch der tote Wald, doch der Himmel war nicht mehr grau, sondern dunkelblau, fast schwarz. Ein Fluss zog sich durch die Landschaft.
„Angst“, wiederholte Bakura leise. „Von wegen.“ Er trat durch die Tür, doch sprang ihm nächsten Augenblick wieder zurück. Nur knapp schaffte er es noch sein Gleichgewicht zu halten.
An der Tür stand ein Mann. Seine Kleidung wirkte altmodisch und hatte ihre besten Zeiten schon hinter sich. Sie war zerschlissen und hatte jegliche Farbe verloren. Zwischen den Rissen krochen Maden hervor und labten sich am verfaulten Fleisch. Der Mann schien das jedoch gar nicht zu bemerken, genauso wenig wie die Wespen, die um seinen Körper flogen, sich auf der gräulichen Haut niederließen und zustachen. Die Wunden öffneten sich, doch statt Blut krochen Maden daraus hervor. Der Mann sagte kein Wort und seine Augen waren leer. Sein Blick war auf Bakura gerichtet, aber er schien ihn gar nicht wahrzunehmen.
„Das ist widerlich.“
Ryou lachte leise.

„Hey“, Mariku trat vor, „was geht, alter Mann?“ Er beobachtete, wie die Maden über seinen Körper krochen und rümpfte die Nase.
Der Mann reagierte auch nicht auf Mariku. Mariku wedelte mit der Hand vor seinem Gesicht, doch der Mann starrte immer noch mit ausdruckslosen Augen nach vorne.
„Lass das, Mariku.“
„Ich mach doch gar nichts.“ Mariku zuckte mit den Schultern. Er beobachtete mit kranker Faszination, wie die Maden sich in den Wunden suhlten. Ihn überkam der Drang ihn anzufassen. Mariku streckte die Hand aus, doch Ryous Aufschrei ließ ihn zurückzucken.
„Fass ihn nicht an!“
Mariku drehte sich um. „Was ist dein Problem?“
„Man soll die Toten nicht stören“, sagte Ryou mit leiser, angespannter Stimme.
„Tod?“, wiederholte Mariku und beäugte erst Ryou, dann den Mann misstrauisch. Sicherheitshalber trat er einen Schritt von der Tür weg. Der Tote hatte sich inzwischen umgedreht und schlurfte am Ufer des Flusses davon.
„Hölle?“ Ryou kam sich vor, als wäre er von Idioten umgeben. „Für gewöhnlich kommt man nicht in die Hölle, wenn man am Leben ist und für gewöhnlich krabbeln keine Maden aus Wespenstichen.“
„Heißt das, wir sind tot?“
„Das ist nur ein Traum“, rief Malik. Er hatte sich inzwischen auf den Boden gesetzt und die Arme vor der Brust verschränkt.
„Ich glaube nicht, dass das ein Traum ist“, widersprach Ryou. „Wir sollten durch die Tür.“
„Wie wär’s mit Nein?“, murrte Mariku.
„Ich geh da nicht rein“, stimmte Malik zu.
„Nie im Leben“, schloss sich Bakura ihnen an.
Wütend stampfte Ryou mit dem Fuß auf. „Dann bleibt eben hier, mir doch egal.“
Grummelnd trat er durch die Tür und sofort gewann seine Kleidung wieder an Farbe. Ein frischer Wind wehte ihm um die Nase und spielte mit seinen Haaren. Er hörte den Fluss rauschen. Für einen Moment schloss er die Augen und atmete tief durch. Schließlich drehte sich Ryou zu den anderen um. Seine Wangen waren immer noch vor Wut über ihre Starrköpfigkeit gerötet. Der Gedanke allein weiterzugehen behagte ihm jedoch nicht, er wollte aber auch nicht länger nutzlos rumstehen. Sie würden nie aus diesem Schlamassel kommen, wenn sie sich nicht auf den Weg machten.
Bakura trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Er sah Mariku an, der seinen Blick auf Malik gerichtet hatte, dann Malik, der stur in die andere Richtung sah und schließlich Ryou, der ungeduldig auf seiner Unterlippe kaute. Bakura seufzte und ließ resignierend die Schultern hängen.
„Scheiß drauf.“ Er folgte Ryou durch die Tür. Er hatte genug Filme gesehen um zu wissen, dass es schlauer war dem zu folgen, der Ahnung hatte und das war nun mal Ryou. Außerdem war er lieber mit Ryou zusammen, als mit den zwei Streithähnen namens Mariku und Malik.

Es war kühler auf der anderen Seite der Tür und Bakura schauderte. Er legte die Arme um sich selbst. Er brauchte endlich etwas anzuziehen. Seine Zehen waren jetzt schon eiskalt. Außerdem kam er sich vor wie ein Idiot.
„Was ist mit euch?“, rief Ryou den beiden Ägyptern zu. „Ihr kommt hier nicht weg, wenn ihr einfach da sitzen bleibt.“
Mariku sah kurz zu ihm und richtete seinen Blick dann wieder auf Malik. Er kaute auf seiner Unterlippe. Er war hin- und hergerissen, einerseits war er neugierig, was hinter der Tür auf sie wartete, doch anderseits wollte er einfach nur nach Hause und Videospiele spielen.
„Gehen wir?“
„Du kannst ja gehen, ich bleib hier“, murrte Malik und sah immer noch in die andere Richtung. Als ob er die Hölle betreten würde, das war doch komplett bescheuert. Malik leckte sich über die Lippen und dachte an die Albträume, die er gehabt hatte. Waren es doch mehr als nur Träume gewesen? Hatte Isis am Ende recht gehabt?
„Ganz allein?“
„Denkst du, ich hab Angst?“, fauchte Malik und sah doch zu Mariku auf. Ein Teil von ihm war froh, dass er in diesem viel zu realen Albtraum nicht allein war. Da konnte er sogar Marikus Anwesenheit dulden.
„Ich glaube jedes Monster hat mehr Angst vor dir.“ Malik verengte die Augen, erwiderte aber nichts. Das mit dem Dulden seiner Anwesenheit musste er sich doch noch mal überlegen. „Komm schon, Malik. Ich will dich hier nicht zurücklassen.“ Mariku hielt ihm die Hand hin um ihm aufzuhelfen, doch Malik presste nur die Lippen aufeinander. Eine Weile stand Mariku schweigend da, die Hand ausgestreckt.
„Komm jetzt mit oder ich setz mich neben dich und nerv dich bis in alle Ewigkeit und du weißt genau, du hältst meine sexuellen Anspielungen keine zehn Sekunden aus.“
Murrend ergriff Malik Marikus Hand und ließ sich von ihm auf die Beine ziehen. Kaum als er stand, riss er sich wieder von Mariku los und stapfte an ihm vorbei durch die Tür. Mariku grinste leicht und folgte ihm.

„Schön, dass ihr auch zur Besinnung gekommen seid“, begrüßte Ryou sie schnippischer als beabsichtigt.
„Jaja“, Malik wedelte unwirsch mit der Hand. „Du hattest mal wieder Recht. Genauso wie deine Tarotkarte.“ Er strich sich eine Strähne zurück. „Wieso hatte ich die eigentlich in meiner Tasche?“
Ryou runzelte Stirn. „Du hast sie mir zurückgegeben.“
„Aber ich hatte sie...“
Krachend fiel die Tür ins Schloss nachdem Mariku hindurchgetreten war. Es dauerte nur einen Augenaufschlag und die Tür war verschwunden. „Was zum Teufel...?“
„Ja, ich denke, die Wortwahl ist ganz passend“, sagte Bakura nickend.
Alle vier Jungen starrten auf die Stelle, wo eben noch die Tür gewesen war. Jetzt gab es kein Zurück mehr für sie.
Mariku war der erste, der wieder etwas sagte: „Ich dachte immer die Hölle hätte mehr... Feuer.“ Mariku sah sich skeptisch um. „So Lava und Schwefel und Schmerzensschreie.“ Er verzog das Gesicht. „Das hier ist ziemlich billig.“
„Wir sind erst in der Vorhölle“, erklärte Ryou. „Wir müssen über den Acheron“, Ryou zögerte für einen Moment, „oder ist es der Styx?“ Er dachte kurz nach. „Ach egal. Jedenfalls müssen wir über den Fluss um in die richtige Hölle zu kommen.“ Ryous Blick schweifte über den Fluss, doch er konnte das andere Ufer nicht erkennen.
Bakuras Blick war seinem gefolgt. „Schwimmen ist wohl keine Option.“
„In die Dreckbrühe würd ich auch nicht reinsteigen“, murrte Malik.
„Lasst uns erst mal weitergehen. Es sollte hier eigentlich einen Fährmann geben.“
„Charon.“ Jeder sah Bakura überrascht an. „Was?“
Ryou schmunzelte und zuckte nur mit den Schultern.

Malik ging neben ihm, während Bakura und Mariku ihnen folgten. Sie redeten nicht miteinander und auf dem Weg trafen sie immer mehr Menschen. Bald waren sie von ihnen umringt. Die Luft war erfüllt von den Geräuschen der Wespen, doch nicht alle schienen in der Lage zu sein, sie zu ignorieren. Sie hörten Schluchzen und Schreie. Menschen rannten an ihnen vorbei, schlugen nach den Wespen oder versuchten die Maden von ihren Körpern zu wischen.
Trotzdem schenkte den vier Jungen niemand Beachtung.
„Was ist mit ihnen?“, fragte Malik leise. Er fühlte sich unwohl. Es waren nicht die Maden und Wespen, die störten ihn sogar überraschend wenig, es waren die Augen. Obwohl sie leer wirkten, erkannte Malik in ihnen die Qual.
„Verlorene Seelen. Menschen, die in ihrem Leben nichts Gutes und nichts Böses getan haben. Weder Himmel, noch Hölle“, erklärte Ryou. Er senkte den Blick.
„Das ist nicht fair!“, erwiderte Malik und ließ seinen Blick um die Menschen um ihn herum schweifen.
„Der Tod ist nicht fair.“ Mariku legte einen Arm um Maliks Schulter. Im ersten Moment reagierte Malik nicht darauf. Er war zu sehr auf die Toten und ihr Schicksal fixiert, als Marikus Berührung wirklich wahrzunehmen. „Hey, Kopf hoch.“ Marikus Stimme war leise und ungewohnt einfühlsam. „Du kommst sicher in den Himmel.“ Malik hob den Blick und sah Mariku an.
Es verstrichen noch einige Sekunden bis er sich der Situation endlich bewusst wurde. „Fass mich nicht an!“ Er schubste Mariku von sich weg.
„Wir hatten grad nen echt speziellen Moment.“
„Nie im Leben.“
„Naja, wir könnten tot sein, so genau wissen wir das nicht.“
Malik schubste Mariku nochmal zur Seite, als er näher kam und Mariku lachte leise. Malik wütend zu machen war eine seiner liebsten Beschäftigungen, auch wenn es ihn nicht unbedingt beliebter bei Malik machte. Es war ein bisschen kompliziert.

„Woher weißt du das eigentlich alles?“ Bakura rieb sich die Arme. Langsam wurde ihm wirklich kalt. Ob es einen dieser Toten stören würde, wenn er ihnen die Klamotten wegnahm? Sie brauchten sie ja nicht mehr wirklich.
„Ich lese Bücher.“
„Und du merkst dir alles, was du liest?“
„Das meiste, ja.“
„Deshalb sind seine Noten auch besser als deine“, sagte Malik. Er hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt. „Und jetzt lasst uns endlich weitergehen. Ich will hier raus.“

Sie mussten jedoch nicht weit gehen um die verlorenen Seelen hinter sich zu lassen. Es war wie eine unsichtbare Linie, die sie nicht zu überschreiten wagten.
Ein Boot schaukelte auf dem Wasser. Am Ufer stand eine, in einen weiten Umhang gehüllte, Gestalt. Die knochigen Finger umfassten eine Sense.
Mariku verdrehte die Augen. „Noch mehr Klischee ging nicht mehr, oder?“
„Mecker nicht.“ Ryou tastete seine Hosentaschen ab. „Hat jemand Kleingeld?“
„Ich hab einen Kaugummi. Warum willst du Kleingeld?“
„Wir müssen Charon bezahlen, damit er uns über den Fluss bringt.“ Es war ausnahmsweise nicht Ryou, der die Erklärung abgab, sondern Bakura. Mariku sah ihn mit gehobenen Augenbrauen an. „Es kommt manchmal in Filmen vor.“ Bakura zuckte mit den Schultern.
„Ich hab nur ein paar Yen. Ich weiß nicht, ob er die akzeptiert.“ Ryou betrachtete zweifelnd die Münzen in seiner Hand. „Was ist mit dir, Malik?“
Malik hatte eine Hand in der Hosentasche. Seine Finger schlossen sich um die vier Münzen. Er konnte sich nicht erinnern Kleingeld in der Tasche gehabt zu haben. Außerdem waren die Geldstücke viel zu groß für Yen.
Malik schüttelte den Kopf. Er schloss seine Faust fester um die Münzen.
„Ich regel das.“ Mariku ging an Ryou vorbei auf Charon zu.
„Mariku! Nein! Bleib hier!“ Ryou lief ihm hinterher und packte ihn am Arm. „Mach nichts Dummes.“
Mariku riss sich los. „Reg dich ab. Ich mach das schon.“
Unsicher sah Ryou Mariku hinterher. Das würde kein gutes Ende nehmen...

„Yo Alter, wie geht’s, wie steht’s?“ Mariku grinste Charon an, doch dieser reagierte gar nicht auf ihn. „Hör zu, meine Freunde und ich“, er deutete über die Schulter; die anderen waren in der Zwischenzeit vorsichtig näher gekommen, „wir wollen einen kleinen Ausflug in die Hölle machen, aber wir sind etwas knapp bei Kasse. Es wäre echt cool, wenn du uns einfach so rüberschiffen würdest.“
Charon schwieg.
„Wir hätten auch ein paar Yen.“
Weiteres Schweigen.
„Okay, wie wär’s, wenn wir einfach dein Boot nehmen?“
Mariku wollte an ihm vorbeigehen, doch Charon hob die Sense. „Die Lebenden haben keinen Zutritt.“ Seine Stimme war tief und hatte einen Nachhall. Er wirbelte die Sense durch die Luft und stieß Mariku mit dem Griff gegen die Brust. Mariku wurde die Luft aus den Lungen gepresst und er fiel rückwärts auf den staubigen Boden.
„Mariku!“ Bakura kniete neben seinen Freund.
Mariku presste seine Hand gegen seine Brust und saugte hastig Luft ein. „Das tat... weh“, presste er hervor und schloss die Augen.
Bakura gab ihm eine Ohrfeige.
„Au!“ Mariku setzte sich ruckartig auf und fasste sich an die Wange. „Bist du irre?“
„Ich dachte, du fällst in Ohnmacht.“ Bakura zuckte mit den Schultern und richtete sich wieder auf.
Mariku hustete und strich sich über die Brust. Wütend sah er zu Charon auf. „Was sollte das, Arschloch!“
„Die Lebenden haben keinen Zutritt.“
„Leck mich.“
Bakura half Mariku wieder auf die Beine und dieser klopfte sich wieder einmal den Staub von der Kleidung.
„Mariku, verärger ihn nicht.“ Ryou klang angespannt, sein Blick ruhte auf Charon.
„Er hat mich geschlagen!“, maulte Mariku. „Außerdem ist es nicht so, als wären wir freiwillig hier.“ Er machte ein leidendes Gesicht. „Ich glaube, er hat mir ne Rippe gebrochen.“
„Hör auf zu jammern.“
Mariku drehte sich zu Malik um. „Nur wenn du die Stelle küsst.“ Er schob sein Shirt nach oben.
Malik zeigte ihm den Mittelfinger.
„Und was machen wir jetzt?“ Bakura sah Ryou an. Von den anderen beiden erwartet er keinen Lösungsvorschlag.
Doch auch Ryou zuckte nur mit den Achseln. Ohne Charon zu bezahlen hatten sie keine Chance den Fluss zu überqueren.
Malik hatte immer noch seine Faust um die Münzen geschlossen. Ryou und Bakura sahen sich ratlos an, während Mariku Charon anstarrte und sich die Brust rieb.
Malik seufzte und trat vor. Er holte die Münzen aus der Tasche und hielt sie Charon hin. „Ist das genug?“
Charon griff mit seinen knochigen Fingern nach den Münzen und trat schließlich zur Seite.
„Woher hast du die?“, wollte Ryou wissen, doch Mariku mischte sich aufgebracht ein bevor Malik antworten konnte.
„Wieso hast du nicht gleich was gesagt? Jetzt musst du die Stelle echt küssen!“ Er hob wieder sein Shirt an, doch alles was Malik tat, war ihm gegen die Brust zu boxen.
Mariku fluchte und ließ sich ins Boot sinken. „Das tat weh, verdammt.“
„Das sollte es auch“, murrte Malik und setzte sich neben Ryou. Sie starrten sich böse an, während Charon als letzter ins Boot stieg und sich dieses daraufhin in Bewegung setzte.
Ryou betrachtete das Wasser. Es war trüb und man konnte nicht auf den Grund sehen. Ryou beugte sich über den Bootsrand. Etwas in ihm drängte ihn dazu ins Wasser zu tauchen. Seine Hände umfassten den Bootsrand und seine Arme spannten sich an.
Bakura packte ihn an der Schulter und zog ihn zurück. Ryou zuckte zusammen und blinzelte schnell.
„Was?“, murmelte er und sah Bakura verwirrt an.
Hatte er gerade wirklich in den Fluss springen wollen? War er verrückt? Er schüttelte den Kopf um ihn wieder frei zu kriegen. Er musste aufpassen.
Wieder sah Ryou aufs Wasser. Er hatte keine Ahnung, was mit ihm passiert wäre, wenn er es wirklich getan hätte.
Ryou biss sich auf die Unterlippe und bemerkte noch nicht einmal, wie er seine Hand ins Wasser hielt.

Nebel hüllte ihr Boot ein und sie sahen kaum die Hand vor Augen. Plötzlich erfüllten Gesänge die Luft. Sie waberten durch den Nebel und Malik fühlte sich mit einem Mal etwas weniger angespannt. Er atmete tief durch, schloss die Augen und lauschte den Gesängen. Sie klangen so glücklich und voller Frieden.
„Wer singt da?“, fragte Bakura leise, doch Ryou schüttelte nur den Kopf. Er wusste die Antwort nicht und selbst wenn er sie gewusst hätte, er war zu sehr in den Gesängen verfangen um wirklich antworten zu können.
Charon hätte Bakura sagen können, dass es die Seelen derjenigen waren, die in den Himmel kamen, doch Charon steuerte das Boot nur schweigend durch den Nebel.
Als die Gesänge verklangen, verzog sich auch der Nebel und das andere Ufer kam in Sicht.

Sie stiegen aus dem Boot und Charon kehrte auf die andere Seite zurück. Malik sah ihm hinterher. Jetzt gab es wirklich kein Zurück mehr. Er seufzte.
„Hier sieht’s genauso aus wie auf der anderen Seite“, murrte Mariku.
„Es muss hier aber irgendwo einen Eingang geben.“
„Die Hölle bräuchte einen Platzanweiser.“
„Kannst du mal aufhören zu meckern?“, fuhr Malik Mariku an.“
„Versiegel sie doch mit einem Kuss.“ Mariku spitzte die Lippen.
„Soll ich dir nochmal eine reinhauen?“
Mariku seufzte. „Du bist so ein Spielverderber.“
„Und du bist ein aufgeblasener, eingebildeter...“
Doch Ryous Rufen unterbrach Malik: „Hierher!“ Er winkte ihnen zu.
Malik warf Mariku einen letzten wütenden Blick zu und stapfte dann an ihm vorbei.
Mariku ließ die Schultern hängen und sah Malik hinterher. Manchmal hasste er seine große Klappe.

Ryou stand vor einer Höhle und trat aufgeregt von einem Fuß auf den anderen. Sie standen regelrecht auf der Türmatte der Hölle und Ryou verspürte ein nervöses Kribbeln in seinem Bauch. Es war keine negative Nervosität, sondern er war voller Erwartung.
„Ich hoffe, da drin gibt’s keine Spinnen.“ Bakura starrte in die Dunkelheit der Höhle.
„Hast du etwa Angst vor Spinnen?“, fragte Ryou mit einem belustigten Unterton.
Bakura verzog das Gesicht. „Die Viecher sind widerlich. Das hat nichts mit Angst zu tun.“ Sie betraten die Höhle, doch gingen nur ein paar Schritte bevor sie die Dunkelheit verschluckte. Malik strengte seine Augen an, doch er konnte noch nicht einmal schemenhaft etwas erkennen.
Plötzlich flammte Licht auf und verwandelte Marikus Gesicht für einen kurzen Augenblick in eine Fratze.
„Ich wusste diese Taschenlampen App wird irgendwann mal nützlich.“
Mariku leuchtete ihnen den Weg durch die Höhle. Sie war nicht groß und endete vor einer Schlucht. Ein schmaler Weg führte an der Felswand nach unten. Die Steine glänzten feucht und der Grund der Schlucht war in Nebel gehüllt.
Malik starrte den Abstieg an. „Das ist Selbstmord.“
„Normalerweise ist man schon tot, wenn man hier langgeht“, erwiderte Ryou und wagte den Abstieg als Erster. Er hielt sich nah an der Felswand und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen um nicht abzurutschen.
„Aber wir sind nicht tot“, rief Malik ihm hinterher.
Ryou blieb stehen und sah über die Schulter zurück. „Aber wir haben auch keine andere Wahl. Wir werden nie rausfinden, wie wir hier wegkommen, wenn wir nicht weitergehen.“
Malik verschränkte die Arme vor der Brust und presste die Lippen aufeinander. Er beobachtete, wie sich Ryou langsam über den schmalen Pfad bewegte, den Rücken an die Felswand gedrückt und mit den Fingern daran entlang tastend.
Bakura folgte ihm mit einigem Abstand. Er bewegte sich noch langsamer als Ryou und seine Schritte waren unsicher. Bakura schloss die Augen und atmete tief durch. Die Steine waren kalt und der Weg uneben. Kleine Steinchen bohrten sich in seine nackten Fußsohlen und die Kälte kroch an seinen Beinen nach oben.
Bakura öffnete seine Augen wieder und bewegte sich mit zusammengebissenen Zähnen behutsam vorwärts. Er versuchte den Anschluss an Ryou nicht zu verlieren und sowohl Kälte, als auch kleine Steinchen zu ignorieren.
Maliks Schultern sanken herab. Die Sache gefiel ihm nicht, aber sie hatten wirklich keine Wahl. Er sah nach unten, doch außer Nebel war nichts zu sehen. Gut, dass er keine Höhenangst hatte.
„Alles okay?“, fragte Mariku leise.
„Jaja“, antwortete Malik und wedelte unwirsch mit der Hand in der Luft. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, trotzdem wagte er sich auf den Weg. Er ahmte Ryous Bewegungen nach und vermied es nach unten zu sehen.

Sie bewegten sich schweigend den Pfad hinab. Sie waren zu sehr auf ihre eigenen Schritte konzentriert um sich zu unterhalten. Ryou war der einzige, der hin und wieder etwas sagte um sie vor besonders schwierigen Stellen oder losen Steinen zu warnen. Als erster trug er das größte Risiko und inzwischen waren sie im Nebel angekommen, was den Abstieg nicht erleichterte.
Der Nebel war dicht und Ryou musste sich fast ausschließlich auf seinen Tastsinn verlassen. Er hoffte, sie würden den Boden bald erreichen. Er hoffte, dass es überhaupt einen Boden gab. Ryou wandte den Kopf. Bakura hatte inzwischen zum ihm aufgeholt.
Bakura zitterte. Es war eiskalt und er hatte Schwierigkeiten vernünftig Halt zu finden. Sein Shirt war gerissen, als er zuvor an einem Stein hängen geblieben war und fast gestolpert wäre. Die Haut war an der Stelle aufgeschürft. Er spürte seine Zehen nicht mehr und jeder Schritt fiel ihm schwerer. Warum musste ausgerechnet er der ohne Schuhe sein?
Bakura seufzte und trat einen Schritt vor.

Alles Weitere lief für ihn wie in Zeitlupe ab.

Er rutschte mit dem Fuß weg.
Bakura riss die Augen auf. Sein Mund öffnete sich vor Überraschung. Er versuchte Halt zu finden, doch erwischte nicht mehr als Luft. Mit den Armen rudernd versuchte er sein Gleichgewicht zu halten.
Erfolglos.
Er sah Ryou, wie er die Hand nach ihm ausstreckte, doch es war zwecklos. Ryou war viel zu weit weg.
Bakura konnte noch nicht einmal schreien als er fiel.

„BAKURAAAA!“
Ryou dagegen schrie sich die Seele aus dem Leib.

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