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Unruhig wippte Mariku mit dem Fuß. Er war einerseits froh, dass er wieder zurück ins Internat kam, doch andererseits machte er sich Sorgen. War er wirklich bereit Malik wieder gegenüber zu treten? Er spürte Bakuras Blick auf sich ruhen, doch er sah seinen Freund nicht an. Er hätte sich gewünscht, Bakura wäre nicht mitgekommen um ihn abzuholen.
Mariku beobachtete die vorbeiziehende Landschaft. Es hatte endlich angefangen wärmer zu werden, doch der Schnee war immer noch überall.
Als das Schulgebäude in Sicht kam, war Mariku so nervös wie schon lange nicht mehr. Obwohl es im Auto angenehm warm war, fror er. Wie würde Malik auf ihn reagieren? Wie würde er auf Malik reagieren? Er hatte sich vorgenommen, sich bei ihm zu entschuldigen. Er würde sich entschuldigen und dann würde er ihn in Ruhe lassen. Auch wenn ihm allein schon der Gedanke daran schwerfiel.


Malik konnte kaum ruhig sitzen. Er war so aufgeregt, dass ihm schlecht war. Von Ryou hatte er erfahren, dass Mariku zurückkommen würde. Malik hatte keine Ahnung, wie er sich ihm gegenüber verhalten sollte. Ob Mariku ihm auch die Schuld gab? Malik biss sich auf die Unterlippe. Am besten wäre es, wenn er Mariku einfach aus dem Weg ging. Alles wäre besser, wenn sie nichts mehr miteinander zu tun hatten. Er konnte seine Zeit mit Jonouchi und Honda verbringen und ganz normal sein. Mit den beiden war es fast wie mit seinen alten Freunden.
Malik hob die Augenbrauen, als ihm einfiel, dass momentan Bakura in Marikus Bett schlief. Würde er zurückkommen? Er konnte nicht glauben, dass Bakura sich wieder ein Zimmer mit ihm teilen würde. Würde stattdessen Ryou zu ihm kommen?
Malik fuhr sich durch die Haare. Die Warterei machte ihn wahnsinnig. Er wollte es endlich hinter sich bringen.

„Malik?“ Malik sah zu Ryou auf. „Sie sind da. Willst du mitkommen?“ Malik schüttelte den Kopf. Mit einem Mal fühlte sich seine Kehle wie zugeschnürt an. „Sicher?“
„Es ist noch zu früh“, erwiderte Malik leise. Er wollte Mariku sehen, aber jetzt wo es so weit war, hatte er Angst.
„Soll ich ihm was von dir sagen?“
Malik öffnete den Mund, doch dann senkte er den Blick und schüttelte den Kopf. Es gab viele Dinge, die er Mariku sagen wollte und alle widersprachen sich. Er musste erst den Kopf freikriegen. Malik ballte seine rechte Hand zu einer Faust. Und sich über seine eigenen Gefühle im Klaren werden.
Ryou verzog den Mund, doch sagte nichts mehr. Er wusste, dass Malik Mariku sehen wollte, doch er konnte ihn nicht zwingen mitzukommen. Früher oder später würden sie sowieso aufeinander treffen.
Doch als Ryou gegangen war, folgte Malik ihm. Auch wenn er noch nicht bereit war Mariku direkt gegenüber zu treten, wollte er ihn zumindest sehen.

Lächelnd stützte sich Ryou auf seine Krücke. Er hätte nie gedacht, dass er sich einmal freuen würde Mariku zu sehen, geschweige denn ihn als Freund zu bezeichnen. Sie hatten sich beide verändert.
„Hey“, Mariku legte ihm eine Hand auf den Kopf, „bist du geschrumpft?“
„Du bist ein Idiot.“ Ryou schob seinen Arm weg.
„Das macht mich so sympathisch.“ Mariku ließ seinen Blick durch die Halle schweifen.
„Er wollte nicht kommen“, erklärte Ryou und Mariku richtete seinen Blick wieder auf ihn.
Ein trauriges Lächeln lag auf seinen Lippen. „Schon gut.“ Er schulterte seine Tasche und das Lächeln wandelte sich in ein breites Grinsen. „Lasst uns hier nicht rumstehen. Ich hab Kohldampf.“

Malik hatte sie von der Treppe aus beobachtet und machte sich jetzt auf den Weg in sein Zimmer um nicht entdeckt zu werden. Mariku zu sehen hatte ihm irgendwie gut getan, auch wenn sein Herz ihm jetzt bis zum Hals schlug.
Malik ließ sich auf sein Bett fallen und hämmerte mit seinen Handballen gegen seine Stirn. Wenn er sich nicht bald darüber klar wurde, wie er jetzt wirklich für Mariku fühlte, dann würde das kein gutes Ende nehmen. Malik atmete tief durch und ließ die Hände sinken. Wieso war es ihm nur so wichtig, was andere von ihm dachten? Malik setzte sich auf. Er musste mit jemandem darüber reden. Jemand Neutralem.


„Kaum ist man mal zwei Wochen nicht da, machst du dich hier breit, das kann ja wohl nicht wahr sein.“ Mariku stellte seine Tasche auf sein Bett und sah Bakura an. „Husch, husch, das ist nicht dein Zimmer.“
Bakura verschränkte die Arme vor der Brust. Im Gegensatz zu Mariku fiel es ihm schwer die Situation so locker zu sehen.
„Ich geh zu Malik“, erklärte Ryou, weil er sah, wie unwohl Bakura sich fühlte.
Mariku legte einen Arm um seine Schulter. „Nein, tust du nicht.“ Der Ausdruck in seinem Gesicht war ernst geworden. „Bakura geht.“
Bakura seufzte und fuhr sich durch die Haare. „Ja, du hast recht.“
„Natürlich hab ich das.“ Mariku ließ den Arm sinken und setzte sich schwungvoll aufs Bett. „Ich mach Malik keine Vorwürfe und du solltest ihm erst recht keine machen.“ Er sah Ryou an. „Hat’s Bakura dir erzählt?“
„Er wollte erst nicht, aber ich hab ihn gezwungen.“ Mariku sah kurz zu Bakura und dann wieder zu Ryou. „Und Malik?“
„Ich hab ihm natürlich erzählt, was los ist. Du hättest es ihm von Anfang an sagen sollen.“ Vorwurf lag in Ryous Stimme.
Mariku strich sich durch den Nacken. „Ja, das hätte ich.“ Er hob überrascht die Augenbrauen, als Ryou sich neben ihn setzte und seine Hände nahm.
„Das ist nichts für das du dich schämen musst.“
Mariku zog seine Hände zurück und zuckte mit den Schultern. Er hasste es über dieses Thema zu reden, auch wenn Ryou ihm nur helfen wollte. „Egal jetzt. Ich hab Hunger.“


Malik hatte eine Hand über seine Augen gelegt, während er mit aufgeregt klopfendem Herzen darauf wartete, dass am anderen Ende der Leitung jemand abhob. Unruhig rieb er seine Zunge an seinem Gaumen und zuckte schließlich zusammen, als er Isis‘ Stimme hörte.
„Hallo Isis.“
„Malik! Wie schön, dass du anrufst. Geht’s dir gut? Ist alles in Ordnung?“
Malik ließ seine Hand sinken und lächelte. Isis war einfach immer besorgt um ihn. „Es geht mir gut.“
„Lüg mich nicht an.“ Selbst durch’s Telefon konnte er seiner Schwester nichts vormachen.
„Tut mir Leid. Es geht mir wirklich nicht gut“, gab er zu und lehnte sich zurück. „Ich brauch deine Hilfe.“
„Natürlich, was ist los?“
Malik biss sich kurz auf die Unterlippe. „Hast du schon jemals irgendwas getan wegen dem dich die Leute schräg angeschaut haben?“
Isis schwieg eine Weile, bevor sie mit gesenkter Stimme weitersprach: „Das erzählst du aber auf keinem Fall deinem Bruder, versprochen?“
„Versprochen.“
„Einmal war ich so betrunken, das ich äußerst peinlich auf einem Tisch getanzt habe. Danach konnte ich niemandem mehr unter die Augen treten.“
Malik lachte, während Isis ihm sagte, dass er damit aufhören sollte. Ihm kamen die Tränen. Es fiel ihm schwer sich das vorzustellen.
„Ich war auch mal jung“, sagte Isis schnippisch.
„Isis, du bist 22, du bist immer noch jung.“
„Ja...“ Ihre Stimme klang traurig und Malik verging das Lachen. „Manchmal vergess ich das.“ Isis hatte schon früh erwachsen werden müssen. Sie hatte es nie einfach gehabt, hatte aber alles dafür getan, dass zumindest er eine normale Kindheit haben konnte. Malik war ihr sehr dankbar dafür, auch wenn er es nicht oft genug zeigte.

„Sowas hab ich aber eigentlich nicht gemeint.“ Er strich sich die Haare zurück. „Eher etwas wofür man dich verurteilen würde.“
„Du hast doch nichts angestellt?“
„Nein, es ist nichts schlimmes, denk ich.“
„Was ist los, Malik?“
Malik atmete tief durch. „Es gibt diesen Jungen, Mariku, ich hab ihn schon mal erwähnt.“
„Ja, als du hier warst. Ich erinnere mich.“
„Er“, Malik zögerte. Er machte sich Sorgen, wie seine Schwester reagieren würde. „Er mag mich.“ Malik machte wieder eine Pause und wartete auf eine Reaktion, doch Isis schwieg. „Und ich mag ihn auch... irgendwie, eigentlich weiß ich gar nicht, wie ich fühlen soll. Ich hab Angst, Isis.“
Er hörte Isis tief durchatmen. „Wieso hast du davor Angst?“
„Ich will nicht, dass die Leute über mich reden oder meine Freunde über mich lachen.“
„Deine Freunde sind sowieso nur ein nichtsnutziger Haufen, ich konnte sie noch nie leiden.“ Malik lächelte. Ja, das war seine Schwester. „Rishid und ich lieben dich, egal was ist. Wir werden dich immer unterstützen.“
Malik verspürte große Erleichterung, als er Isis‘ Worte hörte. Er hätte viel, viel früher mit ihr reden sollen. „Danke.“
„Es ist vielleicht schwer am Anfang, aber du musst es ja auch nicht gleich an die große Glocke hängen und wer wirklich dein Freund ist, wird auch nicht über dich lachen. Tu was dich glücklich macht und kümmere dich nicht darum was Fremde über dich denken.“
„Es ist nur so schwierig und ich weiß nicht, ob ich damit umgehen kann.“
„Hast du jemanden an der Schule mit dem du reden kannst? Vielleicht hat jemand so etwas ähnliches durchgemacht oder jemandem, dem es auch gerade so geht?“
Malik dachte sofort an Ryou. Er war der einzige, mit dem er darüber reden könnte. „Vielleicht gibt es da jemanden.“
„Rede einfach mal mit ihm, es schadet nicht.“ Malik nickte, obwohl Isis das nicht sehen konnte. „Magst du mir von ihm erzählen? Mariku heißt er, ja?“
„Er ist etwas gewöhnungsbedürftig.“ Malik lächelte breit, während er Isis von Mariku erzählte. Manches ließ er jedoch lieber weg. Isis musste nicht wissen, dass sie schon miteinander geschlafen hatten und auch nicht, dass Mariku krank war. Auch, dass er dafür gesorgt hatte, das Mariku ausflippte, verschwieg er lieber. Er erzählte jedoch vom Schlittschuhlaufen und dass sie sich geküsst hatten.
Als Malik geendet hatte, wurde ihm bewusst, wie sehr er es wirklich vermisste bei Mariku zu sein und dass er es einfach komplett versaut hatte. Wieso hatte er nicht schon zuhause mit Isis darüber gesprochen?


Malik war überrascht Bakura zu sehen, als er in sein Zimmer zurückkam.
„Hey“, begrüßte Bakura ihn, vermied es aber Malik anzusehen.
„Hey.“ Es war eine seltsame Situation. Sie hatten seit Tagen nicht mehr miteinander gesprochen und beide fühlten sich sichtlich unwohl.
Bakura seufzte und sah Malik diesmal an. „Hör zu, ich wollte mich entschuldigen. Ich hätte dir nicht die Schuld geben sollen.“
„Es ist okay. Ich kann dich ja verstehen und es ist teilweise auch meine Schuld. Ich hätte mich anders verhalten sollen.“ Malik strich sich durch den Nacken. „Ich war scheiße zu Mariku und das streit ich auch gar nicht ab.“
„Und ich hab übertrieben. Ich hätte Mariku dazu drängen sollen, dass er dir sagt, was los ist.“
„Also ist es zwischen uns wieder in Ordnung?“
„So irgendwie.“ Bakura spielte mit einer Haarsträhne, während er sprach. „Auch, wenn ich dich lieber nicht in seiner Nähe sehen will.“
Malik erwiderte nichts. Er würde Bakura ganz sicher nichts versprechen. Es war seine Sache. Und natürlich auch Marikus. Mariku war der einzige, der ihm sagen konnte, dass er sich von ihm fernhalten sollte.


Malik spürte Marikus Blick auf sich, doch er wusste, wenn er sich umdrehte, dann würde Mariku zur Seite sehen. Allein zu wissen, dass er ihn ansah, machte Malik nervös und es fiel ihm selbst schwer Mariku nicht anzustarren. Er hatte immer noch nicht mit Ryou gesprochen, weil er darauf wartete ihm allein zu begegnen, doch Mariku und Bakura waren ständig in seiner Nähe. Er war eifersüchtig, wenn er die Drei zusammen sah. Er wollte wieder dazu gehören.
Als die Schulglocke ertönte, sprang Malik auf. „Ryou!“
Ryou sah Malik an. Seit Mariku zurück war, hatte sie keine Gelegenheit mehr gehabt miteinander zu sprechen. „Was gibt’s?“
„Hast du vielleicht nach dem Abendessen kurz Zeit?“ Malik rieb unruhig seine Hände aneinander. „Es gibt da was, über das ich gern reden würde.“
„Klar“, antwortete Ryou lächelnd. „Wir können uns in der Bibliothek treffen, wenn du willst.“
„Klingt gut, bis später dann.“


„Ich weiß echt nicht, was er an denen findet“, sagte Mariku mürrisch und warf Jonouchi und Honda einen bösen Blick zu. Malik saß mit dem Rücken zu ihm. „Das sind Idioten.“
„Beruhig dich.“
„Ich bin ruhig“, murrte Mariku und wandte seine Aufmerksamkeit wieder auf sein Essen.
„Hast du deine Medikamente schon genommen?“
„Nein, Mama.“
Bakura verdrehte die Augen. „Dann mach.“
„Nach dem Essen“, erwiderte Mariku. Er wollte nicht, dass irgendjemand sah, dass er Pillen schluckte. „Ich versteh nicht, wie er mit denen rumhängen kann.“
„Mariku...“
„Er sollte hier sein.“
„Hör endlich auf. Vergiss ihn einfach!“
Mariku schlug mit der Faust auf den Tisch und stieß dabei sein Glas um. Die Augen aller Anwesenden richteten sich auf ihn. „Leck mich, Bakura!“ Für einen Moment kreuzten sich Marikus und Maliks Blicke, dann wandte erst Malik und dann Mariku den Blick wieder ab. Mariku stampfte aus der Halle, während Bakura sich die Haare zurückstrich.
„Du solltest aufhören ihm das zu sagen.“ Ryou versuchte die Sauerei auf dem Tisch zu bändigen.
„Aber es stimmt.“
Ryou schüttelte den Kopf. „Find ich nicht.“
„Kannst du nicht einmal mit mir einer Meinung sein?“
Ryou beugte sich vor und küsste Bakura. „Nein.“


Malik wartete bereits auf Ryou vor der Bibliothek.
„Sorry, Bakura hat mich aufgehalten.“
„Schon okay.“ Gemeinsam betraten sie die Bibliothek und setzten sich an einen Tisch in der Ecke. Sie waren allein. Malik wollte nicht lange um den heißen Brei herumreden, deshalb kam er gleich auf den Punkt: „Woher wusstest du, dass du schwul bist?“
Ryou hob überrascht die Augenbrauen. Im ersten Moment war er von der Frage überrumpelt. Er zog die Stirn kraus. „Naja, ich hab mich in einen Jungen verliebt, da war die Sache dann recht klar.“
„Und wie bist du damit umgegangen?“
„Oh“, Ryou kratzte sich an der Wange, „anfangs war ich echt verwirrt. Es ist nicht so als würde man darüber aufgeklärt werden und Teenager sein ist so schon hart genug.“ Er lachte. „Ich hab lange versucht, es einfach zu ignorieren, aber das ist ein bisschen schwer, wenn der Junge, in den man verliebt ist, direkt vor einem sitzt.“ Ryou senkte den Blick. „Anfangs dachte ich, ich wäre nicht normal. Es gab da dieses Mädchen, Miho, sie war in mich verliebt und jeder dachte, ich spinn, weil ich Nein zu ihr gesagt hab. Und ich dacht’s auch.“ Er sah Malik wieder an. „Papa hat irgendwann gemerkt, dass was nicht stimmt. Erst konnt ich’s ihm nicht sagen, weil ich solche Angst hatte, aber dann hab ich’s nicht mehr ausgehalten. Er hat mir alles erklärt, aber ich hab mich danach nicht besser gefühlt.“ Ryou hielt seine Krücke fest, die auf den Boden zu rutschen drohte. „Ich weiß also ziemlich genau, wie du dich grad fühlst“, fügte er hinzu. Es überraschte ihn schon etwas, das Malik ihn danach fragte, das musste er zugeben, aber es bedeutete auch, dass sich Malik wirklich Gedanken darüber machte. Er kannte die Selbstzweifel, die ihn im Moment plagten, nur zu gut.

„Und wann ist es dann besser geworden?“
Ryou lächelte. „Als ich hierher kam. Gut, das erste Jahr war echt hart mit Bakura und Mariku, aber die zwei haben mir auch gezeigt, dass ich doch nicht krank bin.“
„Macht du dir keine Gedanken darüber, was andere über dich denken?“
Ryou zuckte mit den Schultern. „Manchmal, aber im Grunde ist es mir egal. Papa ist für mich da und ich hab jetzt Bakura. Mehr brauch ich gar nicht.“ Er grinste.

Nachdenklich lehnte Malik sich zurück. Es war also für Ryou auch anfangs nicht leicht gewesen. Trotzdem half ihm das nicht wirklich weiter. Das war einfach eine Entscheidung, die er für sich selbst treffen musste. Wobei Entscheidung hier das falsche Wort war. Im Grunde war es keine Entscheidung, er fühlte, was er fühlte. Natürlich konnte er sich die nächsten Monate einreden, dass er nichts für Mariku empfand und anschließend versuchen in sein normales Leben zurückzugehen, oder aber... Malik biss sich auf die Unterlippe. Was, wenn es außerhalb des Internats noch mal passierte?
„Ich hab’s versaut, oder?“
Ryou sah ihn überrascht an. Er zögerte mit seiner Antwort. „Ich... ich denke nicht unbedingt. Mariku mag dich noch, aber du solltest dir erst mal darüber klar werden, was du willst. Ansonsten nimmt das nämlich kein gutes Ende.“
Malik seufzte. Als ob er das nicht selbst wusste. „Es ist nur so schwierig.“
„Ich weiß sehr gut, wie du dich fühlst. Das war damals für mich ne echt schlimme Zeit und ich hatte niemanden mit dem ich reden konnte.“ Ryou griff nach seiner Krücke und stand auf. „Denk lange und gut über alles nach, aber hör nicht zu sehr auf deinen Kopf.“ Er tippte sich gegen die Schläfe. „Sondern mehr auf das hier.“ Er tippte sich auf die Brust.
Malik nickte nur und blieb noch eine Weile sitzen, nachdem Ryou gegangen war. Er genoss die Stille der Bibliothek.


Wenn Mariku etwas an seinen Präparaten hasste, dann war es das Kotzen. Es passierte nicht häufig, aber selbst einmal war für Mariku zu viel. Er spülte sich den Mund aus und betrachtete sich anschließend im Spiegel. Er hatte auch schon mal bessere Tage gehabt. Mariku spritzte sich Wasser ins Gesicht und seufzte. Er hasste diese dummen Medikamente.
„Willst du das Bad den ganzen Abend blockieren?“
„Hör auf zu meckern, du bist doch grad erst zurückgekommen“, schnauzte er Ryou an und machte keine Anstalten das Bad freizugeben. Er versuchte immer noch den widerlichen Geschmack aus dem Mund zu bekommen.
„Du solltest es mit Zähneputzen versuchen.“
„Jaja.“ Mariku griff nach seiner Zahnbürste. „Wo warst du überhaupt?“
„In der Bibliothek.“
„Warum?“
„Was macht man wohl in einer Bibliothek?“ Ryou verdrehte die Augen. Auch wenn er diesmal nicht gelesen hatte. Er wartete bis Mariku sich die Zähne putzte, bevor er weitersprach: „Ich hab mit Malik geredet.“
Marikus Blick richtete sich sofort auf Ryou und hielt in der Bewegung inne. Er wartete darauf, dass Ryou weitersprach, doch das passierte nicht. Mariku spuckte die Zahnpasta aus. „Und?“, hakte er nach. Ryou zuckte mit den Schultern. „Du hast damit angefangen, also rede jetzt oder du brauchst gleich wieder ne zweite Krücke.“
Ryou grinste. „Ich hab keine Angst mehr vor dir.“
„Jetzt sag schon!“
Ryou wusste nicht, ob es wirklich in Ordnung war sich einzumischen, doch es hatte ihm geholfen, als sich Mariku in seine Angelegenheiten gemischt hatte. „Er stellt seine Sexualität in Frage.“
„Die stell ich schon in Frage seit er hier ist.“ Mariku streckte sich auf seinem Bett aus. „Kein Hetero-Kerl küsst so einen anderen Kerl. Niemals.“ Der Gedanke an die Küsse mit Malik sorgte für ein angenehmes Kribbeln in seinem Bauch. Er vermisste sie wirklich.
„Ich denke, er bereut, was er getan hat.“
„Was? Sich auf mich einzulassen?“
„Nein.“ Ryou verdrehte die Augen. „Du weißt, dass ich nicht das meine.“
„Und? Was soll ich jetzt machen?“
„Nichts, bedräng ihn nicht, sondern lass ihn zu dir kommen.“
Mariku seufzte. „Denkst du, er mag mich wirklich?“
„Ja.“
„Und warum will er dann nicht mit mir zusammen sein?“
„Für ihn ist das eben nicht so normal wie für dich.“
Mariku sah Ryou kurz an und drehte sich dann auf die Seite. Es stimmte, er hatte sich nie Gedanken über seine Sexualität gemacht. Er hatte sich immer schon zu Männern hingezogen gefühlt und das auch nie in Frage gestellt. War es für Malik wirklich so abwegig gewesen?
„Bakura sagt, ich soll mich lieber von ihm fernhalten.“
„Bakura ist ein Idiot.“
Mariku drehte sich zu Ryou um und schmunzelte. „Er macht sich nur Sorgen um mich.“
„Hör trotzdem nicht auf ihn. Du magst Malik, Malik mag dich. Momentan klappt’s zwar noch nicht, aber das wird schon noch.“
„Du hast dich echt verändert.“
„Sagst ausgerechnet du.“


„Du hast mit Ryou geredet, nicht wahr?“
Malik ließ den Kamm sinken. Seine Haare waren noch leicht feucht von seiner Dusche. Obwohl sich Bakura und er wieder einigermaßen zusammen gerauft hatten, war die Stimmung zwischen ihnen immer noch seltsam. Sie redeten nur das Nötigste miteinander. „Ja.“
„Über Mariku?“
„Nicht direkt.“
Er sah wie Bakura für einen Moment missbilligend die Lippen aufeinander presste.
„Halt dich von ihm fern.“ Schon wieder dieses Thema. Malik hatte die Schnauze voll.
„Ich halt mich von ihm fern, wenn Mariku das will und nicht, wenn du mir das sagst.“
„Aber er liebt dich und das macht ihn kaputt.“
Malik senkte den Blick. „Als ob ich das nicht weiß.“ Er legte den Kamm zur Seite. „Ich will doch auch nicht, dass er... wegen mir...“ Er sprach den Satz nicht zu Ende. „Ich weiß auch, dass ich scheiße zu ihm war. Ich weiß, dass es falsch war.“ Er hatte unbewusst die Stimme gehoben. „Wenn ich könnte, dann würd ich’s ungeschehen machen, aber ich kann nicht.“ Malik sah Bakura an. Konnte er denn nicht verstehen, wie schwer das auch auf ihm lastete? „Es ist für mich auch nicht einfach, okay? Also sei einfach endlich still, weil deine Vorwürfe helfen weder mir noch Mariku.“
Sie starrten sich eine Weile an, bevor Bakura den Blick abwandte. „Tut mir Leid“, flüsterte er. „Mariku ist meine Familie. Ich will nur nicht, dass ihm was passiert.“
„Es ist nicht so, dass ich dich nicht verstehe, aber“, er seufzte. Was sollte er Bakura sagen? „Das überfordert mich einfach alles.“ Ja genau, das war es. Er war überfordert. Von seinen Gefühlen. Von Marikus Gefühlen. Einfach von allem. „Ich weiß nur, dass ich Mariku ganz sicher nicht nochmal wehtun werde und ich werd auch erst wieder mit ihm reden, wenn ich weiß, was ich will.“ Malik zog die Decke über sich.
„Gut“, murmelte Bakura und schaltete das Licht aus. Malik drehte sich auf die Seite und schloss die Augen. An Schlafen war jedoch noch nicht zu denken. Er hatte viel zu viel über das er nachdenken musste.


Mariku aus dem Weg zu gehen, gestaltete sich jedoch schwieriger als angenommen, denn schon zwei Tage später rannten sie regelrecht ineinander. Sie starrten sich an, unsicher ob sie miteinander sprechen sollten.
„Hi“, sagte Malik schließlich. Für mehr reichte seine Stimme nicht.
„Hallo.“ Auch Marikus Stimme war dünn und er räusperte sich. Wieder kehrte Stille zwischen ihnen ein und Malik trat von einem Bein auf das andere. Er schaffte es sich, sich zum Weggehen zu bewegen.
Es war Mariku, der erneut das Wort ergriff: „Es tut mir leid, was passiert ist. Ich hätte nicht...“ Wieder versagte ihm die Stimme.
Malik senkte den Blick. „Mir auch“, sagte er leise. „Ich hab mich falsch verhalten.“
„Ich geb dir keine Schuld.“ Mariku streckte die Hand nach Malik aus, zog sie aber im letzten Moment wieder zurück. Sein Herz raste und Malik wieder so nah zu sein, war schon fast berauschend. Mariku leckte sich über die Lippen.
Malik sah Mariku wieder an und lächelte. „Aber es ist trotzdem auch meine Schuld.“ Er war angespannt, doch gleichzeitig war es auch ein gutes Gefühl mit Mariku zu reden.
„Ich hätt’s dir sagen sollen.“
Es geschah schon fast reflexartig, dass Malik nach Marikus Hand griff. „Schon gut.“ Er strich mit dem Daumen über Marikus Haut und bemerkte erst dadurch, was er tat. Schnell zog er die Hand zurück. Sein Herz schlug so schnell, dass es in den Ohren pulsierte. „Ich muss gehen“, murmelte er und rannte an Mariku vorbei.
Mariku tat nichts um ihn aufzuhalten, doch drehte sich um, um ihm nachzusehen. Ihre Blicke trafen sich nochmal, dann drehte Malik den Kopf wieder nach vorne.
Mariku sah seine Hand an und strich dann mit seinen Fingern über die Stelle, die Malik gestreichelt hatte. Es kribbelte in seinem Körper, doch seine Hände begannen zu zittern. „Nein“, flüsterte er und drehte sich noch einmal um, obwohl Malik schon längst verschwunden war. Er war noch nicht bereit, ihm wieder nah zu sein.

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