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„Jetzt spielen wir nach meinen Regel“, zischte Malik. Ryou war in eine Schockstarre gefallen. Erinnerungen an damals kamen wieder hoch. Sein Volk starb und er konnte nichts weiter tun als zusehen. Es würde wieder so weit kommen. Es würde wieder passieren und auch wenn er sich tapfer gab, am Ende würde er doch nur wieder zusehen können. Er war schwach. Er würde sich niemals gegen die Notechis wehren können.
„Malik, hör auf“, versuchte Mariku ihn zu beschwichtigen. Er stand vom Bett auf und wollte sich ihnen nähern, doch Malik drückte seine Krallen nur noch mehr gegen Ryous Hals. Mariku blieb stehen. Er wusste, wenn Malik Ryou auch nur ankratzte, würde er ihn damit vergiften.
„Du sagst mir nicht, was ich zu tun habe!“
„Es… es tut mir leid.“ Mariku hob abwehrend die Hände. „Ich bin nicht in der Position dir Vorschriften zu machen. Du hast recht.“ Er gab sich unterwürfig, denn anders würde ihm Malik gar nicht erst zuhören. „Ich flehe dich an Ryou gehen zu lassen. Du hast uns alle gerettet. Welchen Sinn hätte es, uns jetzt umzubringen?“
„Ich lass mich nicht wieder von euch einsperren“, fauchte Malik.
„Niemand wird dich einsperren. Versprochen.“
Malik lachte. „Du hast hier doch nichts zu sagen. Du bist nichts weiter als ein nutzloser Mensch.“ Er trat einen Schritt zur Seite und gab die Tür frei. „Und jetzt beweg dich!“
Mariku knirschte mit den Zähnen. Sein Blick fiel auf die Waffe am Boden, doch Malik würde ihm den Kopf abreißen, bevor er überhaupt nah genug war um sie aufzuheben. Ohne Malik aus den Augen zu lassen, ging er an ihm vorbei. „Was hast du vor?“
„Halt’s Maul!“
Mariku seufzte. Er betrat das Cockpit und sofort richteten sich alle Blicke auf sie.

„Ryou?“ Anzu war aufgestanden. Ryou reagierte nicht. Er starrte ausdruckslos geradeaus, gefangen in seinen schrecklichen Erinnerungen.
„Es läuft jetzt nach meinem Kommando, ihr nutzlosen Insekten. Außer ihr wollt, das euer Kapitän den Kopf verliert.“
Mariku ließ sich auf einen der Sitze sinken und verschränkte die Arme vor der Brust. Er konnte nicht fassen, in was für einer Situation er jetzt schon wieder war. Gerade eben noch war er dem Tod entronnen, nur um jetzt wieder in einer unangenehmen Situation zu sitzen.
„Die Koordinaten sind 458C 52W, Veri-Galaxie.“
„Ein Sprung ist unmöglich. Das Schiff ist zu beschädigt!“, erklärte Jonouchi.
„Wir springen!“, fauchte Malik. Jonouchi und Anzu warfen sich unsichere Blicke zu. „LOS!“ Anzu und Jonouchi ließen sich auf ihre Sitze sinken. Honda war nicht anwesend. Wahrscheinlich kümmerte sich immer noch Bakura um ihn.

Mariku beobachtete sie, bis er Jonouchis Blick auffing. Jonouchi hatte die Finger um die Steuerung gekrallt und sah ihn eindringlich an. Mariku sah von der Steuerung zu Malik und dann zurück zu Jonouchi. Er setzte sich aufrecht hin und straffte die Schultern. Erneut sah er zu Malik, der ihm keine Aufmerksamkeit schenkte. Langsam nickte Mariku und Jonouchi richtete seinen Blick wieder auf die Steuerung in seinen Händen. So lässig wie möglich stand Mariku auf.

„Was hast du vor?“, zischte Malik.
„Ach weißt du…“ Mariku grinste leicht. Wahrscheinlich war das das Letzte, was er je tun würde. Er nutzte es aus, dass Malik durch Ryou in seinen Bewegungen eingeschränkt war und legte genau in dem Moment seinen Arm um seinen Hals, als Jonouchi das Steuer herumriss und sie den Boden unter den Füßen verloren. Malik ließ Ryou los und seine Zähne bohrten sich in Marikus Arm. Mariku schrie auf. Er rechnete jeden Moment damit, dass sein Körper taub wurde und er nicht mehr atmen konnte. Mariku schloss die Augen, doch nichts geschah. Nur der Schmerz breitete sich durch seinen Körper aus. Es war ein Trockenbiss! Überrascht öffnete Mariku die Augen wieder. Malik injizierte kein Gift in seinen Körper. Was nicht bedeutete, dass der Biss nicht trotzdem verflucht wehtat. Trotz der Schmerzen ließ er Malik jedoch nicht los.

Ryou erwachte aus seiner Starre und hielt sich an der Armlehne seines Stuhls fest. Er schüttelte den Kopf einige Male um die dunklen Gedanken abzuschütteln. Sein Herz raste immer noch, doch jetzt war er mehr denn je sicher Malik sofort zu töten, sobald er wieder im Besitz einer Waffe war.
Während Jonouchi dafür sorgte, dass das Schiff wieder einen stabilen Kurs flog, hämmerte Ryou eine Zahlenkombination in das Kontrollpanel seines Stuhls. Die Armlehne öffnete sich und eine handliche Pistole kam zum Vorschein. Mit zittrigen Knien richtete sich Ryou auf, die Pistole in der Hand. Er sah zu Mariku und Malik, die immer noch auf dem Boden lagen. Mariku hatte Malik fest im Griff, während Malik seine Zähne tief in Marikus Unterarm versenkt hatte.
Ryou richtete die Waffe auf Malik. „Lass ihn los, Arschloch“, zischte er. Er zitterte am ganzen Leib, doch diesmal würde er Malik ein für alle Mal erschießen.

Malik sah auf, doch er machte keine Anstalten Marikus Arm freizugeben. Er schmeckte Blut in seinem Mund. Er konnte ihn nicht töten, selbst wenn er es wollte, denn Mariku war im Moment nun mal der einzige, der ihn nicht tot sehen wollte. „Lass ihn los“, wiederholte Ryou und verengte die Augen. Am besten wäre es, wenn er beide erschoss.
„Hör auf Ryou!“, mischte sich Mariku ein. Sein Körper war in einen Schock verfallen und spürte den Schmerz vorerst nicht mehr.
„Sag mir nicht, du verteidigst ihn immer noch? Selbst JETZT?“
„Ja.“ Maliks Augen weiteten sich überrascht und sein Biss lockerte sich etwas.
Ryou presste die Lippen aufeinander. „Ich sollte dich zusammen mit ihm erschießen.“ Sein Finger war um den Abzug gelegt und Mariku und Malik sahen ihn abwartend an. Ryou gab einen frustrierten Laut von sich und ließ die Waffe sinken. Er konnte einfach niemanden töten. Es war gegen seine Natur. Er war kein Mörder. Er würde nie einer sein. Selbst, wenn es ein Notechis war, der ihm gegenüberstand.

Die Tür glitt auf und Bakura trat ein. Er hielt sich den Kopf. Der Bereich um seine Augen war immer noch gerötet, doch er schien keine Probleme mit dem Sehen mehr zu haben. „Was ist jetzt schon…“, er hielt inne als er die Waffe in Ryous Hand sah. Dann fiel sein Blick auf Mariku und Malik am Boden. „Ich hab scheinbar irgendwas verpasst.“
„Lange Geschichte“, antwortete Mariku. Sein Arm war inzwischen taub geworden und sein Gehirn weigerte sich immer noch den Schmerz zu akzeptieren.
„Ähm, ich mische mich nur ungern ein, aber wir haben hier ein kleines Problem“, sagte plötzlich Jonouchi.
„Was ist es?“, fragte Ryou genervt. Er war wütend auf sich selbst; wütend, weil er so schwach war.
„Wir sind in der Anziehung eines Planeten gelandet und wir driften langsam auf ihn zu.“
Ryou verdrehte die Augen. „Dann flieg raus! Ist doch nicht das erste Mal.“
„Ich versuch‘s ja, aber die Anziehung ist zu stark.“
„Heißt das, wir stürzen noch mal ab?“, fragte Bakura.
„Nein“, widersprach Jonouchi. „Wir haben noch Kontrolle über das Schiff. Wir werden relativ sanft aufsetzen, abhängig von Planetenoberfläche.“
„Der Oberflächenscanner sagt, der Planet besteht hauptsächlich aus Schnee und Eis.“ Anzu drückte ein paar Knöpfe an der Konsole. „Außentemperatur geschätzt: -20°“
Mariku spürte, wie sich Maliks Körper verspannte. Er hatte ihn immer noch nicht losgelassen.
Ryou verstaute die Waffe wieder in der Armlehne. „Mariku!“ Der Angesprochene sah auf. Ryou wirkte trotz ihrer Situation plötzlich irgendwie fröhlich. Es lag ein Glänzen in seinen Augen, das Mariku bisher noch nicht bei ihm gesehen hatte. „Der Notechis bleibt vorerst am Leben, aber erwarte nicht, dass es mich kümmern würde, wenn er an irgendwas krepiert.“ Er schmunzelte. „Ich übergebe ihn deiner Verantwortung.“ Mariku hob überrascht die Augenbrauen. Damit hatte er sicher nicht gerechnet. Ryou wandte ihm den Rücken zu. „Und jetzt verzieht euch. Ich will euch nicht mehr sehen, bis wir gelandet sind.“

Der Schmerz kam, als Malik seinen Arm losließ. Mariku presste seinen verletzten Arm gegen seine Brust und drückte auf die Bisswunde. Malik wischte sich über den blutigen Mund und vermied es Mariku anzusehen. Schweigend stand er neben ihm, den Blick auf den Boden gerichtet. Ein ungewöhnliches Verhalten, wenn man seine sonst so aufbrausende Art bedachte.
„Brauchst du Hilfe?“, fragte Bakura und hielt Mariku seine Hand hin. Mariku ergriff sie dankbar, doch schon im nächsten Moment schoss Schmerz durch seine Schulter. Wenn das so weiter ging, würde er noch als Krüppel enden. Er hoffte nicht, dass sich Malik als nächstes seine Beine aussuchte. Trotz Bakuras Hilfe fiel es Mariku schwer aufzustehen. Seine Beine wollten ihm nicht gehorchen und er knickte ein paar Mal ein, bis Bakura ihn unter den Achseln packte und zusätzlich abstützte. Malik folgte ihnen aus dem Cockpit in Marikus Kabine.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht ließ sich Mariku auf den Stuhl fallen und hielt sich den Arm. Bei all der Träumerei von Abenteuern hatte er vergessen, dass diese durchaus wirklich gefährlich waren und er war eher nicht zum Helden geboren. Besonders, wenn man bedachte, dass das Einzige, was er bisher beigetragen hatte, das Verteidigen eines Massenmörders war. Er sah zu Malik, der sich aufs Bett gelegt und ihm den Rücken zugewandt hatte. Was ging nur in seinem Kopf vor? Doch die Frage war viel mehr: was ging in seinem eigenen Kopf vor?

Behutsam nahm Bakura seinen Arm und begann den Stoff aus der Wunde zu zupfen. Mariku biss die Zähne zusammen und schloss die Augen. Malik würde eines Tages sein Tod sein und er war selbst schuld daran. „Zieh mal aus.“ Bakura zupfte an Marikus Shirt und dieser zog es eher schwerfällig aus. Bakura musste ihm dabei helfen, denn er hatte Schwierigkeiten seinen Arm zu heben. Er war erst ein paar Tage unterwegs und sein Körper schon ein Wrack. Bakura reinigte die Wunde und Mariku sog scharf Luft ein. Das Mittel brannte fast schlimmer als die Wunde selbst.

Schwarze Flecken begannen vor seinen Augen zu tanzen und Mariku nahm mehrere tiefe Atemzüge. Er würde ganz sicher nicht zulassen, dass er das Bewusstsein verlor. Er betrachtete die immer noch blutende Wunde. Maliks Eckzähne hatten tiefe Löcher in seinem Arm hinterlassen und auch der Rest seiner Zähne hatte mehr als nur die obere Hautschicht durchstochen. Er konnte froh sein, das Malik nicht auch noch ein Stück herausgebissen hatte, wie er es bei seiner Schulter getan hatte. Bakura wischte das Blut beiseite und besah sich die Wunde genauer. „Hätte er unten auch so lange Zähne, dann könntest du jetzt wohl durch die Löcher durchsehen.“ Mariku hustete und würgte. Allein die Vorstellung war ihm genug. „Wow, ganz ruhig, das war nur ein Scherz. Aber wenn ihr zwei so weiter macht, dann habe ich bald keine Verbände mehr.“ Er drückte eine Kompresse auf die Bisswunde. „Festhalten.“ Mariku tat wie angewiesen, während Bakura die Mullbinden öffnete. „Ihr solltet aber wirklich an eurer Beziehung arbeiten, sonst gibt das kein Happy End mit euch.“
Malik zischte wütend. „Pass auf was du sagst oder ich reiß dir die Zunge raus, Blutsauger.“
Bakura grinste nur. Er schien sich von Malik nicht bedroht zu fühlen, oder zumindest zeigte er es nicht. „Was sagst du dazu, Mariku?“
Mariku seufzte. „Es gibt keine Beziehung.“
„Noch nicht“, flötete Bakura und packte das Erste-Hilfe-Set wieder zusammen.
„Verschwinde!“, fauchte Malik ihn an.
Bakura zwinkerte Mariku zu, bevor er den Raum verließ.

Seufzend drehte sich Mariku zu Malik um, der ihm einen kurzen, abschätzigen Blick schenkte und ihm dann wieder den Rücken zuwandte. Er wusste nicht, was er jetzt mit Malik anfangen sollte. Ryou hatte ihm die Verantwortung übertragen. Was dachte er sich dabei? Als ob Malik auf ihn hören würde. Ihm kam es vor, als würde Ryou irgendetwas wissen, dass er keinem verriet. Hatte es mit dem Planeten zu tun? Er erinnerte sich daran, wie Maliks Körper sich plötzlich verspannt hatte. Mariku gähnte. Ihm kam es vor, als hätte er schon seit Tagen nicht mehr geschlafen. All die Aufregung hatte ihn ausgelaugt.
Inzwischen hatte er sich sogar mit dem Gedanken angefreundet, dass er Ptera nie rechtzeitig erreichen würde. Sie wussten immer noch nicht, wo sie waren, das Schiff war beschädigt und in ein paar Stunden würden sie erneut auf einem fremdem Planeten landen ohne zu wissen, was sie dort erwartete.

„Willst du dich vielleicht waschen?“ Malik setzte sich auf und sah an sich hinunter. Sein Arm war bis zur Schulter mit getrocknetem Blut bedeckt. Auch in seinem Gesicht klebte noch Blut. Er zuckte mit den Schultern, stand aber trotzdem auf. „Soll ich dir Kleidung von mir leihen?“
Malik schnaubte. „Ich brauch nichts von dir!“
Mariku hob abwehrend die Hände. „Schon gut. Ich dachte nur, du willst aus diesen Fetzen raus.“
Wieder sah Malik an sich hinunter. Seine Hose hatte ein großes Loch am rechten Knie und war an mehreren Stellen zerrissen. Er hatte die Ärmel seines Shirts selbst abgerissen um das Blut loszuwerden, als er die ersten Trodectans getötet hatte, die als Wachen positioniert gewesen waren. Seine Kleidung war mehr als nur ramponiert, trotzdem presste er stur die Lippen aufeinander. Mariku verdrehte die Augen und führte Malik in den kleinen Waschraum.
„Beeil dich aber.“ Mariku lehnte sich gegen die Tür, als sich diese hinter Malik schloss und rutschte auf den Boden. Er legte den Kopf zurück und schloss die Augen. Das waren die schlimmsten Tage seines Lebens.


Mariku fiel rückwärts in den Raum, als die Tür aufglitt. „Au.“ Er sah zu Malik hoch, der mit gehobenen Augenbrauen über ihm stand. Gähnend rappelte er sich auf. Er war froh, wenn er jetzt gleich in sein Bett kam. Er musterte Malik. „Ist doch gleich viel besser, nicht wahr?“
Malik äußerte sich nicht dazu, sondern schob sich an Mariku vorbei und ging zurück in dessen Zimmer. Mariku seufzte. Das würde niemals gut gehen.

Malik lag wieder auf dem Bett; das Gesicht zur Wand gedreht. Mariku setzte sich wieder auf den Stuhl und rieb sich über den frisch verbundenen Arm. Es würde sehr eng werden in diesem Bett und er war sich sicher, dass das Malik nicht gefallen würde.
„So“, fing er an und trommelte mit seinen Fingern auf seine Oberschenkel, „die Veri-Galaxie – lebt dort der Rest deines Volkes?“ Er lehnte sich im Stuhl zurück.
„Das geht dich nichts an“, murrte Malik ohne ihn anzusehen.
Mit einer Antwort hatte Mariku sowieso nicht gerechnet. „Wie lange warst du auf dieser zerfallenen Raumstation?“
„Halt’s Maul!“ Mariku verdrehte die Augen. Dann eben kein Small Talk. Er wechselte seinen Sitzplatz von Stuhl zu Bett, was dazu führte, das Malik sich umdrehte. „Was soll das werden?“
„Das ist immer noch mein Bett.“ Er würde sich von Malik sicher nichts sagen lassen. „Und ich bin müde. Ich wurde fast aufgefressen, durch einen Wald gehetzt und dann auch noch gebissen. Ich will schlafen und ich werde es in diesem Bett tun. Wenn dir das nicht passt, dann schlaf auf dem Boden!“ Malik fauchte und zeigte seine Zähne, doch Mariku war nicht beeindruckt. Er streckte sich auf dem Bett aus, was dazu führte das Malik sich klein machte und bis an die Wand rutschte. Trotzdem berührten sie sich fast, denn das Bett bot nicht genug Platz für zwei Personen.
Malik zischte und fauchte. Genervt packte Mariku ihn am Kragen und zog ihn zu sich. Schmerz schoss durch seine Arme und den Oberkörper, doch er verdrängte ihn. Maliks und sein Gesicht berührten sich fast. „Hör zu, du hast mir ein Stück aus der Schulter gebissen und meinen Arm durchlöchert und trotzdem verteidige ich dich immer noch, auch wenn du das nicht verdienst. Zeig gefälligst so viel Dankbarkeit und lass mich in Ruhe schlafen.“
Malik presste die Lippen aufeinander und Mariku ließ ihn wieder los. Der Schmerz und die Müdigkeit sorgten für schlechte Laune. Außerdem konnte er sich nicht einmal daran erinnern, wann er zuletzt etwas gegessen hatte. Er drehte sich auf die Seite, doch seine Schulter bestrafte ihn sogleich dafür. Er drehte sich wieder auf den Rücken, doch so konnte er nicht einschlafen. Seufzend drehte er sich auf den Bauch. Auch nicht unbedingt seine bevorzugte Schlafposition, aber er hatte nicht viel Auswahl.

Mariku drehte den Kopf und sah Malik an, der wiederum ihn beobachtete. „Warum hast du mich nicht vergiftet?“
Malik öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Er starrte Mariku an, auf der Suche nach einer Antwort. „Weil“, begann er, doch dann schüttelte er den Kopf. „Ich hatte meine Gründe.“ Er legte sich ebenfalls hin und achtete dabei genau darauf, dass so viel Abstand zwischen ihm und Mariku war, wie möglich.
„Sturkopf“, murmelte Mariku und schloss die Augen. Seine Glieder fühlten sich schwer wie Blei an und Schmerz pochte dumpf in seinem ganzen Körper. Selbst wenn er gewollt hätte, hätte er die Augen nicht mehr öffnen können.

Malik lauschte Marikus gleichmäßigen Atemzügen. Er spürte die Wärme, die von Marikus Körper ausging und weil sie höher war, als die Umgebungstemperatur, passte sich sein eigener Körper daran an. Menschen waren wirklich eine seltsame Spezies. Dumm, aber auch tapfer. Oder beruhte ihre Tapferkeit allein auf Dummheit? Trotzdem war Mariku ziemlich zäh. Er hatte sein Gift überlebt und er setzte sich trotz allem für ihn ein. Was ging im Kopf dieses schwächlichen Menschen nur vor? Wieso zeigte er nur so wenig Angst ihm gegenüber, obwohl er wusste, zu was er fähig war? Malik leckte sich über die Lippen. Es machte ihn unruhig, dass er Mariku nicht durchschauen konnte.
Malik setzte sich auf, griff nach der Decke und zog sie über sich und Mariku. Im Moment zumindest war Mariku der einzige Verbündete, den er hatte. Malik schloss die Augen. Was jedoch nicht bedeutete, dass er ihm vertraute. Er misstraute ihm genauso sehr wie dem Rest und würde ihn töten, sobald er einen Weg aus diesem Schlamassel sah.
Doch Malik war mehr beunruhigt über das, was bald auf ihn zukommen würde. Kälte. Kein Wunder, dass dieser verfluchte Cygni plötzlich so gut gelaunt war. Malik dachte an die Kälte und rutschte unbewusst näher an Marikus warmen Körper.


Mariku schreckte aus dem Schlaf. Er wollte sich hochstemmen, doch seine Arme belehrten ihn eines Besseren. Er sank auf die Matratze zurück und vergrub sein Gesicht im Kissen. Mariku bemerkte eine Bewegung neben sich und drehte den Kopf. Erst als er den Blick etwas senkte, konnte er Malik neben sich entdecken. Er lag an seiner Seite, sein Atem streifte Marikus Haut. Mariku hob überrascht die Augenbrauen. Er drehte sich leicht auf die Seite. Malik sah fast friedlich aus, wenn er schlief. Mariku streckte den Arm nach ihm, doch bevor er Malik berühren konnte, packte dieser ihn am Handgelenk und öffnete die Augen.
„Was soll das werden?“, fauchte er ihn an und stieß ihn mit so viel Schwung von sich, das Mariku vom Bett rollte. Mariku keuchte schmerzerfüllt auf, als er auf dem Boden aufschlug. Er blieb liegen, paralysiert vom Schmerz.
Malik zögerte, dann rutschte er an den Rand des Bettes und sah nach unten. „War das wirklich nötig?“, presste Mariku hervor.
„Fass mich nicht an!“
„Okay, okay.“ Mariku schaffte es einen Arm zu heben und ihn auf die Matratze zu legen. Er konzentriert sich und wollte sich hochstemmen, doch mit einem leisen Aufschrei sank er wieder auf den Boden zurück. „Ich will nach Hause“, murmelte er.

„Wie ist der Planet von dem du kommst?“ Die Frage kam so überraschend, dass Mariku Malik einfach nur sprachlos anstarrte. Malik entzog sich jedoch seinem Blick, indem er sich wieder hinlegte.
„Nun ja“, begann Mariku langsam und auf der Suche nach Worten. Wie beschrieb man die Erde am besten? „Abwechslungsreich. Es gibt alles möglich; Berge, Ozeane, Schnee und Eis, Wüsten und Wälder.“
„Woher kommst du?“
Es war besser, wenn er Maliks plötzliche Neugierde nicht hinterfragte. Es war immerhin besser, als wenn er ihn anfauchte. „Ägypten – es ist tagsüber sehr heiß, aber nachts wird es sehr kalt. Es gibt sehr viel Sand, aber nur wenig Wasser.“ Er wartete ab, ob Malik noch etwas sagte, doch er schwieg. Ob er ihn nach seiner Heimat fragen sollte? Mariku verwarf den Gedanken. Es war besser, wenn Malik von sich aus davon erzählte. „Willst du mich hier jetzt eigentlich liegen lassen?“
Maliks Gesicht tauchte wieder über ihm auf. Er schien nachzudenken, dann stieg er aus dem Bett und half Mariku hoch. Erleichtert ließ sich Mariku auf die Matratze sinken und schloss die Augen. „Beißen ist definitiv nichts auf das ich stehe.“ Er schlug die Augen wieder auf und sah Malik an. „Kannst du in Zukunft jemand anderen beißen?“
„Ich hab mich nur verteidigt“, rechtfertigte sich Malik.
„Beim ersten Mal hab ich dich nicht mal angegriffen.“
„Ich hatte Hunger.“ Malik zuckte mit den Schultern. Mariku konnte nicht anders als lachen, was zu seinem sehr verwirrten Ausdruck auf Maliks Gesicht führte. „Warum lachst du?“
„Weil die Situation einfach nur zum Lachen ist. Deine ganze Spezies besteht aus Massenmördern, du hättest mich fast umgebracht und hast diesen Plan auch sicher noch in der Hinterhand und trotzdem verteidige ich dich, teile mir ein Bett mit dir und unterhalte mich – die ganze Situation ist einfach nur absurd.“
Malik konnte sein Verhalten immer noch nicht nachvollziehen. „Menschen sind eine komische Rasse.“

Plötzlich ging eine Erschütterung durch das Schiff und Mariku hielt sich am Bettgestell fest. Das Schiff schien über die Oberfläche zu rutschen. Von draußen war ein seltsames Geräusch zu hören, das Mariku nicht zuordnen konnte. Schließlich kam das Schiff zum Stehen und die Motoren erstarben. „Sieht aus, als wären wir da.“ Mariku hievte sich wieder hoch und warf Malik einen kurzen Blick zu. „Du bleibst besser hier.“
Malik widersprach nicht. Er verzog nicht die kleinste Miene, sondern legte sich wieder hin und drehte Mariku den Rücken zu.

Mariku ging Richtung Cockpit, als ihm Ryou gähnend entgegenkam. „Was willst du?“ Sein Tonfall war alles andere als freundlich. Er und Ryou würden wohl niemals Freunde werden.
„Ich wollte fragen, wie es jetzt weitergeht und ob ich irgendwie helfen kann.“ Auch wenn sie keine Freunde werden würden, so wollte Mariku doch wenigstens versuchen ein paar Sympathiepunkte wieder gut zu machen.
„Wir brauchen jetzt erst mal Schlaf“, erklärte Ryou, „danach sehen wir uns um und versuchen die Bewohner dieses Planeten zu kontaktieren.“
„Weißt du denn, was hier lebt?“ Mariku hatte keine Lust noch weiteren Aliens zu begegnen, die ihn auffressen wollten.
„Eine Ahnung.“ Er zuckte mit den Schultern. „Und jetzt geh in deine Kabine zurück und hab ein Auge auf diesen Notechis-Abschaum. Wir machen später noch einen Spaziergang.“ Das Grinsen auf Ryous Gesicht gefiel Mariku kein bisschen. Es passte so gar nicht zu seinem sonst sanften Aussehen. Irgendetwas heckte er aus und Mariku war nicht scharf darauf herauszufinden, was es war. Bestimmt nichts Gutes.
Gerne hätte er einen Blick nach draußen geworfen, doch er wollte es nicht riskieren Ryou zu verärgern. Ihr Verhältnis war schon angespannt genug, deshalb drehte er wieder um und kehrte zu Malik zurück.

„Die anderen ruhen sich erst mal aus.“ Er ließ sich aufs Bett sinken. Malik hatte ihm immer noch den Rücken zugewandt. „Danach geht’s wohl nach draußen.“ Kam es ihm nur so vor, oder war Malik gerade zusammengezuckt? „Ich hoffe, wir kommen hier bald weg.“ Er legte sich neben Malik auf den Rücken, den Kopf hatte er leicht in seine Richtung gedreht. „Verrätst du mir, wo wir sind?
„Nein.“
„Ach komm schon, du willst doch sicher auch hier weg.“ Er streckte die Hand nach Malik aus, doch dieser wirbelte herum und pinnte Mariku auf die Matratze. Mariku verzog das Gesicht vor Schmerz. Nicht nur, das Malik einen sehr festen Griff hatte, auch seine Wunden hatten sich wieder zu Wort gemeldet.
„Ich hab gesagt, du sollst mich nicht anfassen“, zischte er ihn an. Seine Zunge schnellte unruhig vor.
„Momentan bist du es, der mich anfasst.“ Malik sah auf seine Hände, zog sie zurück und ließ sich wieder auf seinen vorherigen Platz sinken. Mariku rieb sich die Handgelenke. „Du bist ziemlich stark.“
Malik gab einen amüsierten Laut von sich. „Natürlich.“
„Willst du denn nicht hier weg?“
Malik ließ sich Zeit mit seiner Antwort. „Doch.“
„Aber?“
„Ich sterbe so oder so und der einzige Unterschied ist, solange ihr hier nicht rauskommt, sterbt ihr mit mir.“ Er hatte sich umgedreht und grinste Mariku an. Mariku wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Ihm fiel es zu leicht, Maliks wahre Natur zu vergessen und zu schwer, zu akzeptieren, was er getan hatte.
„Sind alle Notechis so?“
„Ja“, antwortete Malik ohne zu zögern.
„Wirklich alle?“ Er konnte es nicht glauben. „Habt ihr keinen eigenen Willen?“
Malik packte Mariku an der Kehle. „Wag es nicht, mein Volk zu beleidigen, du Abschaum!“ Er ließ Mariku wieder los und dieser schnappte gierig nach Luft. Er musste seine Worte besser wählen.
„Habt ihr“, er räusperte sich, „niemanden der rebelliert?“
Malik legte den Kopf leicht schief. „Doch.“ Wieder legte sich dieses Grinsen auf seine Lippen, dann fuhr er mit seinem Daumen an seiner Kehle entlang. „Schwächlinge werden aussortiert.“ Damit war das Thema für Malik scheinbar erledigt, denn er drehte sich wieder von Mariku weg. Mariku hakte nicht weiter nach. Er konnte sich nicht vorstellen, wie es sein musste, als Notechis aufzuwachsen. Er wollte es auch gar nicht.

Mariku setzte sich auf und zog die Decke hoch. Er wollte noch etwas schlafen, bevor sie sich in das nächste unfreiwillige Abenteuer stürzten. Er legte die Decke auch wieder über Malik und drehte sich auf den Bauch. Es fiel ihm jedoch schwer einzuschlafen. Zu viele Sachen gingen ihm durch den Kopf. Er merkte wie Malik sich bewegte und hielt still als dieser näher zu ihm rutschte.

Er wusste einfach nicht, wie er Malik einschätzen sollte. Er war ein Mörder, grausam, herablassend und trotzdem… Mariku gab einen frustrierten Laut von sich, was dazu führte das Malik hochschreckte und ihn anfauchte. „Sorry“, murmelte Mariku. Malik packte die Decke und drehte sich von ihm weg, sodass er ihm die Decke wegzog. Mariku packte die Decke nun seinerseits und zog daran, was zu einem stechenden Schmerz in seinem Arm führte. Er fluchte. „Du kannst eine ganz schöne Nervensäge sein, weißt du das eigentlich?“ Malik reagierte nicht. „Komm schon; wie alt bist du? Fünf?“
„Sei still!“

Und genau jetzt fiel es Mariku so unendlich schwer das Monster in Malik zu sehen. Er tat gerne unnahbar und gefährlich, aber war es das wirklich? Hatte er wirklich in diesem Krieg gekämpft oder war es nur eine Story, die er sich ausgedacht hatte, weil er die Krieger seines Volkes bewunderte? Die Königin der Spinnenfrauen hatte gesagt, sie würde Maliks Vater kennen, aber Malik schien sie nicht erkannt zu haben. Hatten sie sich nur nie getroffen oder hatte Malik sie wirklich angelogen?
Mariku seufzte. Er machte sich viel zu viele Gedanken. Er dachte an Mai, seine Schulfreundin, sie hatte ihn immer damit aufgezogen, dass er eine Schwäche für komplizierte Typen hatte. Wobei Malik definitiv die Skala sprengte. Es war nicht so, als ob er sich zum ihm hingezogen fühlte, es war nur… er konnte es nicht erklären.

„Malik, es ist kalt, bitte gib mir die Decke.“ Mit einem Zischen drückte Malik ihm die Decke gegen die Brust. „Danke.“ Er breitete sie wieder über sich selbst und Malik aus. Mariku rutschte weiter ins Bett und sorgte damit dafür, dass Malik von ihm wegrutschte, nur um von der Wand ausgebremst du werden. „Sorry, aber ich muss meinen Arm hier hochlegen. Du kannst mich ruhig als Kissen benutzen, wenn du willst. Nur nicht die Schulter.“
Malik sagte nichts. Er starrte ihn einfach nur an und Mariku versuchte seinen Gesichtsausdruck zu deuten. Es war nicht dunkel im Raum, sondern ein sanftes, blaues Leuchten spendete genug Licht, dass er genau sah, wie sich Maliks Gesicht in einer Mischung aus Überraschung, Ekel und… noch etwas, doch Mariku konnte es nicht bestimmen, verzog. „Schon gut, war nur ein Vorschlag, dann lieg eben unbequem.“
Malik zischte ihn an und Mariku zischte zurück. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Malik so aus, als würde er jeden Moment loslachen. Stattdessen ließ er sich zurück auf die Matratze sinken, mit Abstand zwischen sich und Mariku. „Du bist seltsam.“
„Du bist kompliziert.“ Er konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Mariku gähnte und schloss die Augen. Er hoffte, das Ryou dieses Mal einen besseren Plan hatte, als einfach nur hirnlos durch unbekanntes Gebiet zu rennen.

Fortsetzung folgt...

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